Jeder kann zur entscheidenden Landebahn werden
Informationsveranstaltung zu sexuellem Missbrauch regt zum „Hinsehen“ an
- Bewegende Schicksale wurden dieser Tage beim Vortrag über sexuellen Missbrauch im Foyer des Landratsamts in Mosbach vermittelt.
- Foto: Dorothea Damm
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Mosbach. „Ich bin noch immer sehr sauer und sehr wütend, weil man mir das angetan hat“. Der sexuelle Missbrauch, den Salu Scholz-Ockert überlebt hat, ist schon lang her. „Ich will dass, sie wissen, dass es nicht vorbei ist, wenn es vorbei ist“, sagt sie. Als der Missbrauch endete, war sie 17 Jahre alt und hatte schon elf Jahre unter dem Martyrium gelitten. „Das kann man nicht einfach abschütteln“. Sie hat Therapien gemacht, Selbsthilfegruppen besucht und ist stolz darauf, dass sie heute eigentlich ganz gut leben kann. Uwe Trentsch erklärt, warum der Satz „die Täter bekommen 15 Jahre und die Opfer lebenslänglich“ nicht passt. „Das spricht Überlebenden die Chance ab, das erlittene Unrecht hinter sich zu lassen.“ Auch Trentsch, der selbst in einem Kinderheim noch zu DDR Zeiten sexuellen Missbrauch erlebte, leidet noch heute unter den Folgen. Aber er hat seinen Weg gefunden. Hat erfolgreich Selbsthilfegruppen gegründet und verschiedene Ausbildungen abgeschlossen, Wege gefunden, um sogar einzelnen Männern wieder zu vertrauen. Als Erzieher erzählt er heute selbst bei unzähligen Elternabenden, wie es gelingt Kinder stark zu machen, um sie vor Missbrauch zu schützen. Das wollen auch die vielen Erzieherinnen, Lehrerinnen und Pädagogen, die am europäischen Tag zum Schutz von Kindern vor sexuellem Missbrauch, ins Foyer des Landratsamtes gekommen sind.
„Sexueller Missbrauch finde dann statt, wenn ein einvernehmlicher sexueller Kontakt nicht stattfinden kann, weil das Opfer nicht in der Lage ist zuzustimmen“, erklärt Prof. Dr. Julia Gebrande, die die unabhängige Kommission des Bundes zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchsleitet. Das sei grundsätzlich bei allen Kindern unter 16 Jahren der Fall und wenn ein Abhängigkeitsverhältnis besteht und jemand Macht über einen anderen ausübt. Ein Kind kann nicht einwilligen und damit ist eine sexuelle Beziehung zwischen einem Erwachsenen und einem Kind immer Missbrauch. Zum Oberbegriff der sexualisierten Gewalt gehören dann aber auch Nötigung, Belästigung und Vergewaltigung, die zwischen Erwachsenen stattfinden würden, wenn keine Einvernehmlichkeit Grundlage des Handelns sei.
„Kinder haben nie Schuld“, betont Gebrande. „Statistisch betrachtet sitzen in jeder Schulklasse oder Kindergartengruppe etwa 2 Kinder, die Opfer von Missbrauch werden“, erklärt sie. Wir müssen diesen Kindern Möglichkeiten bieten, sich einem Erwachsenen anzuvertrauen. Die meisten Kinder zeigen von sich aus keine Verhaltensänderungen. Es kann sie aber geben und Erzieher müssen für plötzliche Veränderungen aufmerksam sein, beobachten und hinterfragen, wenn es einem Kind nicht gut geht. Eine Liste an Kriterien, aus der man ablesen kann, wenn Missbrauch vorliegt, die sich Erzieher oft wünschen, die gibt es nicht. „Machen sie sich aber zu Landebahnen“, erklärt Gebrande. Was sie damit meint verdeutlicht Trentsch wenn er sagt, „ja, es hat da jemand gegeben, dem ich mich vielleicht hätte anvertrauen können, aber er hat sich für mich nicht ansprechbar gemacht.“ Das wollen die Besucher des Vortrags besser machen. Sie wollen Kinder ermutigen sich ihnen anzuvertrauen, wenn ihnen Unrecht widerfährt.
Mit der „starke Kinder Kiste“ geht man im Neckar-Odenwald-Kreis seit vielen Jahren den Weg, Kinder in Schulen und Einrichtungen zu ermutigen, sich einem Erwachsenen anzuvertrauen. Seit über 20 Jahren engagiert sich schon die Caritas am Abend vertreten durch Meinrad Edinger für dieses Thema und auch die Gleichstellungsbeauftragte im Landratsamt Annette Vogel-Hrustić, die die Veranstaltung mitorganisiert, engagiert sich in diesem Bereich.
„Es hat sich auch schon einiges getan“ weiß Schulz-Ockert. Heute sind mehr Menschen sensibilisiert für das Thema Missbrauch. Durch viel Aufklärung und die großen Skandale die in den vergangenen Jahren aufgedeckt wurde, sei man insgesamt besser informiert. Dennoch bemängelt sie, dass immer noch zu oft Opfer Angst haben müssten, dass ihnen nicht geglaubt werde. Sie selbst hat nie den Weg der Anzeige gewählt. Dennoch ist es ihr gelungen die Macht zu brechen, die der Täter einst über sie hatte. Als Kind hat sie sich nie getraut sich einem Menschen anzuvertrauen. „Ich galt eh immer als schwierig, wer hätte mir glauben sollen?“, stellt sie die Frage in den Raum.
„Wir müssen Antworten finden, wie wir als Gesellschaft, unsere Kinder schützen können“, betont der Erste Landesbeamte Dr. Christian Kleih. Als Gastgeber lädt er die vielen Gäste nach dem Vortrag noch zum Verweilen ein. Die Bewirtung übernimmt das engagierte Team von Mona Lisa e.V. und die Besucher nutzen die Gelegenheit, um sich auszutauschen, Kontakte zu knüpfen und Projekte zu planen. Das Thema Schutz von Kindern vor sexuellem Missbrauch bewegt die Menschen, die vielleicht irgendwann zu der einen entscheidenden Landebahn werden können, die einem Kind die Möglichkeit bietet den Missbrauch zu überleben und den langen Weg der Heilung zu starten.
Text: Dorothea Damm
Autor:Landratsamt Neckar-Odenwald-Kreis aus Neckar-Odenwald-Kreis |
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