Anregungen für geänderte Tourismusförderung

Wenn es nach Gutachter Jan Kobernuß geht, soll der Landkreis Miltenberg den Tourismus künftig anders fördern als bislang. Er sprach sich im Ausschuss für Wirtschaft und Tourismus am Mittwoch unter anderem dafür aus, die Regionalorganisationen wie bisher zu finanzieren, die festen Zuschüsse für die Touristischen Arbeitsgemeinschaften (TAG) Churfranken und Räuberland schrittweise zu reduzieren und stattdessen projektbezogen zu fördern.

Eingangs der Sitzung stellte Landrat Jens Marco Scherf die hohe Bedeutung des Tourismus für den Landkreis Miltenberg dar – einen Landkreis, der zum einen der industrielle Kern der Metropolregion Frankfurt-Rhein-Main ist, zum anderen über eine einzigartige Natur- und Kulturlandschaft verfügt. So habe der Tourismus eine unmittelbare Bedeutung für die Beherbergung von Urlaubsgästen, strahle eine positive Wirkung auf die Lebensqualität der Bürgerinnen und Bürger vor Ort aus und beeinflusse die Anwerbung von Fachkräften für die heimische Wirtschaft positiv.

Kobernuß’ Ausführungen sind Ausfluss eines vom Kreisausschuss im Mai 2017 in Auftrag gegebenen Gutachtens, in dem der Fachmann (ift Freizeit- und Tourismusberatung) die Aufgabenverteilung, die touristischen Strukturen sowie die Finanzflüsse untersuchen und Hinweise zur Effizienzsteigerung geben sollte.

Kobernuß hatte dafür unter anderem die Geschäftsberichte der Tourismusorganisationen durchgearbeitet, die Übernachtungszahlen und weitere Kennzahlen herangezogen sowie mit den jeweiligen Geschäftsführerinnen und Geschäftsführern geredet. Zusammenfassend kam er auf rund 258.000 Euro, die der Landkreis Miltenberg pro Jahr für die Förderung des Tourismus ausgibt. Zudem lägen Anträge auf weitere Finanzmittel in Höhe von rund 102.000 Euro vor.

Laut Kobernuß ist der Tourismus im Landkreis von einer rückläufigen Bettenzahl bei gleichzeitig steigenden Ankünften und Übernachtungen geprägt. Dies sei positiv, denn die Auslastung der Betten steige, sagte er. Er verglich diese Entwicklung mit benachbarten Landkreisen, Franken und Bayern, machte Aussagen zur Tourismusintensität und stellte die Fakten in Bezug zum Budgeteinsatz des Landkreises. So gibt der Landkreis Kobernuß’ Berechnungen zufolge, alle touristischen Zuschüsse zusammengerechnet, pro Übernachtung 88 Cent aus, je Einwohner sind es 2,01 Euro. Auch hatte der Tourismusexperte die Budgets des Tourismusverbandes Spessart-Mainland, des TouristikService Odenwald-Bergstraße, der Odenwald Tourismus GmbH sowie der Touristischen Arbeitsgemeinschaften Miltenberg-Churfranken, Touristikverband Räuberland und Bayerischer Odenwald sowie der TAG Unteres Mümlingtal unter die Lupe genommen und die jeweiligen Budgets sowie die Herkunft und Verwendung der Finanzmittel ermittelt. In der Folge arbeitete Kobernuß die Stärken und Schwächen der Organisationen heraus. So sah er unter anderem die überregionale Vermarktung als positiv an, lobte die Kreierung von besonderen Veranstaltungen auf TAG-Ebene, fand lobende Worte für die gute Zusammenarbeit der TAGen mit Spessart-Mainland in Bezug auf das gemeinsame Marketing. Als Schwächen benannte er unter anderem die verschiedenen touristischen Organisationsebenen, die über dem bundesweiten Schnitt liegen. Die klare landschaftliche Orientierung der TAG Churfranken sei durch ein Neumitglied aus dem Spessart etwas aufgeweicht worden, sagte er und erkannte eine nicht immer ausreichende Abstimmung zwischen den TAGen und dem Tourismusverband sowie ein komplexes Finanzierungssystem der Tourismusarbeit, das Landkreis und Kommunen hoch belastet.

Der Fachmann stellte vier Szenarien vor, wie die Finanzierung in Zukunft erfolgen könnte. Er favorisierte die weitere Mitfinanzierung der Regionalorganisationen und sprach sich dafür aus, die Festzuschüsse für die Touristischen Arbeitsgemeinschaften (TAG) Churfranken und Räuberland schrittweise zu reduzieren und stattdessen alle TAGen projektbezogen zu fördern. Ein stärkeres Controlling wäre angeraten, zudem solle man den Fokus auf mehr Nachweise richten, wofür Landkreismittel eingesetzt werden. Man solle den Nachweis führen, dass der Landkreis nicht örtliche Aufgaben finanziert, sondern die regionale touristische Entwicklung und Vermarktung immer dann fördert, wenn es im Landkreis-Interesse liegt. Die bestehenden touristischen Organisations- und Aufgabenstrukturen solle man akzeptieren, denn Kobernuß hatte „keine Ebene gefunden, die man einsparen könnte.“ Er wünschte sich zudem mehr Zusammenarbeit und Abstimmung zwischen den TAGen.

Die Kreisrätinnen und Kreisräte haben nun mehrere Monate Zeit, sich mit dem Gutachten zu befassen; beraten wird darüber im Ausschuss für Wirtschaft und Tourismus am 26. April.
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