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Schluckstörungen - ein eher unbekanntes Arbeitsfeld der Sprachtherapie

Essen und Trinken erhalten das Leben. Und wo kein Mangel an Speisen herrscht, können sich die Sinne daran erfreuen. Schlüssel zum Erfolg ist der Schluckakt, für viele eine Nebensache. Erst wenn er gestört ist, wird klar, was er eigentlich bedeutet.

Wenn man mal etwas in den falschen Hals kriegt, ist es im wörtlichen Sinn meistens nur ein harmloses Verschlucken. Ganz andere Probleme haben die Menschen, denen durch Behinderung, Krankheit oder hohes Alter die Fähigkeit, zu schlucken, abhanden gekommen ist.

Beim Schlucken wird "automatisch" der Eingang zur Luftröhre abgedichtet. Klappt das nicht, kann dort Nahrung hineingelangen. Erstickungsanfälle und schwere Lungenentzündungen können die Folge sein.
Beim Sich-Verschlucken läuft etwas beim Schluckakt falsch. Es können Essensteile oder ein Schluck Flüssigkeit in die Luftröhre gelangen – die sogenannte „Aspiration“ tritt ein. Der sofort in Aktion tretende Hustenreflex bezweckt, den fehlgeleiteten Gegenstand abzuhusten. Mit viel Glück gelingt das auch ...

Schluckversagen ist lebensgefährlich

Damit das Schlucken klappt, müssen alle Schritte bis zum letzten "Rädchen" funktionieren: Willentlich, aber auch besonders viele unwillkürlich arbeitende Nerven sowie mehr als 50 Muskelpaare sorgen in einem präzisen Zusammenspiel dafür, dass Essen und Trinken problemlos die Hürde durch die Speiseröhre in den Magen nehmen. Wenn die Steuerzentren im Gehirn oder ausführende Nerven und Muskeln versagen, bleibt der Bissen im Mund liegen oder im Hals stecken, Flüssiges gelangt in Nase, vielleicht auch in die Luftwege. Aus Angst, womöglich zu ersticken, verweigern manche Betroffene nach dramatischen Erfahrungen jede weitere Nahrung. Denn nicht immer bringen Hustenstöße Abhilfe; sie können einfach zu schwach sein. Manchmal reagiert ein gebrechlicher Betroffener auch überhaupt nicht (mehr) mit Husten.

Aber woran erkennt man eine Schluckstörung rechtzeitig?

Hinweise auf eine Schluckstörung können sein:
- Deutlich verlangsamtes Schlucken
- Lange Verweildauer von Speisen im Mund
- Nahrungsreste im Mund, auf der Kleidung
- Wiederholtes Husten und Räuspern nach dem Schlucken
- Verschlucken, Würgen, Atemnot, gerötetes Gesicht, blaue Lippen
- Unkontrollierter Speichel- oder Nasenfluss
- Belegte oder kloßige Stimme nach dem Schluckversuch
- Verletzungszeichen in der Mund- und Wangenschleimhaut, auf der Zunge (Fehlbisse)
- Ablehnung von Nahrung und Flüssigkeit

Probleme beim Schlucken können entstehen, wenn das Zusammenspiel von Nerven und Muskeln gestört ist. Verantwortlich: Erkrankungen des Gehirns, der Nerven und Muskeln

Schluckstörungen treten bei verschiedensten Krankheiten auf, wie z.B. neurologische Erkrankungen, erbliche Muskel- oder Nervenkrankheiten, Erkrankungen im Hals und Rachen bis hin zu krankhaften Veränderungen der Speiseröhre und deren Umgebung im Brustraum. Auch Kopfverletzungen können Störungen beim Schlucken nach sich ziehen. Mitunter entwickeln auch Patienten, die auf der Intensivstation behandelt und beatmet werden, eine Schluckstörung, wobei hier verschiedene Ursachen zusammenkommen. Nicht zuletzt sind auch Gebrechlichkeit und Alter Faktoren, die eine Schluckstörung begünstigen.
Ganz oben auf der Ursachenliste von Schluckstörungen finden sich Gehirnerkrankungen wie Schlaganfälle, Parkinson-Krankheit und Demenzerkrankungen. Mit etwas Abstand folgen multiple Sklerose, sodann Hirntumore und andere, weniger bekannte Krankheitsbilder wie die Amyotrophe Lateralsklerose (ALS). Auch Muskelerkrankungen kommen als Ursachen infrage: Myasthenia gravis, Lambert-Eaton-Syndrom, Muskeldystrophie.

Welcher Arzt /Therapeut ist für die Diagnose überhaupt zuständig?

Unterschiedliche Fachärzte und Therapeuten sind in die in die Diagnose- und Behandlungsplanung eingebunden: Für Schluckstörungen durch Nerven- oder Muskelerkrankungen sind in der Regel Neurologen, für Erkrankungen des Rachens und Kehlkopfes sind HNO-Ärzte zuständig. Bei Bedarf stehen Radiologen bei der Diagnosestellung zur Seite.
Hilfe finden Betroffene schließlich durch Schlucktherapie, die in der Regel von Logopäden/ Sprachtherapeuten oder Ergotherapeuten durchgeführt wird. Insbesondere bei neurologisch bedingten Schluckstörungen wirken die Therapeuten auch bei der Diagnosestellung mit, besprechen mit dem behandelnden Arzt die Therapie und kontrollieren gemeinsam mit ihm deren Verlauf.

Diagnose: Wo genau liegt das Problem beim Schlucken?

Vorab wichtig ist die genaue Beschreibung der Schluckprobleme. Auch Angehörige und Betreuer können hier wertvolle Angaben beisteuern. Verschluckt sich der Betroffene schon an seinem Speichel oder vor allem, wenn er isst oder trinkt? Kommt es dabei zu Husten oder gar erstickungsgefährlichen Attacken? Hat er an Gewicht verloren? Gibt es Anzeichen für Mangelerscheinungen oder Austrocknung? Sind häufiger Lungenentzündungen aufgetreten? Tritt Nahrung durch die Nase wieder aus?

Der Arzt macht sich zunächst ein Bild vom allgemeinen Befinden des Patienten. Er überprüft den Ernährungszustand, die Beschaffenheit der Haut und Schleimhäute, die Zungen- und Kaubewegungen, Reflexe wie das Schlucken, aktives Husten und Räuspern und nicht zuletzt auch das Sprechvermögen. Auch Wachheit und Orientierung zur Zeit und zum Ort, Berührungsempfindlichkeit der Haut, Muskelkraft und Muskelreflexe an den Armen und Beinen werden untersucht.

Nach vorherigen Schlucktests können auch eine Videofluoroskopie oder eine Video-Schluckendoskopie zur Abklärung infrage kommen.

Bei der Videofluoroskopie zeichnet ein Radiologe den Schluckverlauf eines Kontrastmittels in einem Röntgen-Video auf. Die Untersuchung lässt Art und Ausmaß der Schluckstörung erkennen beziehungsweise hilft abzuschätzen, wie groß die Gefahr ist, dass verschluckte Nahrung in die Luftwege übertritt

Alternativ kann auch eine Video-Schluckendoskopie (engl. fiberoptic endoscopic examination of swallowing, FEES) wertvolle Informationen über den Schluckvorgang geben und auch darüber, inwieweit dieser durch bestimmte Maßnahmen beeinflussbar ist: etwa die Beschaffenheit der Nahrung, Schlucktechnik und die Haltung beim Schlucken.
Dies geschieht mittels eines dünnen, flexiblen Endoskopes, das der Arzt über die Nase in den Rachenraum einführt. Eine Kamera am Gerät überträgt die Bilder von den Bewegungen der Schluckstrukturen auf einen Computer. Hilfsmittel sind unterschiedlich aufbereitete Testnahrungen.

Schluckstörung – und jetzt? Teamwork Schlucktherapie

Die Schlucktherapie ist ein Spezialgebiet, auf dem Ärzte, Sprachtherapeuten (Logopäden) und Fachpflegepersonal eng zusammenarbeiten. Ziel ist es, gestörte Schluckfunktionen zu verbessern und Aspirationen möglichst zu vermeiden. Im Idealfall sollte die Therapie dazu verhelfen, dass sich ein Patient wieder vollständig und stabil auf normalem, also oralem Wege, ernährt.

Die Schlucktherapie beinhaltet Schluckübungen und stützende Techniken, Medikamente sowie chirurgische Verfahren.
Die Schlucktherapie umfasst gezielte Übungen und eine Ernährung, die möglichst genau an die verbliebene Schluckfähigkeit angepasst wird. Hinzu kommen medikamentöse und chirurgische Maßnahmen.

Komplikationen vorbeugen
Darüber hinaus sind oft noch weitere Problemlösungsansätze nützlich und sollten ausgeschöpft werden, um Komplikationen vorzubeugen oder begleitende Störungen zu beherrschen. Die Möglichkeiten reichen von der Vorbeugung von Lungenentzündungen durch intensive Mundhygiene, Physiotherapie und bestimmte Medikamente über die Therapie eines Rückflusses von Magensäure in die Speiseröhre oder eines Schluckaufs bis zur Behandlung von zu wenig oder zu viel Speichelfluss.
Wenn bei einem Patienten, beispielsweise nach einem Schlaganfall, zunächst keine normale Ernährung möglich ist und eine Sondenernährung an ihre Stelle tritt, wird frühzeitig auch eine sogenannte funktionelle Schlucktherapie eingeleitet.

Funktionell orientierte Schlucktherapie
Dabei geht es darum, die Schluckfunktionen zu verbessern, in dem Therapeuten an verschiedenen Punkten wie Körperhaltung, Muskelspannung, Atmung, Bewegungskontrolle und Gedächtnis ansetzen. Auch pflegerische Aspekte, bestimmte Hilfsmittel und die Einbeziehung der Angehörigen sind Teil des Behandlungskonzeptes.
Bewegungen im Bereich der Lippen, Wangen- und Kaumuskulatur, der Zunge, des Gaumens und Rachens lassen sich gezielt anregen und trainieren. So können Vorgänge wie der Schluckreflex am Gaumenbogen, die Abdichtung des Nasenrachenraums, das Voranbringen der Nahrung (Zungen- und Rachentransport) und vieles mehr wieder in die richtigen Bahnen gelenkt werden. Da der Mensch beim Sprechen auf dieselben Instrumente zurückgreift, kommt es beiden Leistungen zugute, wenn einzelne Schritte, die gelitten haben, gestärkt werden.
Weitere Maßnahmen erleichtern das Schlucken indirekt oder "technisch", etwa veränderte Kopf- und Körperhaltungen bei der Nahrungsaufnahme.
Da insbesondere Dysphagien bei Erkrankungen des Gehirns, der Nerven oder Muskeln oft noch von anderen komplexen Störungen begleitet werden, zum Beispiel im Bereich des Sprechens, legen Betroffene, ihre Angehörigen, Arzt und Therapeutin gemeinsam fest, welche Therapieziele im Einzelfall zusätzlich wichtig sind. Dabei geht es nicht nur darum, dass es im Alltag wieder besser läuft. Vielmehr wird angestrebt, Leidensdruck von den Betroffenen zu nehmen und ihnen wieder Möglichkeiten zu eröffnen, am sozialen Leben teilzuhaben.

Die Ernährung optimieren
Entscheidend ist es, die Nahrung an die individuelle Schluckkapazität anzupassen. Dabei spielt die richtige Konsistenz der Speisen eine große Rolle, ebenso die Zusammensetzung, der Nährstoffgehalt, Farbe und Geschmack: Möglichst viele Sinne wollen angesprochen werden, um verloren gegangene Verbindungslinien im Gehirn wieder zu aktivieren.

Bei der Sondenernährung gibt es je nach Zeithorizont, Wünschen des Patienten und anderen individuellen Gegebenheiten verschiedene Anwendungsformen. Häufig wird zum Beispiel die sogenannte PEG (Abkürzung für "perkutane endoskopische Gastrostomie") angelegt. Die Sonde wird dabei im Zuge einer Magenspiegelung durch den Magen und die Bauchwand nach außen geführt.

Atemhilfen
Ein Luftröhrenschnitt (Tracheotomie) ist praktisch unvermeidlich, wenn nicht nur Nahrung und Flüssigkeit aspiriert werden, sondern in nennenswertem Ausmaß auch Speichel, was die Sonde nicht verhindern kann. Es drohen sonst wiederholte Lungenentzündungen. Daher muss der Schluckweg dann vollständig vom Atemweg getrennt werden. Die Entscheidung über einen Eingriff treffen in der Regel die Spezialisten aus verschiedenen Fachgebieten gemeinsam. Durchgeführt wird dann ein Luftröhrenschnitt, über den eine Atmungskanüle platziert wird, um den Luft- und den Nahrungsweg definitiv voneinander abzutrennen. Dieser Schritt erhöht den Pflegebedarf, und die Anforderungen an die sogar auch hier mögliche Selbsthilfe wie auch Hygiene sind groß, aber zu bewältigen.

Schluckstörungen sind für Betroffene, Angehörige, Ärzte und Therapeuten eine Herausforderung, der gezielt und effektiv begegnet werden kann.

Weitere Informationen erhalten sie unter www.sprachtherapie-endres.de.

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