Bildergalerie und Essay.
Ist der Frühling käuflich?
- Blick von der Burg auf Wertheim und Kreuzwertheim.
- hochgeladen von Roland Schönmüller
Blüten, Bares, Burgblick – mein GartenLust‑Geflüster.
Ich komme gerade von der GartenLust auf Schloss Kreuzwertheim zurück und frage mich, ob ich eigentlich eine Gartenmesse besucht habe oder eine Art Frühjahrs‑Boutique, die beschlossen hat, den April in Premiumqualität zu verkaufen.
Der Burgblick nach Wertheim hoch zur Burg steht wie immer souverän über allem, als wolle er sagen: „Ihr da unten rechtsmainisch, ihr rennt schon wieder für Dinge herum, die bei mir seit Jahrhunderten einfach wachsen.“
Und während ich durch die Kleinwertheimer Schlossanlage schlendere, merke ich, wie sich die Stimmung langsam von Frühlingsfreude zu einer Art botanischem Kaufrausch mit leichtem Preisbeben entwickelt.
Der Eintritt ist schnell bezahlt, zumindest wenn man vorher tief einatmet und sich innerlich darauf vorbereitet, dass dies erst der Anfang ist. Zwölf Euro für das Recht, anschließend noch mehr Geld auszugeben, fühlt sich an wie ein Ritual, das man bestehen muss, um in den inneren Kreis der Kreuzwertheimer Gartenkultur aufgenommen zu werden.
Und dann die Bargeldpflicht. Sie wirkt wie ein liebevoller Hinweis darauf, dass Kreuzwertheim zwar im 21. Jahrhundert liegt, aber beim Bezahlen gern ein bisschen Mittelalter spielt. Wer ohne Scheine kommt, lernt schnell, dass die wahre Gartenlust hier nicht digital ist, sondern raschelt.
Die Stände selbst sind ein Schauspiel zwischen botanischer Verführung und dekorativer Überforderung. Pflanzen stehen in Reih und Glied wie Models beim Casting, Laternen tun so, als wären sie unverzichtbare Lebensbegleiter, und Dekoherzen liegen herum, als hätten sie sich heimlich vermehrt.
Die Besucher kommentieren das alles mit einer Mischung aus Bewunderung und Verzweiflung. Eine Frau aus Freudenberg schwärmt, sie finde hier Pflanzen, die sie sonst nirgends bekomme.
Ein Mann aus Marktheidenfeld murmelt, er habe selten so viel Geld ausgegeben, um anschließend noch mehr Geld ausgeben zu dürfen.
Und ein älterer Herr aus Kreuzwertheim erklärt trocken, dass er sich die Preise nur leisten könne, weil seine Rosen den Winter überlebt haben.
Während ich weitergehe, frage ich mich, ob es eigentlich Alternativen gibt. Und plötzlich fällt mir ein, dass die Natur rund um Marktheidendeld gerade völlig kostenlos in voller Blüte steht.
Die Parks am Wertheimer Mainufer, die Streuobstwiesen hinter Vockenroth, die Wälder Richtung
Nassig – alles offen, alles frei, alles ohne Eintritt und ohne Laternenzwang.
Dort zwitschert es, ohne dass jemand ein Rahmenprogramm ankündigt, und dort duftet es, ohne dass jemand dafür ein Preisschild dranhängt. Ein Spaziergang durch den Spessart nahe der Kartause Grünau wirkt wie eine stille Erinnerung daran, dass der Frühling sich nicht kaufen lässt, auch wenn er sich in Kreuzwertheim gerade teuer gibt.
Und dann gibt es ja noch die Baumärkte. Diese ehrlichen, unromantischen, aber erstaunlich zuverlässigen Orte, an denen Pflanzen nicht auf Podesten stehen, sondern einfach im Regal. Dort gibt es Sonderangebote, die nicht so tun, als wären sie Kunstwerke, und Stauden, die nicht behaupten, sie seien rar, nur weil sie in einem Schloss verkauft werden.
Ein Mann aus Wertheim sagt mir auf dem Parkplatz: „Ich war auch auf der GartenLust. Danach bin ich in den Baumarkt. Da habe ich dieselbe Pflanze für die Hälfte bekommen – und ein Bratwurstbrötchen.“ Manchmal liegt die Wahrheit eben zwischen Burgmauer und Bauschaum.
Mein Fazit nach diesem ersten Besuch fällt deshalb klarer aus, als ich es erwartet hätte. Die GartenLust ist ein Erlebnis, ja. Ein schönes, teures, leicht überdrehtes Frühlingsspektakel, das man einmal gesehen haben sollte. Aber der wahre Frühling spielt sich draußen ab, in der Natur, die keinen Eintritt verlangt und keine Laternen verkauft. Und wer Pflanzen wirklich braucht, findet sie im Baumarkt – ohne Burgblick, aber dafür mit ehrlichen Preisen.
Ich mache es also so: erst Kreuzwertheim, dann Wertheim, dann Baumarkt. Und plötzlich wirkt die Funkie in der Tüte nicht nur teuer, sondern auch ein bisschen wie ein Souvenir aus einer Welt, in der der Frühling Eintritt kostet.
Autor:Roland Schönmüller aus Miltenberg |
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