Handarbeit - Nicht von der Stange

Helga Altdorf aus Obernburg mit ihren Quiltarbeiten
 
Christel Lehr aus Miltenberg beherrscht das Klöppeln in Perfektion. Wer ebenfalls Interesse hat es zu lernen kann sich gern bei ihr melden 09371-95 95 52
   
Die gebürtige Miltenbergerin Kathrin Mäder ist von Beruf Kunsthistorikerin und Archäologin. „Das brachte mich erst zu diesem historischen Handwerk, denn Handspinnerei ist heute nicht mehr bei der Handwerkskammer gelistet und kann als Beruf nur noch als freiberuflicher Textildesigner ausgeübt werden. Es ist nur noch ein historischer (!) Handwerksberuf.
Ein konzentrierter Blick, eine ruhige Hand, geschickte Finger. Das sind die Eigenschaften die eine gute Spitzenklöpplerin braucht. Spitzenklöppeln ist die Kunst, aus leinenem, baumwollenem oder Nesselgarn, wie auch aus Seide, Gold- oder Silberfäden, Synthetik, Metallfäden und andere Materialien, Spitzen aller Arten, Borten Deckchen Einsätze und vieles mehr zu verfertigen. Handarbeit, ist wieder in. Ob Strick oder Klöppelspitze - Handarbeit erobert sogar die Laufstege von London, Mailand und Paris. Denn auch Modeschöpfer haben die alte Handarbeitskunst für sich entdeckt und verarbeiten Teile davon in ihren Kollektionen. Was noch vor zehn Jahren als altmodisch galt, ist heute wieder angesagt – stricken, häkeln und filzen.

„Es wäre schön“, meint Christel Lehr, „wenn die alte Handwerkskunst noch populärer werden würde und einen höheren Stellenwert bekäme.“ Deckchen waren gestern. Neben den traditionellen Stücken, gibt es auch Zeitgenössisches wie Bilder, Bekleidungsspitze, 3 dimensionale Objekte, Schmuck, viele Arten von Gebrauchsspitzen, Wandbehänge, Inspirationen aus Tierwelt, Natur und mehr. „Mir geht es nicht darum meine Arbeiten zu verkaufen. Was mir wichtig ist, ist mein Wissen an andere weiterzugeben, damit diese großartige Kunst immer weiterlebt.“ Bevor es aber mit der eigentlichen Arbeit losgeht, heißt es erst einmal einen Entwurf des gewünschten Objekts anzufertigen, das eine reichliche fachliche Erfahrung erfordert, Technik und eigene Kreativität verbunden mit viel Zeit. Christel Lehr zeichnet sie heute alle selbst. Außerdem hat sie Mustervorlagen aus der ganzen Welt zusammengetragen. Apropos ganze Welt:

Auf Einladung eines japanischen Geschäftsmannes reiste sie sogar für fünf Wochen nach Japan eingeladen, um dort dieses Kunsthandwerk vorzustellen und zu präsentieren. Eine Freundschaft und reger Kontakt besteht weiterhin. Ende Oktober war sogar eine Japanerin bei ihr zu Gast, die eigens nach Miltenberg kam, war um Spitzenklöppeln zu lernen.

Individualität heißt das Stichwort

Das Prinzip das hinter dem Klöppeln steckt, ist ähnlich dem Weben. Die Herstellung der Klöppelspitze, so eine sachliche Beschreibung, ergibt sich aus einem systematischen Wechsel von Kreuzen und Drehen der Fäden im Mehrfachsystem und noch andere verschiedene Arbeitsgänge zur Herstellung von Spitzen jeglicher Art.

Mitte der 80er Jahre entdeckte Lehr das Klöppeln für sich, später ließ sie sich in mehreren Leistungskursen, Prüfungen und vielen Sonderkursen ausbilden. Es folgten Ausstellungen und Präsentationen im In-und Ausland, auch mit Preisen. Sie schätzt an ihrer Tätigkeit nicht nur das spätere Ergebnis. „Für mich ist Klöppeln zu einer regelrechten Sucht geworden. Es ist zwar viel Konzentration erforderlich, aber ich kann dabei trotzdem auch entspannen.“

Die Geschichte des Spitzenklöppelns


Das Kunsthandwerk des Spitzenklöppelns ist schon sehr alt. Es ist ein aus der Renaissance stammendes Flechtwerk aus Fäden. Klöppeln ist sehr früh zu uns nach Europa gekommen. Belgien ist eine Hochburg. Es wird aber auch in Spanien, Italien Malta England, Niederlande ebenso ausgeübt wie in Frankreich, Deutschland und im östlichen Teil Europas. „Es ist neben einer kreativen auch eine entspannende Freizeitbeschäftigung“, findet Christel Lehr. „Und das tut uns in der heutigen, hektischen Zeit gut.“

Auf den Spuren von Dornröschen

Und da der Apfel bekanntlich nicht weit vom Stamm fällt, hat auch Frau Lehrs Tochter, Kathrin Mäder, sich der Handarbeit verschrieben. Auf gut deutsch gesagt: Sie spinnt. Sie beschäftigt sich sehr intensiv mit dem natürlichen Rohstoff Wolle. „Die Handspinnerei ist heute wirtschaftlich ein toter Beruf - trotz DIY-Hype, DaWanda, Bio- und Nachhaltigkeittrends. Ich setzte mich sehr dafür ein, dass nachhaltiges und transparentes Produzieren im Handwerk und das Interesse an natürlichen Rohstoff wie Wolle nicht nur eine Marketingstrategie ist. Das ist ein Thema voll von vielen kleinen, meist gesellschaftskritischen und wirtschaftskritischen Subthemen. Eine Sache, die unbedingt etwas mehr öffentliches Bewusstsein vertragen.“ Auf ihrem Blog schreibt sie regelmäßig darüber (www.backtothewheel.wordpress.com) und sie designt auch ihre Garne selbst. Wenn sich jemand näher für das Spinnen interessiert: Im Frühjahr 2015 wird Kathrin Mäder an der VHS Miltenberg voraussichtlich ein Workshop halten.

(K)eine Männerdomaine


Aber um noch einmal auf das Klöppeln zurückzukommen: Es ist schon ein eher seltenes Hobby und mit Sicherheit keine Männerdomaine. Aber noch seltener ist es, sieht man einen neunzigjährigen Herrn am Klöppelkissen sitzen. Gerade jetzt im Winter, wenn es für den Garten zu kalt wird, ist Josef Spörl aus Miltenberg in seinem „Klöppelelement“. Was er bereits im Kindesalter gelernt hat – bei neun klöppelnden Schwestern, blieb das nicht aus – übt er seit einigen Jahren wieder mehr aus. Von Beruf ist er gelernter Kaufmann, übernahm aber nach dem Krieg auch einige Jahre das Klöppelgeschäft seiner Mutter. Dort haben ihm etwa hundert Frauen „zugeklöppelt“. Seit einigen Jahren betreibt er dieses Hobby wieder aktiver und fertigt in der Winterzeit kleine Weihnachtsanhänger.

Strick dich fit

Auch Stricken ist wieder in. „Bestrickend!“ nennt sich die wöchentliche Strickstunde, bei der eine erfahrene Handarbeiterin zu Fragen und Problemen rund um das Stricken und Häkeln Interessierten zur Verfügung steht. Die Strickstunde findet freitags von ca. 9 bis 10 Uhr im Caritas-Treffpunkt Café fArbe, in Miltenberg am Engelplatz statt. Wolle ist mitzubringen. Der Eintritt ist frei und eine Anmeldung nicht erforderlich.

Quilten hat schon etwas Paradoxes: Helga Altdorf kauft ein teures Stück Stoff, schneidet es in viele kleine Teile, um diese dann wieder zu einem großen Stück zusammenzunähen. Und wenn aus diesen vielen kleinen Stücken wieder ein großes Stück geworden ist, dann ist es immer noch kein Quilt sondern Patchwork. Den Namen Quilt darf das Stück erst tragen, wenn es zusammen mit Einlage (Vlies) und Rückwandstoff „gequiltet“ ist.
Mangels neuen Materials fertigten Auswandererfrauen im 17. Jhd. in Amerika aus allen möglichen Stoffresten wärmende Quilts an. Daran wurde oft gemeinschaftlich gearbeitet. Aus der Not entstand so eine Tugend und nach und nach wurde er immer kunstvoller und aufwendiger gestaltet. Die Generationen gaben in ihren Motiven auch Erlebtes und Gefühle weiter. Damals wurden als wärmende Zwischenlage sogar alte Zeitungen verwendet.

Quilten - Individualität heißt das Stichwort

Seit 9 Jahren, ist auch Helga Altdorf aus Obernburg diesem Hobby verfallen: „Ich habe mir das Quilten zum größten Teil selbst bei gebracht. Ich kann mit einer Nähmaschine umgehen und mathematisch bin ich nicht unbegabt. So kann ich mir also ausrechnen wie ich die Teile zusammensetzen muss“, meint sie lachend. Wenn ich etwas sehe, das mir gefällt, versuche ich es in meinem Geschmack umzusetzen und probiere gern auch mal neue Techniken aus.“
Es wird nie langweilig!

Für Patchworkarbeiten nimmt man in der Regel immer hochwertige Baumwollstoffe. Traditionell wird ein Quilt aus drei Lagen gearbeitet. Die dekorative Oberfläche besteht aus Patchwork-Teilen, die musterhaft zu sogenannten Blöcken zusammengenäht werden. Dabei kann jeder Block aus demselben Muster evtl. mit anderen Farbzusammenstellungen bestehen oder er weist jeweils ein anderes Muster auf. Manchmal bestehen zwei Blöcke im gleichen Muster, aber in anderen Farbzusammenstellungen. Die mittlere, wattierte Lage macht den Quilt warm und kuschelig. Für die dritte Lage, die Rückseite, wird Baumwollstoff verwendet. Alle Lagen verbindet man von Hand mit kleinen, unterbrochenen Stepplinien, den Quiltstichen. Da durch alle drei Lagen genäht wird, entstehen sowohl auf der Ober- als auch der Unterseite zusätzliche dekorative Muster-Effekte.

„Meine Stoffe habe ich im Laufe der Jahre in regionalen Handarbeitsgeschäften und auf Handarbeitsmessen gesammelt oder aus dem Urlaub mitgebracht. Seit einigen Jahren fertige ich neben Decken, Tischdecken, Kissenbezüge, Tischsets auch Babysachen wie Puppen, Bälle oder Mäppchen. Quilten erfordert viel Konzentration, ich kann dabei trotzdem sehr gut entspannen und freue mich über jedes fertige Teil. Denn, jede Quilterin kennt auch UfO´s. Unfertige Objekte, die in den Tiefen des Schrankes verschwinden. Es klingt alles mühsam und nach viel Arbeit. Es IST viel Arbeit! Aber es macht unheimlich viel Spaß!“

Stich für Stich

Auch das Sticken ist eine alte Handarbeitskunst, die heute wieder mehr Anhänger findet. Die Stickprogramme auf den modernen Nähmaschinen bieten dazu viele weitere Möglichkeiten. Früher wurde alles was zur Aussteuer gehörte mit einem Monogramm bestickt. Heute kommen Initialen nicht mehr nur auf Bettwäsche und Co., sondern wie bei Susanne Schnarr, auch auf ihre selbstgenähten Taschen, Kosmetikbeutel, Gotteslobhüllen und Mutterpässe. Das gibt besonders Geschenken eine persönliche Note. Ein besonderes Faible hat sie für Filzstoffe, aus denen sie ihre Taschen kreiert. „Mir macht neben dem Nähen aber auch das Stricken und Häkeln unheimlich viel Spaß. Das Schöne daran finde ich ist, dass man ein ganz individuelles Unikat hat.“

Filzen gestern und heute

Gerade das Filzen hat in den letzten Jahren viele Anhänger gefunden. Einer alten Legende nach hat der heilige Clemens das Filzen erfunden. Bauern schenkten ihm auf seiner Flucht Schafwolle. Damit polsterte er seine Sandalen, um die Blasen zu lindern. Durch Druck, Reibung, Wärme und den Schweiß seiner Füße entstand aus der Wolle ein fester Filz. Forscher gehen davon aus, dass es Filz vermutlich sogar schon Jahrtausende vor Erfindung von Faden und Gewebe gab, da Filzen keiner technischen Hilfsmittel bedarf.

Heute wird Filzen auch im Kindergarten oder Kunstunterricht angeboten. Mit wenig Aufwand verbunden, kann es jeder lernen. Die Anforderung an die Konzentration ist nicht hoch, weil man filzend reden und umherlaufen kann. Dafür sind Durchhaltevermögen ebenso wie Kraft gefragt. Und für eine Kette, aus selbstgerollten bunten Filzkugeln, lässt sich doch jedes Mädchen gern begeistern.


Wer heute selbst kreativ ist, hat Einzigartiges im Schrank, am Körper oder als Geschenk.Frei nach dem Motto: Altes erhalten, neues gestalten. Und ganz nebenbei können Basteln und Handarbeiten für stille Momente auch in der betriebsamen Adventszeit sorgen.
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