Trauert nicht wie die, die keine Hoffnung haben

Pastoralreferent Zöller
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Mömlingen. „Schaut auf die Friedhöfe und ihr wisst, wer die Menschen des Ortes sind und ob es sich dort auch zu leben lohnt“. Dieses Zitat stellte der Pfarrgemeinderatsvorsitzende Werner Schmitt bei der Begrüßung zum Vortragsabend „Lebensort Friedhof“ in den Raum.

Er hieß den Referenten, Herrn Pastoralreferenten Rainer Zöller herzlich willkommen, ebenso die Zuhörer, darunter Pfarrer Manfred Jarosch, Bürgermeister Siegfried Scholtka und die Mitarbeiter eines Bestattungsunternehmens. Er stellte klar: Veränderungen gibt es immer, auch bei Bestattungsformen und Beerdigungen. Aber eine anonyme Bestattung kann und wird es nicht geben, denn jeder Mensch hat durch seine Namensgebung bei der Taufe eine besondere Würde erhalten. „Heimat ist da, wo wir die Namen der Toten kennen. Auch moderne mobile Menschen brauchen eine Heimat“, so Schmitt.

Für den Referenten Zöller ist das Thema Friedhof ein weites Thema. Er teilte es in folgende grundsätzliche Aussagen:

Friedhof ist ein Ort des Menschseins und der Menschlichkeit
Er zeigte anhand der Bestattungskultur auf, dass sich erste Bestattungsformen bereits beim „Homo erectus“ finden. Es begann, sich ein erstes Transzendenzbewusstsein zu entwickeln, eine erste Vorstellung von einem höheren Wesen. Auch die Griechen beurteilten ein Volk danach, wie es seine Toten bestattet. Bei einer Beisetzung ohne Feier, dem sogenannten stillen Abtrag (= Entsorgung) bricht etwas vom Menschsein weg, denn der Name ist das Hauptkriterium, um einen Menschen zu würdigen.

Friedhof ist ein Ort der Wahrheit
Allen Teilnehmern einer Bestattung wird die Tatsache des eigenen Todes deutlich. Nur die Endlichkeit des Lebens macht es wertvoll. Diese Konfrontation ist oft schwer vermittelbar. Ein Ausblenden hat aber fatale Folgen, wie man an der „Generation Turnschuh“ feststellen kann. Alles ausnutzen und ausleben, bis hin zur Verschwendung von Rohstoffen, auf Kosten der Natur, anderer Menschen oder künftiger Generationen.

Friedhof ist ein Ort der Trauer
Mit dem Tod eine/r/s Angehörigen beginnt die Trauer. Jede Trauer hat ihren eigenen Verlauf. Zöller verglich die Trauerzeit mit der Einfahrt in eine Schleuse, wo der Übergang in ein anderes Niveau langsam von statten geht. Er sprach von der Phase des Schocks (Nicht wahr haben wollen, Gefühl trotzt dem Rationalem), der regressiven Phase (Trauernde ziehen sich zurück, Gefühle sind schwer kontrollierbar und dürfen auch geäußert werden, die Daseinspflicht bricht weg) und der adaptiven Phase (sich öffnen, das Leben geht weiter, der Tote wird frei gegeben).

Religiöse Riten helfen bei der Trauer
Stark plädierte Zöller für das Abschiednehmen von de/r/m Verstorbenen, dies sei auch für Kinder wichtig und ein wichtiger Schritt für die Verarbeitung der Trauer. Besonders am Anfang können Bestatter mit einem guten Umgang hilfreich sein. Auch religiöse Riten helfen den Trauernden, stellten Psychologen fest. Bei der Teilnahme an Totengebet, Rosenkranz, Requiem und Beerdigung kann auch die Gemeinde ihre Mit-Trauer deutlich machen.
Das Weihwasser bei der Beerdigung erinnert an die Taufe, bei welcher der/die Verstorbene den Namen erhalten hat (Ich habe dich bei deinem Namen gerufen – Gott vollendet, was er in der Taufe begonnen hat). Der Weihrauch gibt dem Körper Würde (er war Tempel des Heiligen Geistes) und das Erde geben erinnert an Herkunft und Zukunft zugleich. Hier können alle Teilnehmer „handgreiflich“ Abschied nehmen. Trauerberatung und seelsorgliche Gespräche können eine Hilfe sein. Diese werden auch in Mömlingen angeboten (halbjährliche Trauerfeiern).

Die Ostererfahrung macht deutlich: Gott ist stärker als der Tod
Theologisch-philosophische Gedanken stellte Zöller an das Ende seines Vortrags:
Die Bibel hat verschiedene Bilder für das Weiterleben nach dem Tod: Abrahams Schoß, Wohnung beim Vater. Auch Paulus mahnt: „Trauert nicht wie die, die keine Hoffnung haben.“ Die Ostererfahrung macht deutlich: Gott ist stärker als der Tod.
Von Michelangelo gibt es die Überlieferung, dass er mit 86 Jahren zu einer Gräfin äußerte, dass er bald von Gott abberufen werden wollte. Sie fragte ihn, ob er lebensmüde sei. Er aber antwortete: „Nein, lebenshungrig!“
Auch im Spätmittelalter wird von einer Erbauungsliteratur berichtet, die den Namen „Ars moriendi“ (die Kunst des guten Sterbens) trägt. Und von Novalis wird ein Satz überliefert: „Wohin gehen wir, immer nach Hause.“

In der anschließenden Gesprächsrunde wurden folgende Themen angeschnitten:
Situation von aus der Kirche ausgetretenen Menschen: Hier gibt es mehrere Seiten zu bedenken. Man muss den Einzelfall sehen und eine Ideallösung gibt es nicht. Einerseits muss man die Entscheidung des Ausgetretenen akzeptieren. Andererseits kann der formale Austritt wegen Missständen und nicht aus Glaubensgründen erfolgt sein und das Umfeld (die Angehörigen) ist zu beachten. Hauptamtliche sollen aber nicht in liturgischem Gewand Beerdigungen vornehmen. Beten für den Verstorbenen ist wichtig.

Friedwald: Oft wird die Grabpflege als Vorwand benutzt. Es ist die Entscheidung jedes einzelnen. Die Verbindung zur Gemeinde reißt damit ab, auch für Angehörige aufwendige Fahrten. Blumen und Schmuck sind dort nicht möglich. Verstorbene sind Privatpersonen, aber auch immer öffentliche Personen. Gemeinschaftsgrab im Mömlinger Friedhof kann genutzt werden. Auch das Gedenken an Allerheiligen kann nur gemeinsam an einem Ort stattfinden. In einer Glaubensgemeinschaft gehören die Verstorbenen dazu! Friedhof als „Heimat“ sehen. Namen erinnern. Trauer braucht einen Ort. Das haben auch viele Angehörige erlebt, deren Söhne während der Weltkriege als vermisst gemeldet wurden und deren Namen dann auf dem heimatlichen Grabstein angebracht wurden.

Individualisierung bei der Bestattung: Es ist wohltuend, dass in unserer Gemeinde noch viele Menschen an den Beerdigungen teilnehmen. Von einer Beerdigung im engsten Familienkreis soll im Trauergespräch abgeraten werden. „Geteiltes Leid ist halbes Leid“ sagt ein Sprichwort. Bewusst machen: Trauer muss sich auch äußern dürfen, Weinen und Tränen sind normal und sollen nicht durch Medikamente unterdrückt werden. Das Aussprechen von Beileid ist ein Ritus, wieder mit anderen ins Gespräch zu kommen. Die offene Aufbewahrung von Verstorbenen wird fast nicht mehr praktiziert. Hier gilt: die körperliche Verfassung des Verstorbenen beachten.

Können wir bei weiterem Priestermangel noch das Requiem in der bisherigen Form feiern? Solange es möglich ist, soll dies so beibehalten werden. Wenn Angehörige kein Requiem mehr wollen, ist es Aufgabe der Pfarrei, dieses Requiem zu halten. In einigen Gemeinden des Bistums werden diese als sogenannte Seelengottesdienste oder Erinnerungsgottesdienste in zeitlichen Abständen bereits gehalten. Es ist aber in unserer Pfarreiengemeinschaft auch bereits möglich, statt des Requiem eine Wortgottesfeier anzubieten.

Belegung alter Friedhof: Auf eine Rückfrage antwortete Bürgermeister Scholtka: „Auch wenn viele Gräber frei sind, können wir sie nicht nutzen“. Grund ist der schlechte Verwesungsprozess. Viele Lichter und Blumen zeigen, dass mit dem Entfernen der Grabsteine die Trauer noch nicht abgeschlossen ist.

Trauern mit Kindern: Herr Herrschaft vom Bestattungsinstitut Olt berichtete von einem „Aktionstag Tod “ mit Kindern aus der evangelischen Gemeinde Lützelbach. Auch bei uns laufen viele Kinder auf dem Schulweg am Leichenhaus vorbei und fragen “was ist das?“ Eine Teilnehmerin ergänzte durch Erfahrungen bei Trauerfällen mit Angehörigen von Schulkindern. „Mitschüler sind tragende Säulen bei der Trauerbewältigung“, so die Aussage.

„Diese Themen werden uns auch weiter im Pfarrgemeinderat immer wieder beschäftigen“, sagte der PGR-Vorsitzende und bedankte sich bei den Zuhörern und beim Referenten und überreichte Herrn Zöller ein kleines Geschenk aus dem Eine-Welt-Laden.

Pastoralreferent Zöller
Teilnehmer beim Vortragsabend "Friedhof"

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