Vor 200 Jahren bekam die Kreuzung "Seitzenbuche" ihren Namen
Der Mord an Jäger Johann Stephan Seitz war hierfür ausschlaggebend

Bild 1: Das neue Schloßauer Torhaus um 1920, erbaut um 1870 als der Tierpark in Richtung Schloßau erweitert wurde. Schön zu sehen ist das Parktor am linken Bildrand - Bild: Thomas Müller
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  • Bild 1: Das neue Schloßauer Torhaus um 1920, erbaut um 1870 als der Tierpark in Richtung Schloßau erweitert wurde. Schön zu sehen ist das Parktor am linken Bildrand - Bild: Thomas Müller
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Im ehemaligen fürstlich leiningenschen Wildpark unweit des Dreiländersteins Hessen, Bayern und Baden-Württemberg, gibt es eine markante Straßenkreuzung die heute als „Seitzenbuche“. In unmittelbarer Nähe dieser Kreuzung wurde am 23.10.1819 der Jäger Johann Stephan Seitz ermordet und gab so der Stelle den weit und breit bekannten Namen.

Die eigentliche Geschichte beginnt, als das Fürstenhaus Leiningen im Jahr 1803 im Rahmen der Säku-larisation, von Napoleon große Gebiete im Odenwald und Bauland übertragen bekam. Die Landübernahme war im Nachgang der Französischen Revolution eine Art Tauschgeschäft für enteignete linksrheinische Gebiete des Fürstenhauses in der heutigen Pfalz und dies ganz und gar nicht zum Nachteil für das Fürstenhaus!
Bereits ab 1807 begann Fürst Emich-Karl zu Leiningen mit dem Bau eines Wildparks in der Odenwald-region zwischen Hesselbach und Schloßau, bzw. zwischen Breitenbuch und dem Reisenbacher Grund. Durch diesen Wildpark führten auch mehrere öffentliche Wege und zunächst nur eine Straße, auf der allerdings zum heutigen Vergleich, nur wenig Verkehr herrschte. Diese Straße zog vom Großherzogtum Baden hinüber zum Großherzogtum Hessen.
Die Straße zwischen Ernsttal und Kailbach gab es in jener Zeit noch nicht. An dem Platz, wo sich heute die beiden Straßen kreuzen, gab es im Jahr 1819 eine markante Passstelle an der sich viele Pfade und einfache Wege trafen. Diese markante Stelle hieß in jener Zeit noch „am Sand“.
Förster Johann Stephan Seitz lebte ab Juli 1819 im alten Schloßauer Torhaus etwa 500 Meter oberhalb dieser Passstelle, direkt an der erwähnten einzigen Straße in Richtung Schloßau.
Zu einem Torhaus sei folgendes zu sagen: Verlies ein Weg bzw. die Straße das Parkgelände, so war diese Stelle durch ein Tor gegen austretendes Wild gesichert. Das Tor musste jeweils geschlossen werden, wenn man die Stelle passiert hatte. Als Aufsichtsperson lebte bei jedem Tor ein Zaun- oder Torwärter. Die Nähe zum jeweiligen Dorf, gab der jeweiligen Passierstelle somit den Beinamen „Torhaus“. Solche Torhäuser gab es insgesamt neun, wobei am Schloßauer Torhaus aufgrund seiner Lage neben der Straße, der meiste Betrieb herrschte. Da die Torhäuser direkt in Verbindung mit dem Wildpark standen, lagen diese entweder am Waldrand oder sogar mitten im Wald, wie z.B. das Schöllenbacher Torhaus.
Das alte Schloßauer Torhauses war ein einfaches, ja schlecht gebautes Häuschen, dem sich ein kleiner Garten und ein Stück Ackerland anschlossen. Zusammen mit der Errichtung des Wildparks war es um 1814 erbaut worden. Als erster Bewohner wird im August 1814 der Parkknecht Karl Fischer aufgeführtt. Sein Nachfolger wurde im Juli 1819 der Jäger Johann Stephan Seitz. Dieser wird als zuverlässig und fleißig geschildert. Johann Stephan Seitz wurde um 1770 in Gerichtstetten, einem Ortsteil von Hardheim geboren.
Bis zum Oktober 1805 war er als Scharfschütze beim leiningenschen Militär in Berolzheim beschäftigt. 1807 wurde er dann Jägerbursche in Eberbach, wo er zwölf Jahre lang eifrig und mit Erfolg seinen Dienst versah. Ihm wurde mehrfach Fanggeld für eingefangene Wilddiebe zuerkannt. Die Wilddieberei war im Bereich des Leiningenschen Wildparks gerade in den Hungerjahren um 1816 besonders stark vertreten. Daher suchte man einen zuverlässigen Parkgehilfen für das Schloßauer Tor. Vom 1. Juli 1819 bis zu jenem schicksalhaften Tag im Herbst übernahm Seitz dort den Dienst als Zaunwärter und Jäger.

Es war am 23. Oktober 1819 gegen 17:00 Uhr, als Seitz von dem Schloßauer Franz Mai unter einer Buche in unmittelbarer Nähe zur Passstelle „am Sand“ erschossen aufgefunden wurde. Zeuge des Mordes war ein Nagelschmied namens Friedelein aus Michelstadt, der zur Zeit der Untat auf der Straße von Hesselbach nach Schloßau unterwegs war. Dieser hatte beobachtet, wie zwei Wilderer ein erlegtes Stück Wild davontrugen, während ein dritter auf den an der Straße stehenden Seitz zuging, diesen anredete und sodann niederschoss. Soweit die Ermittlungen zur Tat selbst.
Als Täter wurden zunächst drei Hechler, also Männer die von Dorf zu Dorf zogen und gegen Lohn Flachs und Hanf hechelten, verdächtigt. Diese waren bereits als Wilddiebe verrufen und hielten sich gerade in Neubrunn, dem heutigen Ernsttal, auf. Sie wurden verhaftet und es kam zu einer Gegenüberstellung. Nagelschmied Friedelein konnte aber keinen von ihnen als Täter wiedererkennen, so dass sie wieder freigelassen wurden. Der Mörder des Jägers wurde nie ermittelt.
Der ermordete Seitz hinterließ seine schwangere Verlobte Elisabeth Schäfer, mit der er schon zwei Kinder hatte. Elisabeth Schäfer, die aus Beerfelden stammte, war kurz zuvor endgültig zu ihm ins alte Torhaus nach Schloßau gezogen. Hintergrund hierfür war, die für den 25.10.1819 geplante Hochzeit in der kleinen Schloßauer Kapelle. Ironie des Schicksals: Statt der Hochzeit fand an diesem Tag die Beerdigung von Seitz statt. Er wurde in Mudau beerdigt, denn Schloßau hatte damals noch keinen eigenen Friedhof.
Um in der damaligen Zeit in Verbindung mit unehelichen Kindern heiraten zu können, hatte die Verlobte des Jägers ihr Heimatrecht in Hebstahl, im Großherzogtum Hessen-Darmstadt, aufgegeben. Durch die nicht zustande gekommene Hochzeit änderte sich die Lage für sie dramatisch, denn nun wurde ihr und den zwei Kindern im Badischen kein Heimatrecht mehr gewährt. Die Folge war deren Ausweisung aus dem Großherzogtum Baden. Im Großherzogtum Hessen war sie wegen des aufgegebenen Heimatrechts als ledige Frau mit bald drei Kindern ebenfalls unwillkommen. Resigniert musste sie feststellen, dass man sie nun nirgends mehr haben wollte. In der damals schlechten Zeit war dies auch kein Wunder. Schließlich galt es nun, vier hungrige Mäuler mehr auf Gemeindekosten zu stopfen. Letztendlich konnten sie in Beerfelden bleiben.
Bereits ein Jahr nach dem Mord wird die Passstelle nicht mehr "am Sand"  sondern „Seitzenbuche“ genannt. Die zweite Straße von Amorbach über Ernsttal nach Kailbach wurde erst Mitte der 1840er Jahren ausgebaut. Über diese wurde fortan das Bier der Ernsttaler Brauerei auch am Neckar vermarktet.
Der Baum unter dem Seitz gefunden wurde, stand ca. 150 Meter von der Kreuzung entfernt in Richtung Hesselbach, auf der rechten Seite der Straße. Das alte Torhaus wurde um 1870 abgebrochen und durch das heute noch bekannte, neue Schloßauer Torhaus ersetzt, nachdem der Wildpark um 1870 weiter in Richtung Schloßau ausgedehnt wurde. Verwandte von Förster Seitz leben übrigens heute noch in Allfeld.

Thomas Müller, Verein Örtliche Geschichte Schloßau/Waldauerbach

Bild 1: Das neue Schloßauer Torhaus um 1920, erbaut um 1870 als der Tierpark in Richtung Schloßau erweitert wurde. Schön zu sehen ist das Parktor am linken Bildrand - Bild: Thomas Müller
Bild 2: Die Kreuzung „Seitzenbuche“ um 1940. Etwa 150 Meter hinter der Kreuzung, wo die Straße eine Linkskurve macht, stand die Buche unter der Förster Seitz am 23.10.1819 tot aufgefunden wurde. Man beachte das Motorrad - Bild: Klemes Scheuermann
Autor:

Thomas Müller aus Schloßau

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