Kein Frieden unter den Nationen ohne Frieden unter den Religionen

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Ein etwas anderes Bild des Islams, als wir es aus den Medien gewohnt sind, zeichnete Frau Dr. Gabriele Lautenschläger bei ihrem gut besuchten Vortrag im Mömlinger Pfarrsaal. Als habilitierte katholische Theologin mit Zusatzausbildung in Islamkunde ist sie seit 2004 Beauftragte für den Interreligiösen Dialog im Bistum Würzburg.

PGR-Vorsitzender Werner Schmitt sagte in seiner Begrüßung: Der Islam gehört inzwischen zu unserer Lebenswirklichkeit, das macht manchem Angst vor neuer, unbekannter Überfremdung und unbekannten Einflüssen. Jedoch ist ein Austausch von religiösen Erfahrungen notwendig. Nicht Vorurteile sollen die Diskussion bestimmen, sondern fundiertes Wissen. Durch Begegnung und Dialog ist Toleranz möglich. Ein gegenseitiger Austausch und Dialog über das jeweilige Gottesbild erfordere besseres Wissen der anderen Religion. Er erinnerte an die Aussage von Professor Hans Küng in seiner Programmschrift Projekt Weltethos: „Kein Frieden unter den Nationen ohne Frieden unter den Religionen. Kein Frieden unter den Religionen ohne Dialog zwischen den Religionen. Kein Dialog zwischen den Religionen ohne Grundlagenforschung in den Religionen.“

Entstehung des Islam
Frau Lautenschläger stellte am Beispiel Bosnien fest, dass der Islam in Europa schon seit Jahrhunderten etabliert ist. Von der Religion ausgehend beleuchtete sie die interkulturelle, die interreligiöse und die rechtliche Seite des Islam und ging auf die Biographie Mohammeds ein. Mohammed, der ca. 570 in Mekka geboren wurde, lernte durch die Handelsstraße Menschen aus anderen Kulturen und Religionen kennen und suchte eine tiefere Bedeutung, eine Frage nach dem Sinn des Lebens, der nicht vom Profit des Handels gekennzeichnet war. Im Alter von 40 Jahren hat er zum ersten Mal nach dem Glauben der Muslime göttliche Offenbarungen empfangen. Er verurteilte die Vielgötterei und verkündete den Monotheismus, einen einzigen Gott. Mit seinen Predigten machte er sich nicht gerade beliebt bei der herrschenden Gesellschaft und musste nach dem heutigen Medina auswandern. Er ging davon aus, keine neue Religion zu gründen, sondern wollte die vorherrschenden Religionen erneuern, weil sie selbst ihren wahren Ursprung verlassen hatten. Von Medina aus dehnte Mohammed seinen Einfluss auf weite Teile der arabischen Halbinsel aus und erklärte die Kaaba zum ausschließlichen Heiligtum des Islam. Nach seinem Tod kam es wegen der ungeregelten Nachfolgefrage zur Spaltung in Sunniten und Schiiten.

Die Grundlagen des Islams: Koran, Sunna und Scharia

Der Koran, die Urkunde der göttlichen Offenbarung für Muslime, ist ein schwerverständlicher Text und enthält die Auditionen Mohammeds: „Was er vom Geist Gottes hört, soll er verkünden“. Man muss ihn in der Ursprache (arabisch) lesen können. Um einzelne Stellen bewerten zu können, muss man den ganzen Koran und die geschichtlichen Besonderheiten kennen. „Der Koran ist eine Schrift, die von sich aus nicht reden kann. Es sind die Menschen, die ihn zum Sprechen bringen und in ihrer Differenziertheit auslegen.“ Dabei können weltweit nur 20 % der Muslime arabisch. Wir denken bei muslimischen Ländern immer an den Nahen Osten, dabei wohnen die meisten Muslime in asiatischen Ländern (Indonesien, Pakistan, Indien, Bangladesch). In diesem Zusammenhang wird die katholische Kirche von führenden Muslimen um die Position des Papstes als oberste Autorität beneidet.
Die Sunna enthält Aussagen des Propheten, die als Hilfe genommen werden können. Die Scharia regelt die religiösen Pflichten, das Strafrecht und gibt Anweisungen für ein möglichst konfliktfreies und freies Leben in Familien und Völkern. Dieses Handeln ist in 5 Kategorien eingeteilt: gebotenes, empfohlenes, erlaubtes, tadelnswertes und verbotenes. Ein wichtiges altes Gebot, das auch alle muslimischen Dachverbände in Deutschland unterstützen, heißt: Die Gesetze des Landes, in dem man lebt, sind zu halten. Kein Muslim kann sich auf den Koran berufen. Wer das nicht vereinbaren kann, der muss das Land verlassen.
Die 5 Säulen des Islams sind: Glaubensbekenntnis (schahada), Pflichtgebet (salat), Almosenabgabe (zakat), Fasten (saum) und eine Wallfahrt nach Mekka einmal im Leben.

Chancen im interreligiösen Dialog
Große Chancen sieht die Referentin im Interreligiösen Dialog, der in allen deutschen Bistümern eingerichtet wurde (siehe auch www.ird.bistum-wuerzburg.de). Dieser wurde möglich durch die Erklärung „Nostra aetate“ (in unserer Zeit), die Öffnung der Kirche zu den nichtchristlichen Kirchen im Jahr 1965. Sie war zunächst geprägt vom Verhalten der Kirche bei den Judenverfolgungen im sogenannten „Dritten Reich“. Die Bischöfe haben erkannt, dass es auch in anderen Religionen „Wahres und Heiliges“ gibt. Dies gilt auch für den Islam. In 4 Feldern sollen Dialog und Zusammenarbeit gefördert werden: im Dialog des Lebens (in Kontakt kommen), dem Dialog des Handelns (gemeinsame soziale oder Umweltprojekte), die theologische Ebene und der geistigen Austausch. Leider gibt es zu den letztgenannten Themen nicht viele muslimische Theologen. Dies geschieht meist nur auf überregionalen Foren. Auch wenn der Glaube an Jesus in Christentum und Islam unterschiedlich ist und das es zu akzeptieren gilt, so eint uns doch: Das ewige Wort Gottes ist im Koran Wort geworden, genauso wie uns Christen das Wort Gottes von Jesus verkündet wurde. Auch die 10 Gebote sind fast wörtlich gleich mit der Sure 17.

Religion ist keine Legimitation zum Töten
Lautenschläger nahm auch Stellung zu Radikalisierungstendenzen. Extreme Vereinfachungen (gut und böse), Flucht aus der Vielfalt und wahren Einsichten (Suche nach Sicherheit) sind oft eine Folge niedriger religiöser Bildung, die auch bei uns vorkommen. Es wird nicht akzeptiert, dass „Gott das letzte Wort hat“, sondern alles bekämpft, was dies in Zweifel ziehen könnte. Selbsternannte Elite legimitiert damit ihren Machtanspruch auf Gewalt. Dies ist auch bei Kritik (Karikaturen) der Fall. Oft sehen sich Muslime auch in einer Opferrolle. Schuld sin sich auch koloniale Hintergründe und die empfundene wirtschaftliche und technische Überlegenheit der christlich geführten Länder.
„Wer einen Menschen tötet, tötet alle Menschen. Wer einen Menschen rettet, rettet die Menschheit“, dieser Satz steht sinngemäß im Koran, in der jüdischen Mischna und im Neuen Testament und zeigt, dass Religion keine Legimitation zum Töten gibt. Es sind immer die Machtverhältnisse. Der offene Brief von über 120 islamischen Gelehrten vom September 2014 an die Kämpfer des IS macht dies ebenfalls deutlich (siehe auch Christlich-islamische Begegnungs- und Dokumentationsstelle www.cibedo.de) .

Umfangreiche Diskussionsrunde
„Wie kann Dialog stattfinden, wenn man die Religion nicht hinterfragen darf“, so die Frage eines Zuhörers. „Jede Religion lebt von der interreligiösen Kritik, denn sie ist immer reformbedürftig, auch in der katholischen Kirche“, so die Referentin. Der Ein-Gott-Glaube und die Dreifaltigkeit der katholischen Kirche, sowie der Kreuzestod Jesu aus Sicht des Islams, die Nähe von Religion und Staat, Unterschied von Sunniten/Schiiten, Aleviten und Salafisten, Märtyrerkult, das Frauenbild im Islam, Burka und Kopftuch, Ehrenmorde, Christenverfolgung in islamischen Ländern, Antisemitismus (auch durch zugewanderte Muslime) waren weitere Themen, auf die Frau Lautenschläger Antworten gab. Den Dank an Frau Lautenschläger für den sehr informativen Abend sprach der PGR-Vorsitzende aus.

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