Sorry, Greta
Wenn einer eine Reise tut ...

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Verlängertes Wochenende! Endlich ist Hamburg in Sicht. Eine liebe Freundin begleitet mich.
Alles läuft bisher wie am Schnürchen. Die S-Bahn fährt pünktlich ab, wir erreichen rechtzeitig den Regionalexpress nach Würzburg. Ein paar Minütchen Verspätung, naja, wird knapp mit dem ICE.
Im Zug unterhalten wir uns nett mit einem alleinerziehenden Papa, der mit seiner Tochter unterwegs ist und sich mit Zügen und Bahnhöfen recht gut auskennt. Langsam fährt der Zug in Würzburg ein. Der Papa und seine Tochter positionieren sich derweil an der Tür. „Hier müssen wir raus“, sagt er.
„Dann sind wir schnell am ICE.“ Doch sehr viele Reisende wollen den gleichen Zug erreichen. An der Tür stockt es, dann endlich sind wir dran. Auf dem Bahnsteig sehen wir in geringer Entfernung unseren ICE. „Lauft“, meint der Papa. Und das tun wir! Eine Treppe runter, ein klein wenig um die Ecke, eine Treppe hoch. Wir sind da! Der ICE nicht! Er ist vor wenigen Sekunden weggefahren. Die Stimmung kippt ein wenig, auch bei den etwa hundert anderen Fahrgästen, die eben diesen ICE erreichen wollten. Die Bahn ist halt pünktlich … Nichtsdestotrotz lassen wir uns die Stimmung nicht vermiesen und holen uns ein Fahrgastrechteformular am Infoschalter – und einen riesigen Latte Macchiato beim Bäcker. Man weist uns darauf hin, dass unsere Sitzplatzreservierung für den nächsten ICE, der eine Stunde später fährt, hinfällig ist. Aber wenigstens behält unser Ticket seine Gültigkeit. Wir sind voller Vorfreude auf Hamburg - ach wurscht. Die Anzeigetafel verheißt Gutes, unser Zug fährt – bislang – pünktlich ab. Der Latte ist alle, der Blick schweift auf die Anzeigetafel – 20 Minuten Verspätung. Auf die kommt es jetzt auch nicht mehr an. Der alleinerziehende Papa hat sich mit seiner Tochter zu uns gesellt, wir unterhalten uns nett. Blick nach oben: 30 Minuten Verspätung. Menschen auf den Gleisen??!! Muss man die denn jetzt zum Gehen auffordern? Warum dauert das solange? Kurzer Blick: 60 Minuten Verspätung. Oh, dann können wir ja eigentlich den übernächsten ICE nehmen, der fährt noch eine Stunde später. Verstörter Blick: 70 Minuten Verspätung. Ja, dann nehmen wir doch tatsächlich den übernächsten ICE, der in weiteren 60 Minuten fährt. Wir sparen theoretisch zehn Minuten und sind praktisch zwei Stunden später dran. Blick nach oben: Der übernächste ICE hat bereits 30 Minuten Verspätung, dann hoffen wir eben doch auf den nächsten ICE. Irgendwann kommt er und ist ziemlich ausgebucht. Nach längerem Suchen finden wir tatsächlich ein Plätzchen und kommen mit zwei Stunden Verspätung in Hamburg an. Mit der Hamburg Card können wir kostenlos die öffentlichen Verkehrsmittel nutzen. Umweltfreundlich! Wir finden schnell die S-Bahn, die uns bis kurz vors Hotel bringen soll. Genau diese Linie ist wegen Bauarbeiten gesperrt. Dann eben doch ein Taxi. Wunderbar, wir sind im Hotel. Sauber, freundliches Personal, nette Lounge mit Bar und morgens tolles Frühstück. Jetzt kann der Urlaub beginnen. Wir erkunden die Reeperbahn, den Hafen, die noblen und weniger noblen Stadtteile an Elbe und Alster, die Elbphilharmonie etc. Hamburg ist wirklich eine Reise wert! Am Abreisetag witzeln wir: Kommt der ICE oder kommt er nicht? Kommt er pünktlich oder kommt er nicht …..? Am Hamburger Hauptbahnhof zeigt die Anzeigetafel: Pünktlich. Klasse. Eine Viertelstunde vor Eintreffen des Zuges dann die Durchsage: Der ICE hat eine andere Wagenreihung und fährt auf einem anderen Gleis ab. Soweit, so gut. Die Waggons eins bis sieben werden durch die Waggons 28 und 29 ersetzt. Hm, das Internet hat zuvor schon eine gute Auslastung des Zuges angezeigt, jetzt hat er fünf Waggons weniger??!! Aber wir haben doch reserviert. Der ICE erscheint pünktlich, wir quetschen uns mit unzähligen Reisenden in den verkürzten Zug. Es dauert ein Weilchen, bis wir die reservierten Plätze erreichen, die nur ein paar Meter von uns entfernt am Zustieg waren. Die Plätze sind besetzt. Eine junge Dame entschuldigt sich und räumt den Platz, die andere denkt nicht daran und weigert sich, den von uns reservierten Platz zu verlassen. Ich drohe und sehe mich nach dem Zugbegleiter um, der eigentlich hierfür zuständig wäre. Leider ist im ganzen Zug kein Durchkommen, weil auch die Gänge mit stehenden Gästen und Koffern belegt sind. Vom Zugbegleiter weit und breit keine Spur. Ich gebe auf, meine Freundin überlässt mir ihren Platz und steht eine Weile, bis auch für sie ein Platz frei wird. Wir werden schon irgendwann nach Hause kommen, der Zug war bisher pünktlich und wir erreichen sämtliche Anschlusszüge. Der nächste Bahnhof nach Hannover ist Göttingen. Wir fahren ein, nehmen noch mehr Fahrgäste auf und warten auf die Weiterfahrt. Plötzlich eine Durchsage: „Liebe Fahrgäste, … der Zug ist überfüllt…, die Reisenden werden aufgefordert, den Zug zu verlassen und erhalten dafür einen 30-Euro-Reisegutschein. Nee, jetzt schlägt‘s 13! Einige verlassen tatsächlich den Zug. Jetzt, jetzt geht‘s weiter. Mitnichten! Nächste Durchsage: Liebe Fahrgäste …, der Zug ist immer noch überfüllt …., kann nicht weiterfahren … Wenn es jetzt 14 schlagen könnte, würde es …! Bereits über eine halbe Stunde Verspätung, unsere Anschlusszüge sind weg! Nächste Durchsage: Die Zugführerin lässt den Zug zwangsräumen! Hä? Tatsächlich steigen zwei Bundespolizisten zu und geleiten die Fahrgäste, die in den Gängen stehen, aus dem Zug. Wir dürfen bleiben, da wir ja mittlerweile einen Sitzplatz haben. Die Verzweiflung steht einigen ins Gesicht geschrieben, weil Anschlüsse nicht mehr erreicht werden oder ganz gestrichen sind.
Wir kommen, mit einer Stunde Verspätung und einer Ladung Groll, am Ziel an. Das nächste Mal, sorry Greta, mit dem Flieger ...

Autor:

Carmen Pindric-Laier aus Schefflenz

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