Fit für das Interview ?

Die systematische Vorbereitung auf die vielen Anforderungen eines Interviews ist der halbe Erfolg

Haben Sie in ihre schriftlichen Bewerbungsunterlagen Aussagekraft hineingelegt, den ersten Kontakt nach Möglichkeit telefonisch geknüpft, nach Übersendung der Unterlagen wiederum telefonisch "nachgearbeitet"? Weiter können Sie schriftliche Unterlagen inklusive der Unterstützung nicht bringen und Sie haben alles getan, um in ein Vorstellungsgespräch hineinzugelangen. Aber jetzt haben Sie vielleicht eine Einladung zu einer persönlichen Vorstellung erhalten und ein Interview steht bevor. Welche Vorbereitung ist zu treffen, damit der potentielle Chef nicht alle Vorteile allein auf seiner Seite hat und die Entscheidung einseitig nur von ihm herbeigeführt wird ? Es soll ja schließlich ein Arbeitsvertrag zustande kommen, d.h. daß zwei Vertragspartner übereinkommen müssen, ein gemeinsames Ziel erreichen zu wollen, und das setzt auf beiden Seiten Klarheit und einen guten Informationsstand voraus. Im Normalfall fühlt sich der Bewerber in der schwächeren Position, da augenscheinlich die Verfügungsgewalt über einen Vertrag einseitig beim Arbeitgeber zu liegen scheint. Tatsächlich aber regelt sich diese Frage wie überall am Markt nach Angebot und Nachfrage. Wenn seit geraumer Zeit in den meisten Regionen und Branchen wieder mehr Bewerber als Arbeitsangebote vorhanden sind, heißt das dennoch nicht, daß alles nur einseitig entschieden wird. Qualifikation und eine hohe Übereinstimmung zwischen den Arbeitsplatzanforderungen und dem Bewerberprofil lassen die unternehmensseitigen Erwartungen und Ansprüche nicht geringer werden. Das Gegenteil ist der Fall. Ein Bewerber, gleich um welche Aufgabe im Unternehmen es geht, darf deshalb nach wie vor mit einem gesunden und starken Selbstbewußtsein zur Vorstellung antreten. Dieser Blickwinkel hilft, Streß zu minimieren.

Und damit sind wir beim eigentlich größten Gegner des Bewerbers. Aufregung, hohe Erwartungen an das Gelingen, der Gedanke "Hoffentlich bekomme ich die Position", der Eindruck, man gehe in eine Prüfungssituation mit vielen unangenehmen Fragen das alles führt zu hohem psychischen Druck, der die Beweglichkeit der Gedanken und das Reaktionsvermögen stark einengt und ein selbstsicheres und überzeugendes Auftreten schwerfallen läßt.

Unmittelbar vor dem Gespräch ist es deshalb wichtig, kurz innezuhalten. Mit welcher Einstellung und Erwartung gehe ich in den Termin hinein? Will ich die angebotene Stelle um jeden Preis haben oder mich zunächst eingehender informieren. Muß es unbedingt "klappen" oder bin ich bereit, notfalls auf ein Angebot zu verzichten, wenn meine Erwartungen nur unzureichend erfüllt werden? Die innere Haltung ist die entscheidende Grundlage dafür, wie Sie das Gespräch erleben werden. Je verkrampfter Sie sind, um so anstrengender wird es werden - und um so zweifelhafter sind die Erfolgsaussichten. Haben Sie dagegen ihre "Hausaufgaben" erledigt, können Sie ruhig sein. Und damit sind folgende Schritte gemeint:

Klarheit als Schlüssel

Der augenscheinlich schwerste Prozeß bei einer beruflichen Neuorientierung sind die Fragen "Was will ich, wie soll die neue Aufgabe aussehen, wo sind meine Fähigkeiten, wo bin ich gefragt?" Oft dauert es einige Zeit, bis hierin Klarheit eintritt. Die ergibt sich um so leichter, je mehr man sich informiert und umschaut. Perspektiven ergeben sich nicht, indem man zu Hause brütet und grübelt, sondern Kontakte sucht und Fragen stellt. Aber wenn Sie konkrete Vorstellungen haben, können Sie diese auch kurz und präzise formulieren? Falls nein, vorsuchen Sie auf maximal einer halben A4-Seite ihre Gedanken schriftlich auszudrücken.

Ihr Gesprächspartner wird sich (hoffentlich) mit klaren Ideen ebenfalls auf das Gespräch mit ihnen vorbereitet haben. Sofern er ein geübter und erfahrener Interviewer ist, wird er schrittweise eine Struktur im Gespräch verfolgen, die zwar unterschiedlich aufgebaut sein kann, aber immer wieder dieselben Grundelemente beinhaltet: was haben Sie bereits gemacht, welche Kenntnisse und Erfahrungen haben Sie, warum haben Sie Arbeitgeber gewechselt, warum sind Sie an der Aufgabe interessiert, was haben Sie weiterhin vor, wie sieht ihr privates Umfeld aus, was wollen Sie verdienen, wann können Sie anfangen?

Gesprächspartnern, die umstrukturiert vorgehen oder nur über die Aufgabe reden und mit ihnen fachsimpeln ohne viel zu fragen, sollten Sie mit Vorsicht begegnen. Wer vergißt, diese Fragenkomplexe zu beleuchten, trifft Entscheidungen, die auf unsicheren Füßen stehen, weil zuviele Erwartungen aneinander vorbeigehen werden. Selbstdarstellung trainieren Stellen Sie sich zumindest auf diese Bereiche ein. Üben Sie, ihren beruflichen Werdegang mit kurzen, präzisen Sätzen darzustellen. Was waren die wichtigsten Merkmale der bisherigen Arbeitgeber, was die Kernaufgaben, wie haben Sie die Aufgaben erledigt, warum haben Sie oder wollen Sie den Arbeitgeber wechseln. Wichtig ist, daß Sie frei und ungezwungen darüber sprechen, wo ihre Erfolge waren. Erfolge finden Sie überall dort, wo Sie die Erwartungen des Chefs erfüllt haben und das kann zum Beispiel die konsequente und beharrliche Arbeit gewesen sein, die Monat für Monat mit gleichbleibender guter Leistung versehen wurde. Die Entscheidung, die man für Sie treffen wird, kommt nicht allein aus sachlichen Überlegungen und keineswegs nur aus der Tatsache, daß Sie über ein bestimmtes Paket von Fachkenntnissen verfügen. Ihr Gesprächspartner will Sie darüber hinaus als guten, bewährten und nach Möglichkeit erfolgreichen Mitarbeiter erkennen. Bei diesem Entscheidungsprozeß schwingt mehr als zunächst vermutet wird auf der persönlich-menschlichen Ebene mit. Formulieren Sie deshalb alles mit positiven Worten, vermeiden Sie auf Biegen und Brechen Klagen, Darstellungen der Unzulänglichkeiten ihre Umfeldes, Schuldzuweisungen an Chef oder Kollegen - kurz: alles, was negativen Inhalt hat, weil Sie hierdurch emotionale Barrieren aufbauen, die ihr Gesprächspartner unbewußt aufnimmt. Versuchen Sie stattdessen, einen ungebrochen Willen zur persönlichen Weiterentwicklung zu demonstrieren - egal wie ihre Situation ist.

Positive Darstellungen sind insbesondere wichtig, wenn Sie irgendwann aus Unzufriedenheit oder Verärgerung den Arbeitsplatz gewechselt haben. Beugen Sie Fragen vor, indem Sie von sich aus innerhalb ihrer eigenen Darstellung bereits Überleitungen bringen, die ihren Zuhörer verstehen lassen, warum Sie von der einen zur anderen Firma gegangen sind- natürlich wahrheitsgemäß. Aber Sie haben es leichter in der Hand, mit kurzen und klaren Sätzen das zu sagen, was für Sie vorteilhaft ist. Wenn Sie also mit dem Chef X nicht ausgekommen sind, Sie aber regelrecht abgeworben wurden vom Inhaber der Firma Y, der in ihrer Nachbarschaft wohnte, dann macht sich der zweite Umstand für ihre Darstellung besser und wird vermutlich als ausreichend akzeptiert werden, ohne das Sie noch mit weiteren Fragen zum Sachverhalt rechnen müssen.

Wenn Sie ihre Vorbereitung intensiv gestalten wollen, trainieren Sie ungehemmt mit einem Kassettenrecorder oder sogar vor der eigenen Videokamera. Sie werden erstaunt sein, wieviel Potential zum Feinschliff Sie selbst entdecken werden. Sie dürfen sich gerne auf ihr routiniertes Auftreten verlassen, aber kalkulieren Sie dennoch die Möglichkeit einer Optimierung ein.

Heftige Neugier entwickeln

Nach einer Phase, in der Sie Fragen beantworten müssen, können auch Sie damit rechnen, Informationen zu erhalten, manchmal sogar zu Beginn des Gesprächs. Hören Sie gut zu. Achten Sie nicht nur auf die Aufgabeninhalte, die ihnen beschrieben werden, sondern registrieren Sie besonders die Punkte, in denen ihnen Erwartungen an ihr Verhalten oder an ihre Arbeitsleistung begegnen. Hierin liegen oft die wirklichen Schlüssel zu einer erfolgreichen Verhandlung. Der bilanzsichere Buchhalter, der mit 15 Jahren Berufspraxis antritt aber keine Bereitschaft zu Überstunden während des Jahresabschlusses mitbringt, wird feststellen, daß man die junge Nachwuchskraft mit höherer Einsatzbereitschaft vorzieht, wenn das eine der Kernerwartungen an das Verhalten des neuen Mitarbeiters ist. In aller Regel wird man auch ihnen Gelegenheit geben, Fragen zu stellen. Überlegen Sie rechtzeitig? was Sie über Firma, Aufgabe, Abteilung und Chef wissen müssen, um eine sichere Entscheidung auch ihrerseits treffen zu können. Sinnvolle Fragen fallen Ihnen besonders dann ein, wenn Sie ( siehe eingangs ) ihre "Hausaufgaben" gemacht haben. Was erwarten Sie, was wollen Sie auf keinen Fall vorfinden, wo können Sie aus der Vergangenheit lernen und Vorsorge treffen ? Erkundigen Sie sich beispielsweise nicht nur nach dem Grund der Stellenausschrelbung, sondern auch nach den Absichten, die man damit verfolgt. Welches Ziel will man dadurch erreichen ? Was sind die größten Probleme des Arbeitsbereiches, um den es geht ? Bereits durch diese Fragen werden Sie erstaunlich viel in Erfahrung bringen und das wird ihnen helfen, ein Gefühl dafür zu bekommen, ob es sich um Ihren Traum-job handelt oder ob Sie möglicherweise vom Regen in die Traufe kommen.

Vollständige Beherrschung üben

Wer häufiger Vorstellungsgespräche wahrnimmt, vielleicht um zunächst Informationen zu sammeln und Perspektiven zu gewinnen, wird zunehmend Routine gewinnen in seiner Selbstdarstellung und Fragetechnik. Dann wird es aber auch Zeit, auf die Körpersprache zu achten. Der normale Ablauf während eines Interviews ist, daß der Bewerber zu Beginn noch recht kontrolliert und beherrscht auf seinem Platz sitzt. Je mehr er aber gedanklich ins Gespräch hineingezogen wird, um so weniger achtet er auf seine Körperhaltung und -reaktionen. Da wird nach zwanzig Minuten mit dem Fuß gewackelt, mit den Händen am Ohr gerieben, mit dem Kugelschreiber gespielt und mit dem Drehstuhl Unruhe verbreitet. Alles weist auf Anspannung hin, verrät unter Umstände bei kritischen Fragen Unsicherheit oder erzeugt einfach nur emotionales Unbehagen beim Gegenüber. Wer das Gespräch inhaltlich im Griff hat, kann jetzt zusätzlich auf diese Feinheiten achten und sie kontrollieren. Ohne daß man nun tiefergehende Kenntnisse über dieses Kapital haben muß, reicht eine disziplinierte und ruhige Sitzhaltung in aller Regel bereits aus.

Kein vorschnelles Ja riskieren

Kommt das Gespräch zum Ende, kommt automatisch auch die Frage, wie es weitergeht. Egal wie gut der Eindruck nun ist, den Sie hinterlassen. Ist es das erste Gespräch, kann ein unmittelbares Angebot, das man ihnen vielleicht jetzt schon macht, noch nicht annehmbar sein. Verträge, die schnell und spontan entstehen, werden oft genauso schnell wieder gelöst oder widerrufen. Ein paar Tage sollten zur Verfügung stehen, noch einmal alles in Ruhe zu überdenken. Die berufliche Existenz darf keine Sache der Leichtfertigkeiten sein. Selbst ein Neuwagen wird nicht nach dem ersten Ansehen gekauft. Fassen Sie also auch diesen Entschluß bereits bei Ihren Vorbereitungen. Ein endgültiges Ja sollte erst nach Vorliegen eines vollständigen Arbeitsvertrages erfolgen.

War ihr Gespräch erfolgreich ?

Entscheidend ist nicht, ob Sie alle Fragen richtig und geschickt beantwortet haben sondern ob alles dazu beigetragen hat, daß Vertrauen auf beiden Seiten entstanden ist.

Autor:

Klaus Lowe aus Fürth im Odenwald

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