Mango Metropolis - 100 erotische Gedichte
Das Rote Kleid - Teil 2
- hochgeladen von Gerardus Wilhelmus Theodorus Cornielje Baron von Sachsen
Das rote Kleid 2
Sie kommt
wie eine Prophezeiung
die jemand mit Lippenstift
auf einen Badezimmerspiegel
geschrieben hat.
Ihr Körper ist kein Körper.
Er ist Andeutung,
er ist Nachhall.
Er ist eine Melodie
die in der Abenddämmerung
auf der Haut einer Mango gespielt wird
während die Fruchtfliegen kreisen
und um Vergebung betteln.
Die Stadt schwitzte bereits
als sie kam,
aber danach,
danach dampfte sie.
Die Straßenlaternen seufzten.
Die Deckenventilatoren würgten.
Männer ließen ihre Zigaretten fallen
und vergaßen dass sie jemals
ein sauberes Leben führen wollten.
Sie trägt Rot
wie ein Geheimnis
wie eine Wunde
die nicht heilen will.
Das Kleid klebt
genau an den richtigen Stellen,
wie Honig, der
auf die Dellen eines Oberschenkels
verschüttet wurde,
wie eine Sünde, die sich
nicht bekennen will.
Ihr Kleid lebt.
Es atmet mit ihr.
Man könnte schwören,
dass es summt.
Sie isst Obst
mit den Händen. Ananas-Saft
läuft ihr über das Handgelenk
Sie leckt ihn ab,
langsam
als wollte sie der Welt beibringen
wie man richtig leidet.
Ihr Mund öffnet sich
und die Stadt vergisst
welcher Tag heute ist.
Welchen Gesetzen sie gehorcht.
Welche Götter sie einst fürchtete.
Wir beobachten sie
aus Türen
von Balkonen
aus Taxifenstern
hinter Gläsern
mit warmem Rum
den wir nicht mehr schmecken.
Wir werden zu Stein
und Dampf
und Atem
und Staub,
nur weil sie beschließt
in eine Guave zu beißen
und aufzublicken
als ob nichts anderes zählt
als die Farbe
des Sonnenuntergangs
auf ihrer Zunge.
Ihr Tanz
ist keine Choreografie.
Er ist Fieber.
Er ist Verlust.
Er ist der letzte Traum
bevor man aufwacht
und für immer einsam ist.
Ihre Hüften sprechen,
und Männer vergessen ihre Namen.
Frauen vergessen
dass sie Männer hassen.
Die Straße vergisst
ihre Schlaglöcher.
Sogar der Wind
neigt sich tiefer
nur um den Saum
ihres Kleides
zuzuflüstern.
Sie bestellt einen Cocktail
und der Barkeeper
schüttet sein Herz aus
in den Shaker.
Sie nippt daran
als wolle sie
die Seele
aus dem Glas saugen.
Sie schwankt,
nein
sie schwebt
auf unsichtbaren Rhythmen
die nur Zikaden
und Sünder hören können.
Das Parfüm
das sie trägt
gibt es nicht im Laden.
Es wird mit
den Schenkeln von Vulkanen
und mit dem letzten Atemzug
von ertrunkenen Seeleuten
gemischt.
Menschen sind gestorben
als sie versuchten, ihrem Duft
zu folgen.
Ich habe sie gesehen.
Die Frau im roten Kleid.
Ich sehe sie immer noch.
Die Gassen schweigen
wenn sie vorbeigeht.
Sogar die Ratten halten inne
und neigen ihre Köpfe,
die Katzen
vergessen zu töten.
Sie ist
die wahre Religion der Stadt.
Die Flamme
in der Kathedrale
des Verbotenen.
Und wir,
die Voyeure,
die Unsichtbaren,
die Zigarettenstummel,
die Schattenbewohner,
wir existieren
nur,
um ihr dahingleiten zu beobachten,
um das Wunder
ihrer Bewegung
durch eine Welt
zu dokumentieren,
die ihres Geheimnisses nicht würdig ist.
Manche sagen,
sie habe einen Liebhaber.
Manche sagen
sie tötete ihn.
Manche sagen
sie tanzt allein
weil niemand
ihren Rhythmus
folgen kann.
Ich frage nicht.
Ich will es nicht wissen.
Ich schaue nur zu.
Ich warte nur.
Denn einmal
hat sie mich angelächelt,
nur einmal,
und dieses Lächeln
wurde zu einer Narbe
die ich jetzt
wie eine Medaille trage.
Sie ist nicht real.
Sie ist mehr als real.
Sie ist das
gefährlichste Gerücht der Stadt.
Die Legende,
von der wir hoffen, dass sie niemals endet.
Und heute Nacht,
wenn der Regen einsetzt
und die Musik
durch die Straßen klingt,
erscheint sie wieder,
rot,
nass,
unmöglich,
und wieder einmal
vergessen wir,
dass wir jemals
etwas
anderes wollten.
Aus Mango Metropolis - 100 erotische Gedichte
Gerardus Baron von Sachsen
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