Nachrüsten oder doch lieber gleich verschrotten?

In Zukunft wird man überlegen müssen, welches Verkehrsmittel man benutzt. Bild Quelle: Verkehrsdezernat Stadt Frankfurt
 
Tino Seitz aus Klingenberg/Röllfeld ist seit vielen Jahren ein Berufspendler. Bild Quelle: Tino Seitz

Viele Menschen aus der Rhein-Main Region vom Frankfurter Dieselfahrverbot betroffen

Das Verwaltungsgericht Wiesbaden hat Anfang September 2018 entschieden, dass die Stadt Frankfurt ein Dieselfahrverbot erlassen muss. Ab Februar 2019 sind Dieselfahrzeuge mit Euro-4-Motoren sowie Benziner der Schadstoffklassen 1 und 2 betroffen. Ab 1. September 2019 werden dann auch Euro-5-Dieselfahrzeuge zumindest teilweise aus der Stadt Frankfurt verbannt. Das Gericht gab nicht verbindlich vor, in welchem Gebiet das Fahrverbot gelten soll. Die Stadt Frankfurt hofft, das Fahrverbot abwenden zu können.
Jetzt könnte man natürlich sagen, was geht uns das an? Bei uns im Landkreis Miltenberg gibt es bisher kein Fahrverbot. Hier können noch alle Autos unbehelligt überall hin fahren. Aber so einfach ist das nicht, denn viele Menschen aus unserem Landkreis fahren täglich mit dem Auto zur Arbeit nach Frankfurt und Umgebung. In den allermeisten Fällen sind die Berufspendler auch auf ihr Auto angewiesen, denn es ist gerade in unserer doch ländlich geprägten Gegend nicht einfach mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu fahren. Mit dem Auto braucht man ca. 45 – 60 Minuten für die Fahrt vom Landkreis Miltenberg nach Frankfurt. Mit dem Zug ist das viel umständlicher und braucht auch viel mehr Zeit.

Rainer Michaelis vom Verkehrsdezernat der Stadt Frankfurt sagt dazu: „Das schriftliche Urteil liegt aktuell noch nicht vor, auch deswegen stehen Details zum räumlichen Geltungsbereich oder zu Ausnahmeregelungen noch nicht fest. Diese sind Inhalt des vom Land Hessen fortzuschreibenden Luftreinhalteplans. Die beklagte hessische Landesregierung hat am 19. September 2018 angekündigt, Rechtsmittel gegen das Urteil einzulegen.“

Das sagt die Politik:

Diesel der Schadstoffklasse Euro 4 und Euro 5 sollen nach dem Willen der Regierung in die Fahrverbotszonen einfahren dürfen, wenn sie weniger als 270 Milligramm Stickoxid pro gefahrenen Kilometer ausstoßen. Laut Umweltbundesamt stoßen bislang Euro 4-Diesel im Schnitt 670 Milligramm Stickoxid aus und Euro 5-Diesel sogar rund 900 Milligramm.
Wer ein älteres und daher schmutzigeres Dieselfahrzeug besitzt soll zwischen zwei Möglichkeiten wählen können: Entweder wird der alte Diesel gegen ein neueres und saubereres Auto getauscht, wobei als Kaufanreiz eine „Abwrackprämie“ gezahlt wird oder der alte Diesel wird nachgerüstet. Wobei dann das so genannte SCR-System eingebaut wird, das den Ausstoß der Stickoxide auf einen Wert unter 270 Milligramm reduziert.

Mehrere Einschränkungen

Die Pläne der Koalition richten sich nur an Diesel Besitzer bestimmter Schadstoffklassen. So gilt die Umtauschoption nur für die Klassen Euro 4 und 5 und die Möglichkeit der Nachrüstung nur für Diesel mit Euro 5.
Zusätzlich sollen diese Angebote nur in Städten mit besonders hoher Luftverschmutzung gelten. Hier würden dann aber die Bewohner der angrenzenden Landkreise und Berufspendler berücksichtigt.

Auch das Handwerk ist betroffen

Zur Vereinbarung der Koalitionspartner in der Diskussion um Dieselfahrzeuge und drohende Fahrverbote erklärt Ludwig Paul, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer für Unterfranken:
„Das unterfränkische Handwerk begrüßt den Kompromiss, der im Rahmen des Dieselgipfels der Koalition erzielt wurde. Dass neben Umtauschprämien auch die vom Handwerk lange geforderte Möglichkeit zur Nachrüstung dafür geeigneter Fahrzeuge geschaffen wird, ist aus Sicht der unterfränkischen Betriebe ein gutes Signal. Zu begrüßen ist zudem, dass schnell eine Förderung für die Nachrüstung von Nutzfahrzeugen zwischen 2,8 und 7,5 Tonnen geschaffen wird. Allerdings erwartet das Handwerk auch in diesem Fahrzeugsegment, dass die Autoindustrie finanzielle Verantwortung übernimmt. Wir brauchen zudem auch Lösungen für leichtere Fahrzeuge wie Kombis und Kleintransporter, da diese den handwerklichen Fuhrpark stark prägen.

Die bislang vorgeschlagene Lösung, dass eine Pkw-Nachrüstung nur in den 14 der am meisten belasteten Städten ermöglicht werden soll, ist für die privaten und gewerblichen Pkw-Nutzer nicht ausreichend. Um drohende Fahrverbote zu verhindern, müssen auch Dieselbesitzer in anderen Regionen – vor allem in Hinblick auf Langstreckenpendler und Betriebe mit Fernaufträgen sowie das Kfz-Gewerbe – die Möglichkeit erhalten, Nachrüstoptionen zu nutzen. Ich appelliere an alle Beteiligten, den Weg freizumachen, um die im Kompromiss vereinbarten Maßnahmen schnell und unbürokratisch gemeinsam umzusetzen.“


Frankfurter Dieselfahrverbot – was bedeutet das für die Pendler

Interview mit Tino Seitz, Klingenberg/Röllfeld

1. Wie lange fahren Sie schon mit dem Auto Richtung Frankfurt?
Ich fahre seit ca. 25 Jahren täglich mit dem Auto zur Arbeit nach Frankfurt bzw. Offenbach.

2. Warum fahren Sie nicht öffentlich?
Ich habe in den 25 Jahren an mehreren verschiedenen Standorten gearbeitet. Bei allen hätte die Fahrt mit den öffentlichen Verkehrsmitteln in etwa doppelt so lange gedauert. Das war bzw. ist mir zu umständlich und schränkt die ohnehin knappe Freizeit unter der Woche nochmals ein.

3. Beeinträchtigt Sie das Dieselfahrverbot in Zukunft?
Aktuell arbeite ich in Offenbach, für das nach meinem Kenntnisstand noch nicht entschieden ist, ob bzw. ab wann ein Fahrverbot für Diesel-Fahrzeuge in Kraft tritt. Ich halte es jedoch für sehr wahrscheinlich, mittelfristig mit meinem Euro 5-Diesel nicht mehr bis zu meinem Arbeitsplatz fahren zu dürfen.

4. Welche Konsequenzen hat das für Sie?
In dem Fall werde ich mich voraussichtlich nach einem anderen Fahrzeug umsehen. Meine Frau fährt bereits seit 5 Jahren ein Auto mit CNG (Erdgas)-Antrieb und ich persönlich halte diese Technologie für eine günstige und umweltfreundliche Alternative zum Diesel. Da mein Auto bereits 240.000 km auf dem Tacho hat, trifft mich ein eventueller Fahrzeugwechsel nicht ganz so hart wie einen KFZ-Besitzer, der sich noch vor wenigen Jahren einen Euro 5-Diesel gekauft hat.

5. Was halten Sie generell vom Dieselfahrverbot?
Natürlich befürworte ich die notwendige Reduktion der Stickoxid-Belastung gerade in Großstädten. Jedoch würde ich mir wünschen, dass anstatt der Autofahrer insbesondere die Automobilkonzerne sowie die Politik stärker in die Verantwortung genommen werden würden, wie z.B. durch für die Autofahrer kostenlose Nachrüstungen von Dieselfahrzeugen oder einen weiteren Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs und des Radwegenetzes.

Es ist ein Hauen und Stechen

Der Diesel entzweit sie alle: Die Politik will saubere Autos und das möglichst schnell und grundlegend. Dabei hat jede Partei andere Vorschläge parat. Die Industrie warnt vor einer Überforderung der Autoindustrie und einem diesbezüglichen Arbeitsplatzabbau. Der Dachverband der europäischen Autohersteller ACEA gibt sich wegen der Umweltziele besorgt. Die Autohersteller sperren sich bei der Diesel-Nachrüstung und der Dieselfahrer sitzt zwischen allen Stühlen. Letztendlich wird wohl jeder Dieselfahrer in seine eigene Tasche greifen müssen und entweder eine Nachrüstung an seinem Auto vornehmen lassen oder er muss seinen Diesel gegen eine noch nicht feststehende Abwrackprämie verschrotten und sich ein neues Fahrzeug zulegen.

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