Interview
„Das Malerhandwerk ist weit mehr als ein schöner Anstrich“
- Oliver Köhler ist Maler- und Lackierermeister und öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger für das Maler- und Lackiererhandwerk
- Foto: privat
- hochgeladen von meine-news.de Redaktion
Ein Gespräch mit Maler- und Lackierermeister Oliver Köhler über Chancen und Grenzen von Eigenleistungen
Als öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger für das Maler- und Lackiererhandwerk kennt Oliver Köhler aus Leidersbach die typischen Fehler von Heimwerkern ebenso wie die Anforderungen an professionelle Ausführung. Im Interview erläutert er, wo Eigenleistungen im Malerhandwerk möglich sind – und in welchen Bereichen sie zwingend in die Hände von Fachbetrieben gehören.
News-Verlag: Herr Köhler, Do-it-yourself erlebt seit Jahren einen echten Boom. Wie sehen Sie diesen Trend aus Sicht eines Profis?
Oliver Köhler: "Do-it-yourself erlebt tatsächlich seit Jahren einen regelrechten Boom. Ein Eimer Farbe, eine Rolle und schon geht’s los. Viele Hobbyhandwerker schätzen die kreative Freiheit, die mit dem Streichen oder Tapezieren verbunden ist. Doch das Malerhandwerk umfasst weit mehr als das schnelle Überstreichen von Wänden. Es vereint Bauphysik, Ästhetik, Gesundheitsschutz und Werterhaltung – und zeigt dort seine wahre Stärke, wo Eigenleistung ihre Grenzen erreicht."
Wo liegen denn diese Grenzen? Was kann man selbst machen, und wann sollte man lieber einen Fachbetrieb beauftragen?
"Beim Streichen glatter Innenwände oder beim Tapezieren einfacher Strukturtapeten können Heimwerker mit Geduld, guter Vorbereitung und einem ruhigen Händchen durchaus ansprechende Ergebnisse erzielen. Auch die kreative Gestaltung von Möbeln oder Wänden bietet ein spannendes Feld für individuelle Ideen.
Doch schon bei Mustertapeten oder hochwertigen Textilbelägen wird es anspruchsvoll: Exakte Schnitte, saubere Übergänge und nahtlose Musteranschlüsse sind eine Herausforderung. Wo Laien oft mit Blasenbildung oder sichtbaren Ansätzen kämpfen, liefert der Fachbetrieb professionelle Perfektion und dauerhafte Qualität."
Welche Arbeiten stellen besonders hohe Anforderungen an Fachwissen und Erfahrung?
"Noch deutlicher werden die Unterschiede bei Lackierarbeiten. Türen, Fenster oder Heizkörper verlangen nicht nur eine makellose Oberfläche, sondern auch sorgfältige Untergrundvorbereitung, fachgerechte Verarbeitung und sichere Arbeitsbedingungen. Während Heimwerker mit ungleichmäßigen Flächen oder Abplatzungen zu kämpfen haben, sorgen Profis für langlebige und optisch einwandfreie Ergebnisse."
Viele unterschätzen auch die Bedeutung der Fassade. Warum ist sie so anspruchsvoll?
"Die Fassade spielt eine besondere Rolle – sie ist nicht nur die Visitenkarte des Gebäudes, sondern auch entscheidend für den Schutz der Bausubstanz. Untergrundprüfung, Risssanierung, Putzaufbau und die Wahl geeigneter Beschichtungssysteme erfordern Erfahrung und Wissen. Fehlerhafte Eigenleistungen führen schnell zu Abplatzungen, Durchfeuchtung oder mikrobiologischem Befall. Fachbetriebe hingegen sichern mit systematischem Vorgehen nicht nur die Optik, sondern auch den langfristigen Werterhalt."
Und wie sieht es mit Putz- und Stuckarbeiten aus?
"Auch Putz- und Stuckarbeiten sind weit mehr als reine Kosmetik. Besonders bei historischen Gebäuden ist höchste Fachkompetenz gefragt. Hier geht es nicht nur um Ästhetik, sondern um die Bewahrung von Kultur und Geschichte. Traditionelle Materialien, historische Rezepturen und überlieferte Techniken müssen mit modernen Anforderungen verbunden werden – eine Aufgabe, die ausschließlich erfahrene Handwerksbetriebe leisten können."
Das Malerhandwerk hat ja auch eine gestalterische Seite. Welche kreativen Möglichkeiten gibt es heute?
"Neben Schutz und Substanzsicherung spielt auch die Gestaltung eine große Rolle im Malerhandwerk. Kreative Techniken wie Lasur- und Spachteltechniken, Stucco Veneziano, Metall- und Rosteffekte, Betonoptik, Schablonenarbeiten oder Wisch- und Tupftechniken eröffnen eine nahezu unbegrenzte Vielfalt. In modernen Loftwohnungen sorgt eine Beton- oder Rostoptik für einen urbanen, industriellen Charakter, in repräsentativen Hotels oder Büros verleiht Stucco Veneziano Eleganz und Wertigkeit, in Wohnräumen schaffen warme Lasurtechniken mediterrane Atmosphäre, während Schablonentechniken Kinderzimmern oder kreativen Arbeitsräumen verspielte Akzente geben.
Während Heimwerker meist auf einfache Effektfarben aus dem Baumarkt zurückgreifen, verfügen Fachbetriebe über das Wissen, wie Untergründe vorbereitet, Farben kombiniert und Werkzeuge eingesetzt werden müssen, damit ein harmonisches Gesamtbild entsteht. Hinzu kommt die Materialkenntnis: Hochwertige Produkte sorgen nicht nur für ästhetische Wirkung, sondern auch für Langlebigkeit."
Sie haben das Thema Nachhaltigkeit schon angesprochen – wie stark verändert das den Beruf?
"Das Malerhandwerk entwickelt sich stetig weiter. Heute spielt die Baubiologie eine zentrale Rolle. Immer mehr Fachbetriebe setzen auf ökologische Farben, Putze und Lacke, die schadstoffarm und atmungsaktiv sind. Sie tragen zu einem gesunden Wohnklima bei und entsprechen dem wachsenden Bewusstsein für Nachhaltigkeit. Heimwerker greifen dagegen oft zu Standardprodukten, die Lösungsmittel oder Konservierungsstoffe enthalten und damit mögliche Risiken für Gesundheit und Umwelt bergen."
Was viele nicht wissen: Maler müssen auch bauphysikalische Aspekte beachten, richtig?
"Ganz genau. Viele Arbeiten, die auf den ersten Blick einfach erscheinen, sind in Wahrheit komplexe bauphysikalische Aufgaben. Entscheidend sind Fachkenntnisse in den Bereichen Schall- und Brandschutz, Wärme- und Feuchteschutz sowie Energieeffizienz. Fehlerhafte Eigenleistung kann Schimmelbildung, Wärmebrücken oder gravierende Bauschäden verursachen. Noch kritischer ist die Betoninstandsetzung: Risse oder Abplatzungen sind nicht nur optische Mängel, sondern ein Sicherheitsrisiko. Diagnose, Bewehrungsschutz und geprüfte Systeme gehören in die Hände von Spezialisten."
Und wie steht es um das Thema Arbeitssicherheit?
"Auch die Sicherheit auf der Baustelle darf nicht unterschätzt werden. Provisorische Leitern oder improvisierte Konstruktionen bergen erhebliche Unfallgefahren. Fachbetriebe arbeiten mit geprüften Systemen, die höchste Sicherheit gewährleisten und gesetzlichen Vorgaben entsprechen. Zudem ist der Umgang mit Lacken, Schleifstäuben und chemischen Stoffen ohne geeigneten Schutz nicht ungefährlich und kann zu gesundheitlichen Belastungen führen."
Viele Menschen machen Eigenleistungen, um Kosten zu sparen. Ist das am Ende wirklich günstiger?
"Falsch ausgeführte Eigenleistungen können nicht nur zu Folgeschäden führen, sondern auch den Wert der Immobilie mindern. Im Schadensfall ist der Nachweis fachgerechter Ausführung entscheidend – und Eigenleistung ist hier kaum belegbar. Gerade dort, wo Bauphysik, Substanzschutz oder Sicherheit betroffen sind, wird Eigenleistung riskant. Was anfangs als Kostenersparnis gedacht war, kann im schlimmsten Fall teure Sanierungen nach sich ziehen oder sogar zur Gefahr für Bewohner und Gebäude werden."
Zum Abschluss: Was macht für Sie persönlich die Faszination des Malerhandwerks aus?
"Kleine, kreative Projekte wie das Streichen von Innenräumen, das Tapezieren einfacher Tapeten oder die Gestaltung von Möbeln sind wunderbare Aufgaben für Heimwerker. Sobald jedoch Bauphysik, Substanz, Gesundheit oder Sicherheit berührt sind, stößt Eigenleistung an ihre Grenzen. Das Malerhandwerk ist weit mehr als ein schöner Anstrich. Es steht für Baukultur, Gesundheitsschutz, Werterhaltung und für Gestaltung auf höchstem Niveau. Mit seiner Verbindung aus traditionellem Können, moderner Baubiologie, fundierter Bauphysik und kreativen Techniken macht es aus dem vermeintlich Einfachen ein komplexes Handwerk – und einen Beruf mit Zukunft."
Autor:meine-news.de Redaktion aus Miltenberg |
Sie möchten kommentieren?
Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.