Großes Puzzleteil gefunden
Fenster in die Vergangenheit

Sehr gut zu erkennen: die turmartigen Fundamente, die in Obernburg gefunden wurden und an denen Wolfgang Roth (Bildmitte) noch arbeitet.
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  • Sehr gut zu erkennen: die turmartigen Fundamente, die in Obernburg gefunden wurden und an denen Wolfgang Roth (Bildmitte) noch arbeitet.
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Großflächige Ausgrabung eines Ausschnittes der römischen Besiedlung in Obernburg – wegweisende Grabung auf rund 700 Quadratmetern

Wer in Obernburg mit dem Spaten die Erde umgräbt, muss jederzeit damit rechnen, auf ganz besondere Dinge zu stoßen – Funde aus der Römerzeit beispielsweise, die Rückschlüsse auf die Geschichte der Stadt zur Zeit der römischen Besiedlung ermöglichen. Das war auch Dr. Stephan Ramstöck bewusst, als er gemeinsam mit seiner Familie im letzten Jahr beschloss, auf dem eigenen Grundstück in der Miltenberger Straße – jetzige Dr.-Zöller-Straße – ein Einfamilienhaus zu bauen. Was beim Erdaushub zum Vorschein kam, ist für die Experten sehr bedeutsam.

Eric Erfurth, Kreisheimatpfleger und Leiter des Römermuseums Obernburg
  • Eric Erfurth, Kreisheimatpfleger und Leiter des Römermuseums Obernburg
  • Foto: Roland Schönmüller
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Bedeutsame Grabung

Bedeutsam ist der Fund in der Tat, obwohl keine spektakulären Einzelfunde ausgegraben wurden. „Es sind jetzt keine ´Hammerexponate´ gefunden worden“, führt Eric Erfurth aus. Er ist Kreisheimatpfleger im Landkreis Miltenberg und Leiter des Römermuseums Obernburg. „Natürlich findet man bei Grabungen immer schöne Einzelstücke wie Scherben von Töpfen. Das war auch hier der Fall. Es sind allerdings die wissenschaftlichen Informationen, die wir mit diesem Fund verbinden können. Diese sind für uns sehr wertvoll.“ „Beim aktuellen Fund handelt es sich um eine römische Lagersiedlung, ein sogenanntes Vicus“, ergänzt Dr. Scott Tucker. Der Archäologe hat als Grabungsleiter für die archäologische Fachfirma BfAD Heyse aus Schwarzach am Main die Ausgrabung begleitet und mit seinen Kollegen dokumentiert. „Dieses Vicus stammt aus der zweiten Hälfte des 2. Jahrhunderts nach Christus und ist wahrscheinlich bis zum Anfang des 3. Jahrhunderts besiedelt gewesen.“

Südliche Lagervorstadt

Die Grabungsstelle umfasst einen Ausschnitt der römischen Besiedlung Obernburgs in der südlichen Lagervorstadt. Die Kastelle, die entlang des Limes standen, waren von Lagervorstädten umgeben, in denen Handwerker und die Frauen der Soldaten lebten.

Die Grabungen in Obernburg liefen bereits vom 30. November letzten Jahres über die Wintermonate bis Mitte März 2021. Warum über den Fund bisher noch nicht umfangreich berichtet wurde, erklärt Eric Erfurth: „Das Gelände, auf dem die Grabung stattfand, ist ein offenes Privatgelände und von mehreren Seiten frei zugänglich. Wir hätten die Ausgrabungsstelle nicht kontrollieren können, daher haben wir versucht, das geheim zu halten und den Fund bisher auch noch nicht publik gemacht.“ Das liegt leider auch daran, dass es immer wieder Leute gibt, die mit Sonden unterwegs sind, um Schätze zu finden und wenig Wert auf archäologische Zusammenhänge legen. Dabei ist es illegal, sogar auch strafbar, ohne vorherige Genehmigung des Bayerischen Landesamtes für Denkmalpflege in einem bekannten Bodendenkmal zu graben, Artefakte daraus zu entfernen oder das Denkmal anderweitig zu beschädigen.

Zusammenhänge machen Fund so bedeutsam

Gerade diese Zusammenhänge sind es aber, die den aktuellen Fund so bedeutsam machen. Eric Erfurth legt dies anhand einer römischen Münze dar. „Man muss das Ganze erfassen: Eine römische Münze ist zwar immer ein Datumsgeber. Wenn sie aber im Schubkarren liegt, ist sie nicht mehr so bedeutsam. Wichtig bei den Funden ist die Verbindung mit der Stratigraphie.“ Die Stratigraphie ist eine Teildisziplin der Geologie und ermöglicht in Verbindung mit der Geochronologie recht genaue Altersbestimmungen von archäologischen Schichten, in denen man Grabungsfunde vermutet. So lassen sich die Fundstücke genauen Zeitepochen zuordnen und ermöglichen ein viel genaueres Bild der Vergangenheit.

Großes Grabungsfeld, ein Glücksfall

„Da Obernburg direkt auf der römischen Siedlung gründet, haben wir nur sehr selten die Gelegenheit, auf einer so großen Fläche – das Grabungsareal umfasste rund 700 Quadratmeter – zu arbeiten“, so Eric Erfurth weiter. „Zudem werden Bauarbeiten in diesem Bereich, der in der ´roten Zone´ liegt, immer archäologisch begleitet. Mit der Grabung ist ein großes Fenster in die Vergangenheit aufgegangen. Das ist für uns ein riesiger Glücksfall.“

Dr. Stephan Ramstöck

Auf Keller verzichtet

Der Grundstückseigentümer und Bauherr Dr. Stephan Ramstöck, der selbst Mitglied im Römerverein Obernburg ist, hat in weiser Voraussicht auf einen Keller verzichtet. „Es war klar, dass auf diesem Grundstück Reste der römischen Siedlung zu finden sein würden, denn das war schon bei den Nachbargrundstücken der Fall. Daher verzichteten wir auf den Bau eines Kellers.“ Diese gute Entscheidung bestätigte sich bereits beim Aushub: Schon nach Spatentiefe kamen unter der Erdoberfläche die römischen Grundmauern zum Vorschein. „Das Bodendenkmal, um das es sich auf unserem Grundstück handelt, wurde von den Archäologen und Helfern anschließend freigelegt, GPS-vermessen, dokumentiert und nachgezeichnet. Im Anschluss wurde es konserviert, gesichert und wieder abgedeckt, indem es zunächst mit Geotextil und darüber mit einer 20 Zentimeter starken Sandschicht überzogen wurde. Wir hatten zum Glück keinen Zeitdruck, denn die Grabung zog sich ja über mehrere Monate hin.“ Die Sicherung ist notwendig, damit nachfolgende Generationen, die über andere, modernere Mittel verfügen, das Bodendenkmal genauso wieder vorfinden. „Es war ziemlich beeindruckend, Steine oder die Reste von Amphoren zu sehen, die schon 2000 Jahre alt sind und doch so nah unter der Oberfläche liegen.“

Obernburg, das „Pompeji am Main“

Dass die jetzigen – und übrigens auch alle anderen – Funde, die in Obernburg bisher getätigt wurden, so gut erhalten sind, ist der Topographie von Obernburg zu verdanken. „Obernburg hat eine relativ schmale Landterrasse, die vom Main auf der einen Seite und vom steil aufsteigenden Berg mit den Höhenfeldern auf der anderen Seite begrenzt wird“, erklärt Eric Erfurth. „Immer, wenn es stark regnet, dann schwemmt es Material von den Höhenfeldern herunter. Dieser sogenannte Schwemmlehm ist dafür verantwortlich, dass bei uns in Obernburg die römischen Spuren so gut erhalten sind. Nachdem die Römer das Kastell verlassen hatten, wurde der Lehm nicht weggeräumt. Er ist über die ganze Siedlung gespült worden und hat diese praktisch konserviert. Obernburg wird deshalb auch ´Pompeji am Main´ genannt – denn was in Pompeji der Ascheregen war, ist bei uns der Schwemmlehm.“

Schwemmlehm mit feiner Konsistenz

Der Schwemmlehm hat an der Bergseite eine Lehmschichtdicke von etwa 2 Metern. Durch die feine Konsistenz des Lehms wird alles abgedeckt. Eric Erfurth: „Darunter findet man wirklich alles – Leichenbrand, Spuren von Urin, Pollen, Nahrungsreste usw. Und wenn, wie in diesem Fall, große Flächen aufgehen, dann findet man auch die Architektur und architektonische Strukturen, wie sie die Römer in Obernburg hinterlassen haben. Das ist mit keinem anderen Kastell am Limes vergleichbar.“

Dr. Scott Tucker, Archäologe

Turmartige Fundamente eines Heiligtums

Der jetzt gefundene Ausschnitt umfasst zum einen die Hauptstraße – die heutige Römerstraße – und auch die Ausfallstraße in das nächste Kastell Richtung Süden, das in Wörth stand. Rechts und links dieser Straße standen Gebäude. „Auf der westlichen Seite war eine Reihe von Fundamentmauern von Häusern, die relativ robust gebaut waren“, so Dr. Scott Tucker. „Auf der Ostseite sind wir auf zwei turmartige Fundamente von ungefähr 4 mal 4 Meter Größe gestoßen, die von einer Umfassungsmauer umgeben waren. Wahrscheinlich handelt es sich hierbei um einen Tempel, ein Heiligtum oder ein sonstiges religiöses Gebäude. Die zahlreich gefundenen Fragmente erlauben in jedem Fall Rückschlüsse auf die Zeit von der zweiten Hälfte des 2. Jahrhunderts nach Christus bis zum Anfang des 3. Jahrhunderts.“

Erkenntnisse bestätigen Vermutungen

„Es war bekannt, dass der nun gefundene Bereich zum Vicus, also zum Lagerdorf, gehören würde“, sagt Dr. Scott Tucker abschließend. „Einiges wurde aber noch nicht gefunden, so dass uns neue Erkenntnisse zum Gesamtplan des römischen Obernburgs gelungen sind. Es wurde bestätigt, dass ungefähr um 160 das bestehende Holz-Kastell durch ein Stein-Kastell ersetzt wurde. Auch die Datierung zwischen 160 und 230 – als die Siedlung verlassen wurde – hat sich bestätigt. Nicht immer sind neue Funde bedeutsam, manchmal ist es auch wichtig, dass das, was man als Archäologe vermutet, bestätigt wird. Das war hier der Fall. Eines der wichtigsten Ergebnisse ist jedoch, dass wir nicht nur die Daten der Besiedlung und der Aufgabe der Stadt bestätigt, sondern auch neue Informationen über den Stadtplan gefunden haben. Die Straße diente als Mittelpunkt, und die Gebäude entlang der Straße wurden systematisch angeordnet, auf beiden Seiten etwa 6 Meter von der Straße entfernt, die selbst etwa 6 Meter breit war. Diese Informationen werden für künftige Arbeiten im südlichen Vicus von großem Nutzen sein.“

„Auf die Römer ist Verlass!“

Und wie wirkt sich nun dieser aktuelle Fund auf die Römerstadt aus, welche Erkenntnisse können daraus gezogen werden? „Klar ist zunächst, dass diese Fundstelle etwas Einzigartiges darstellt, das wir in dieser Form noch nicht hatten“, so Eric Erfurth zum Abschluss. „Insofern werden wir auf jeden Fall davon profitieren und Rückschlüsse ziehen können. Seit 150 Jahren wird in Obernburg gegraben, aber die einzelnen Fenster zur Vergangenheit wurden noch nie in einem großen Plan eingezeichnet. Derzeit arbeiten wir an einem archäologischen Fundkataster für Obernburg, was ein größeres Projekt darstellt. Wir tragen viele Puzzleteile zusammen. Jetzt haben wir wieder ein sehr großes Puzzleteil gefunden, was uns natürlich ganz besonders freut. Die Erkenntnisse helfen in vielerlei Hinsicht, beispielsweise den Bauwilligen, der Wissenschaft oder auch dem Tourismus, weil wir mit den Erkenntnissen ein virtuelles Modell der römischen Besiedlung erstellen können. Die Römer helfen uns indirekt dabei, weil sie mit System gebaut haben. Eine Straße beispielsweise wurde immer gerade gebaut. Das, was wir in der Nachbarschaft in der Katharinenstraße oder auf benachbarten Grundstücken gefunden haben, ist durch die jetzige Grabung ergänzt worden. Auf die Römer ist eben Verlass!“

Autor:

Andrea Kaller-Fichtmüller aus Miltenberg

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