Pilotprojekte in Haßmersheim und Walldürn
Neckar-Odenwald-Kreis schließt als erster Landkreis den Altspeisefett-Kreislauf
- Pilotprojekte in Haßmersheim und Walldürn liefern HVO-Kraftstoff für die kommunale Müllabfuhr.
- Foto: KWiN
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Haßmersheim. Die Pommes von gestern sammeln morgen Ihren Müll ein. Was zunächst ungewöhnlich klingt, ist im Neckar-Odenwald-Kreis bereits Realität: Aus gebrauchten Speisefetten und Frittierölen aus privaten Haushalten wird klimafreundlicher Kraftstoff für Müllsammelfahrzeuge. Seit Anfang August fahren zwei Müllwagen, einer bei der Kreislaufwirtschaft Neckar-Odenwald (KWiN) und einer bei der Abfallwirtschaftsgesellschaft des Neckar-Odenwald-Kreises (AWN), mit HVO-Kraftstoff, der aus Altspeisefetten hergestellt wird. Die Grundlage dafür liefern die erfolgreichen Pilotprojekte in Haßmersheim und Walldürn. Dort wird mit dem Sammelsystem „JederTropfenZählt“ getestet, wie gebrauchte Speisefette und -öle aus Privathaushalten einfach und bürgernah gesammelt werden können.
So wird sichtbar, wie Kreislaufwirtschaft im Alltag funktionieren kann: Aus einem vermeintlichen Abfallstoff entsteht ein neuer Rohstoff. Aus altem Frittierfett wird moderner Kraftstoff. Und aus einer Idee wird ein regionaler Stoffkreislauf, bei dem die Bürgerinnen und Bürger selbst Teil der Lösung sind.
Vom Küchenabfall zum Klimaschützer
Viele Jahre landeten gebrauchte Speisefette im Abfluss oder im Restmüll. Dabei steckt in ihnen ein enormes Potenzial. In Haßmersheim und Walldürn sammeln Bürgerinnen und Bürger ihre Altfette und -öle inzwischen getrennt und führen sie so dem Recycling zu. Aus den gesammelten Mengen entsteht hochwertiger HVO-Kraftstoff (Hydrotreated Vegetable Oil), der fossilen Diesel ersetzen kann.
Allein für Haßmersheim mit rund 5.000 Einwohnern werden jährlich mindestens 2,5 Tonnen gesammelte Altspeisefette prognostiziert. In Walldürn kommen bei über 11.000 Einwohner weitere 3,7 Tonnen hinzu. Aus diesen Mengen lassen sich rechnerisch rund 6.500 Liter HVO-Kraftstoff gewinnen. Genug, um zu zeigen: Auch kleine Beiträge aus vielen Haushalten können in Summe Großes bewirken.
Vorreiter für kommunale Kreislaufwirtschaft
Mit dem Projekt betritt der Neckar-Odenwald-Kreis Neuland. Erstmals wird der gesamte Weg von der Sammlung gebrauchter Speisefette aus Privathaushalten bis zur Nutzung des daraus erzeugten Kraftstoffs in der kommunalen Abfallwirtschaft konsequent zusammengeführt.
„Wir zeigen, dass Kreislaufwirtschaft nicht nur ein Schlagwort ist, sondern ganz konkret vor Ort funktionieren kann“, betont KWiN-Vorstand Sebastian Damm. „Die Bürgerinnen und Bürger sammeln ihr Altfett. Daraus entsteht Kraftstoff. Und dieser Kraftstoff bewegt am Ende die Müllfahrzeuge vor Ort. Regionaler kann ein Stoffkreislauf kaum sein.“
Noch erfolgt die Nutzung über eine bilanzielle Zuordnung der gesammelten Mengen. Das Ziel ist jedoch klar: Wertvolle Rohstoffe in der Region halten, fossile Energieträger ersetzen und Klimaschutz dort umsetzen, wo er für die Menschen sichtbar wird.
Gesetzliche Vorgaben clever und nachhaltig erfüllen
Die KWiN muss die Anforderungen des Saubere-Fahrzeuge-Beschaffungs-Gesetzes erfüllen. Für viele kommunale Entsorgungsfahrzeuge im Ländlichen Raum sind Elektro- oder Wasserstoffantriebe derzeit jedoch noch schwer wirtschaftlich darstellbar. Der Einsatz von HVO-Kraftstoff eröffnet deshalb einen pragmatischen und gleichzeitig nachhaltigen Weg, die gesetzlichen Vorgaben zu erfüllen.
Interne Berechnungen zeigen, dass künftig rund zwölf Tonnen Altspeisefette und -öle pro Jahr benötigt werden, um die Anforderungen für die kommunale Müllabfuhr zu erfüllen. Die bisherigen Sammelerfolge machen deutlich, dass dieses Ziel erreichbar ist. Die HERM GmbH & Co. KG, langjähriger Kraftstofflieferant von KWiN und AWN, unterstützt das Projekt maßgeblich. Da HVO-Kraftstoff zeitweise nur begrenzt am Markt verfügbar ist, hat das Unternehmen zugesagt, die Versorgung der kommunalen Müllfahrzeuge langfristig sicherzustellen. Mit diesem Lieferversprechen schafft HERM eine wichtige Voraussetzung dafür, die in Haßmersheim und Walldürn gesammelten Altspeisefette und -öle bilanziell in die Kraftstoffversorgung der Müllabfuhr einzubringen.
Neue Sammelstellen machen Mitmachen noch einfacher
Damit noch mehr Bürgerinnen und Bürger mitmachen können, entstehen ab Herbst 2026 zusätzliche Tauschpunkte an den HERM-Tankstellen in Mosbach und Buchen. Dort können volle Sammelbehälter unkompliziert gegen gereinigte Behälter getauscht werden. Der Behältertausch lässt sich damit ganz einfach mit dem Tanken oder anderen Erledigungen verbinden.
Das Prinzip bleibt denkbar einfach: Fett sammeln, Behälter tauschen, weitersammeln. Aus vielen kleinen Beiträgen entsteht so ein großer Nutzen für Umwelt und Region.
Zukunftsbaustein der Bioökonomie
Die erfolgreichen Pilotprojekte sind inzwischen weit mehr als reine Sammelaktionen. Sie sind Teil der Bioökonomiestrategie der Metropolregion Rhein-Neckar. Langfristig wird sogar geprüft, ob im Neckar-Odenwald-Kreis eine dezentrale HVO-Produktion aufgebaut werden kann. Erste Interessensbekundungen potenzieller Partner liegen bereits vor.
Die Vision dahinter: Altspeisefette aus der Region sollen künftig in der Region verarbeitet und wieder in der Region genutzt werden.
Haßmersheim macht weiter
Die Erfolgsgeschichte geht deshalb weiter: Das Pilotprojekt „JederTropfenZählt“ in Haßmersheim wird bis Ende 2027 verlängert. Bis dahin sollen weitere Erfahrungen gesammelt und die Grundlage für eine mögliche kreisweite Einführung geschaffen werden. Die Entscheidung darüber soll im Rahmen der Fortschreibung des Abfallwirtschaftskonzepts im Jahr 2027 fallen.
Gemeinsam für eine starke Region
Möglich wird die Fortführung des Projekts durch das Engagement der Gemeinde Haßmersheim und zahlreicher Partner und Sponsoren. Dazu zählen der REWE-Markt Idrizaj, die Volksbank Neckar-Odenwald-Main-Tauber, die Sparkasse Neckartal-Odenwald, European Aerosols, die SAG Ingenieure sowie die Gebr. Demirbas GmbH. Gemeinsam investieren sie in eine Idee, die zeigt, wie nachhaltiges Handeln, regionale Wertschöpfung und praktischer Klimaschutz erfolgreich zusammenwirken können.
Autor:Landratsamt Neckar-Odenwald-Kreis aus Neckar-Odenwald-Kreis |
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