„Deutsch genug?“ – Bewegende Lesung mit Ira Peter im Schloss Adelsheim
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Adelsheim.(Autor: Klaus Brauch-Dylla). Ein propenvoller Rokoko-Saal, zugewandte Aufmerksamkeit und reichlich Gesprächsbedarf: Am Mittwochabend vergangener Woche stellte die Journalistin und Autorin Ira Peter im Schloss Adelsheim ihr Buch „Deutsch genug? – Warum wir endlich über Russlanddeutsche sprechen müssen“ vor. Eingeladen hatten die Reinhold-Maier-Stiftung, Schlossbesitzer Louis von Adelsheim und Bürgermeister Wolfram Bernhardt. Der Andrang machte deutlich: Das Thema bewegt auch im Bauland.
Schon in der Begrüßung unterstrich Bernhardt, es gehe um bislang zu selten gehörte Geschichten. Louis von Adelsheim skizzierte die Tradition kultureller Offenheit in seinem Haus und Programmmanagerin Dr. Julia Frank. betonte den Anspruch der Stiftung, gesellschaftlich relevante Debatten in die Fläche zu tragen. Das Thema Russlanddeutsche konfrontiere einem mit dem “Vorrat an Vorurteilen”, den man mit sich herum trage, der Abend solle beitragen, diese gerade zu rücken.
Ira Peter, 1983 in Kasachstan geboren, lebt seit 1992 in Deutschland. Ihre Familie fand damals in Buchen ein neues Zuhause – im Wohngebiet Nahholz, das von vielen als „Klein-Kasachstan“ bezeichnet wurde. Dort erlebte sie die Widersprüche zwischen Anpassungsdruck, Fremdzuschreibungen und eigenen kulturellen Wurzeln. Mit eindringlicher Stimme schilderte sie die Lebenswirklichkeit ihrer Familie nach der Deportation durch Stalin aus der Ukraine in die kasachische Steppe, alle Russlanddeutsche vereine die Erfahrung des Verlustes von Heimat und Familienangehörigen im Stalinismus. Zugleich brachte die Lesung nahe, wie schwierig der Neubeginn in der Bundesrepublik war, wo man als Deutsche unter Deutschen leben wollte. Für Sie als Kind sei es zunächst nur der Umzug ins “Gummibärchenland” gewesen. Der Balanceakt zwischen Identität und Integration sei für viele russlanddeutsche Familien überaus anstrengend verlaufen. Viele hätten sich, angesichts der subtilen Ablehnung, die in abschätzigen Sätzen wie, “die hatten in Russland vielleicht nen deutschen Schäferhund” Ausdruck gefunden habe, gefragt, ob oder wann sie “Deutsch genug” seien. Und nicht wenige Übergesiedelte litten unter einer “postsowjetischen Belastungsstörung”, was das Vertrauen in den Staat und seine Institutionen anbelange.
Im Gespräch mit Publizist Christoph Giesa ging es auch um das heikle Thema überdurchschnittlich hoher AfD-Ergebnisse in russlanddeutschen Siedlungen. Ira Peter erklärte, die Partei habe früh und gezielt um diese Gruppe geworben – mit russischsprachigen Programmen, eigenen Kandidaten und Botschaften, die Gefühle wie Stabilitätssehnsucht oder Verlustängste aufgriffen, durchaus ein Versäumnis der demokratischen Parteien. „Die AfD nutzt solche Stimmungen geschickt für sich. Trotzdem steht die große Mehrheit der Russlanddeutschen fest auf dem Boden der Demokratie und engagiert sich in vielfältiger Weise“, betonte sie.
Zahlreiche Zuhörerinnen und Zuhörer beteiligten sich lebhaft an der nachfolgenden Diskussion, teilten eigene Erfahrungen mit Sprachbarrieren, Identitätskonflikten oder Separierung. Der Abend wurde so zu einem offenen Forum, in dem Erinnerung, Gegenwart und Zukunftsaufgaben miteinander verwoben waren. Die erfolgreiche Autorin machte deutlich, dass sie ihr Deutschsein heute nicht mehr über Abstammung oder Sprachkenntnisse definiert: „Deutschsein ist für mich kein Kriterium mehr, um deutsch zu sein.“
Sie schloss mit dem Dank an ihre Familie, deren große Leistung “überlebt zu haben", ihr das Leben in Freiheit ermögliche.
Nach nahezu zwei Stunden war der offizielle Teil beendet, geduldig signierte Ira Peter ihre Bücher, häufig begleitet von Dankesworten ihrer Zuhörer. Beim Empfang im Schloss klang die Veranstaltung mit angeregten Gesprächen in lebhafter Atmosphäre aus.
Eine großartige Resonanz, die zeige, wie wichtig es sei, dieses Thema zur Sprache zu bringen, waren sich die Gastgeber einig.
Autor:Michael Hitzelberger aus Aglasterhausen |
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