So ein Januar!

Schon im Januar dieses Jahres blühten die Schneeglöckchen. Der jetzige Kälteeinbruch im Februar wird zumindest diesen Pflanzen nicht mehr allzu viel schaden. (Foto: Roland Schönmüller)
 
Roman Kempf, Fachberater für Gartenkultur und Landespflege im Landratsamt Miltenberg: „Egal, wie die Winter sein werden, wir können immer davon ausgehen, dass alle Schädlinge wieder pünktlich zur Stelle sein werden, wenn es etwas zu beißen und saugen gibt.“ (Foto: privat)
 
Stefan Pfeifer, Bio-Landwirt aus Kleinwallstadt: „Obwohl die Böden doch so nass sind, gibt es in diesem Jahr außerordentlich viele Mäuse auf den Feldern und Wiesen, die natürlich die Wurzeln schädigen.“ (Foto: privat)
 
Berthold Ort, Forstdirektor im Forstamt Miltenberg: „Das nasse Wetter in diesem Winter hat für die Forstarbeit beträchtliche Auswirkungen. So müssen gefällte Holzstämme derzeit oft im Waldbestand liegen bleiben.“ (Foto: privat)
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Wetteraufzeichnungen seit 1881 – Januar war viel zu mild und zu nass – Probleme für Landwirte und Hobbygärtner

Wo hat es denn so was schon mal gegeben? Die Vögel zwitschern und singen mitten im Januar um die Wette! Ist das nicht normalerweise mit Beginn des Frühlings Ende März der Fall? Der Himmel ist grau und trüb, Nebenschwaden ziehen durch die Täler und es wird tagsüber so gar nicht richtig hell. Das ist doch typisches Novemberwetter! Mit Verlaub: Der Januar war in diesem Jahr alles andere als das, was er normalerweise ist – winterlich, klirrend kalt und im besten Fall mit Schnee. Er war 2018 viel zu warm, viel zu nass und viel zu dunkel.

Warm, nass und dunkel

Seit dem Jahr 1881 gibt es flächendeckende Wetteraufzeichnungen in Deutschland. Diese basieren auf rund 2.000 Messstationen, deren Daten der Deutsche Wetterdienst (DWD) dafür regelmäßig auswertet. Die Wetteraufzeichnungen ermöglichen Vergleiche und zeigen uns, wie das Wetter im Verlauf der Jahre war und auch, wie das Klima sich verändert. Zieht man den Januar 2018 heran, dann gab es in dieser langen Zeit seit 1881 – immerhin 137 Jahre – gerade einmal fünf weitere Monate, die ähnlich mild waren wie der jetzt zu Ende gegangene.

Viele Leserinnen und Leser werden sich nun fragen: Bleiben diese milden Temperaturen ohne Folge? Was kann im Garten passieren, wenn der Boden nicht gefroren ist, was machen Landwirte, wenn es nicht ausreichend kalt ist und hat die viel zu milde Wetterlage nicht auch Auswirkungen auf die Tiere?

Mildes Januarwetter sorgt für Probleme

Wir sind diesen Fragen nachgegangen und haben mit verschiedenen Experten gesprochen. Ihre Einschätzungen lesen Sie nachfolgend.

Rasen kann bei tiefen Temperaturen leiden

Welche Auswirkungen die milden Temperaturen im Januar beispielsweise auf die Gartenarbeit haben, erläutert Roman Kempf, Fachberater für Gartenkultur und Landespflege im Landratsamt Miltenberg: „Man muss unterscheiden zwischen Ziergarten und Nutzgarten. Im Ziergarten ist die Auswirkung der Temperatur auf den Boden eher unbedeutend. Hier stehen die Pflanzen im Vordergrund. Der Rasen zum Beispiel kann bei sehr tiefen Temperaturen sehr wohl leiden, vor allem dann, wenn die schützende Schneedecke fehlt. Solche sogenannten ´Kahlfröste´ sind vor allem in der Landwirtschaft gefürchtet.“ Zum Nutzgarten sagt Kempf: „Im Nutzgarten ist es so, dass traditionell die Beete nach dem Abräumen im Herbst umgegraben werden. Dadurch verschwinden nicht nur Unkraut und Ernterückstände, sondern die groben Schollen frieren bei tiefen Temperaturen durch und bilden dann die vom Gärtner sehr geschätzte Frostgare, einen feinkrümeligen, lockeren Boden, was bei schweren Böden vorteilhaft ist. Bei leichten oder sandigen Böden ist die Empfehlung, die Beete nur mit einer Grabgabel oder mit dem Sauzahn zu lockern, weil Umgraben immer auch das Bodenleben stört. In diesem Fall sollte man mit den Gartenarbeiten warten, bis die ersten stärkeren Fröste vorüber sind.“

Schädlinge werden genug da sein!

Roman Kempf weiß auch, wie es sich mit Schädlingen verhält, die Hobbygärtner nach einem milden Winter ganz besonders fürchten: „Aus der Erfahrung weiß man, dass lang anhaltende, tiefe Minustemperaturen den Plagegeistern und Lästlingen unter den Schädlingen eher wenig ausmachen, denn darauf können sie sich gut einstellen in ihren Überwinterungsverstecken im Boden, in Rindenritzen oder im Falllaub. Und auch wenn ein Großteil der Tiere in den verschiedenen Überwinterungsstadien abgetötet wird, so reicht der verbliebene Rest doch immer wieder aus, um entsprechende Schäden zu verursachen. Das gilt zumindest für die etablierten Schädlinge wie zum Beispiel die Blattläuse, die im Eistadium überwintern. Einige neu eingewanderte und Wärme liebende Schädlinge wie die Walnussfruchtfliege oder der Buchsbaumzünsler werden sich dagegen sicherlich freuen, wenn ihr neues Gastland sie mit milden Wintertemperaturen empfängt. Insgesamt gilt: Die Natur hat das Wechselspiel so eingerichtet, dass alle ein Auskommen haben, denn sie unterscheidet nicht nach Schädling oder Nützling. Gehen wir also davon aus, dass wieder von allem genug da sein wird, dass alle Schädlinge wieder pünktlich zur Stelle sein werden, wenn der Tisch gedeckt ist und es etwas zu beißen und saugen gibt. Auf den Winter können wir uns hierbei nicht verlassen. Aber man kann vorbeugen mit der konsequenten Auswahl widerstandsfähiger und weniger anfälliger Sorten, kombiniert mit angepassten, umweltfreundlichen Abwehrstrategien wie einen Wohlfühlgarten nicht nur für sich, sondern auch für Nützlinge. Das klappt!“

Gehölze und Stauden abdecken

Auch für Stauden und Gehölze hat Roman Kempf einen Rat: „Wenn die Temperaturen nicht so kalt sind, besteht die Gefahr, dass es vor allem bei Gehölzen zu einem verfrühten Austrieb kommt und dann Spätfröste den Austrieb und die Blüten erfrieren lassen. Das war im letzten Jahr der Fall und hat zu einer miserablen Obsternte geführt. Im Hausgarten kann der Hobbygärtner zumindest kleinere Gehölze und Staudenflächen bei Spätfrostgefahr mit Vlies abdecken.“

Bei nassen Böden fault die Saat

Hubertus Brenneis ist Landwirt in Breitenbuch und weiß aus seiner Erfahrung: „Es gibt kein normales Jahr mehr. In diesem Jahr ist das nasse Wetter den Winter über natürlich gut für das Grundwasser, aber wir Landwirte haben damit zu kämpfen. Wenn die Böden zu nass sind, kann natürlich die Saat faulen. Wir haben Wintergerste und Triticale ausgesät, das demnächst gedüngt werden müsste! Aber die Böden sind mit Maschinen derzeit überhaupt nicht zu befahren. Im letzten Jahr war es gerade umgekehrt. Da mussten wir beim Einkauf von Kraftfutter im März Niedrigwassergeld zahlen, weil die Rheinschiffe durch das Niedrigwasser nicht so viel Fracht laden konnten.“

Bodenfrost von Nutzen

Bio-Landwirt Stefan Pfeifer aus Kleinwallstadt sagt: „Generell war der Winter in diesem Jahr sehr nass. Deshalb sind die Böden dementsprechend schwer. Demnächst müsste der Dünger – bei uns ist es Mist, da wir ein Biobetrieb sind – ausgebracht werden. Ich hoffe, dass sich der Boden noch etwas festigt, damit wir ihn mit den Maschinen befahren können. Leichter Bodenfrost ist da von Nutzen. Für die Wassersättigung des Bodens und den Grundwasserspeicher waren die Niederschläge natürlich von Vorteil. Obwohl die Böden doch so nass sind, gibt es in diesem Jahr außerordentlich viele Mäuse auf den Feldern und Wiesen, die natürlich die Wurzeln schädigen. So langsam würden wir Landwirte uns aber trockenere Felder wünschen, dass sich vor allem die Schäden durch das Befahren mit den Maschinen in Grenzen halten. Ich bin zudem einer der Landwirte, die den Winterdienst für den Maschinenring übernehmen für verschiedene Supermärkte, Discounter usw.. Aufgrund der milderen Witterung hatten wir aber bereits den vierten Winter infolge nicht so viel zu tun.“

Holzqualität kann leiden

Auch die Forstarbeit leidet unter den milden Temperaturen. „Das nasse Wetter in diesem Winter hat für die Forstarbeit beträchtliche Auswirkungen“, erklären Forstdirektor Berthold Ort vom Forstamt Miltenberg und Forstwirt Hubert Astraschewsky, zuständig für den Forst Mairhofen, Markt Kleinwallstadt und Oberaulenbach dazu. „Die Problemlage besteht darin, dass die Waldböden durch den vielen Regen und die für einen Winter meist milden Temperaturen großteils stark aufgeweicht sind. Wenn man mit dem Schlepper zum Herausziehen der Holzstämme an den beschotterten Waldweg in den Waldbestand hineinfährt, macht man zwangsläufig Spuren. Tiefe Spuren möchten wir wegen des Bodenschutzes jedoch vermeiden. Die Folge ist, dass die gefällten Holzstämme derzeit oft im Waldbestand liegen bleiben. Bei den aktuellen Minustemperaturen inklusive Schneelage ist das für die Holzqualität kein großes Problem. Wenn es aber wieder wärmer wird und weiter nass bleibt, dann wird die Holzqualität der liegenden Stämme leiden. Zudem werden die Sägewerke schlecht mit Holz versorgt.“

Winter im Schnitt milder

„Ein Hauptproblem besteht auch darin, dass wir in den vergangenen Monaten eine Häufung von Stürmen hatten“, legen Astraschewsky und Ort weiter dar. „Und durch den nassen Boden verlieren die Bäume an Standsicherheit. Bei Frost haben sie deutlich mehr Halt. Wir als Förster haben schon den Eindruck, dass sich im Vergleich zu früheren Jahrzehnten Wetterkonstellationen geändert haben. Winter sind oft im Schnitt milder, dann sind aber wieder mal durchaus kalte Phasen dabei. Im Sommer sind öfter Trockenphasen mit kaum Niederschlag – mehr Stürme, mehr Hochwasser, mehr Extremrekorde allgemein. Ein weiteres Kennzeichen – und dies ist noch wenig thematisiert – ist der laufende, relativ starke Temperaturwechsel innerhalb kürzester Zeit, also weniger stabile Lagen. Dies hat z.B. auch die Auswirkung, dass die ´Winterruhe´ für Pflanzen und manche Tiere weniger wird.“

Frühlingsgefühle im Januar

Das teils sehr milde Januarwetter mit starken Temperaturschwankungen hat Tiere aus ihren Verstecken gelockt. Während noch Wintergäste wie Erlenzeisige, Dompfaffen und Kernbeißer am Futterhaus sitzen, singen Sumpf-, Kohl- und Blaumeisen bereits wie im März und die Amseln flöten morgens und abends im Gebüsch. In der Pflanzwelt sind bereits Winterlinge und Alpenveilchen in den Startlöchern, Christrosen und Leberblümchen stehen in voller Blüte. Die ersten Igel sind aufgewacht, Wildbienen summen umher, kleine Mückenschwärme tanzen in der Sonne und einzelne Käfer und Wanzen sind unterwegs. Für diese vorgezogenen Frühlingsaktivitäten gibt es zwei Gründe, wie LBV-Sprecher Markus Erlwein erklärt: „Die Tage werden langsam wieder länger und steuern damit bei Tieren den Hormonhaushalt und die Fortpflanzungsaktivitäten. Zudem herrschen milde Tagestemperaturen mit bis zu zehn Grad Celsius und mehr.“ Die Temperatur ist ein wichtiger Motor in der Natur. „Während niedrige Temperaturen mit Frost und Eis die Natur ausbremsen, wirken milde Werte fördernd.“

Winter noch nicht vorbei

Allerdings sind bis zum kalendarischen Frühlingsbeginn am 20. März noch Rückfälle mit bremsend wirkenden Wintereinbrüchen möglich. Das hat sich Anfang Februar bereits gezeigt, als Schnee und Kälte Einzug hielten. Denn sobald Väterchen Frost die Natur wieder im Griff hat, kommen alle Frühlingsaktivitäten zum Erliegen – möglicherweise auch zum Nachteil von Pflanzen und Tieren, die sich schon weit vorgewagt haben.

Co-Autorinnen: Liane Schwab und Sylvia Kester
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