Erinnerungskultur
Der gemeinsame Blick - Klappe die zweite!
- An der Eastside Gallery
- Foto: Brigitte Hartung-Bretz
- hochgeladen von Theresia-Gerhardinger-Realschule
Nachdem sich die Schülergruppe der achten Jahrgangsstufe der TGRS Amorbach zusammen mit einer Jugendgruppe des Service Jeunesse Mondeville in einer Projektarbeit mit dem Thema „Der gemeinsame Blick auf 80 Jahre Frieden in Europa“ beschäftigt und dabei in Caen, Falaise und Arromanches die Landung der Alliierten in der Normandie und das Ende der Naziherrschaft erforscht hatte, stand Ende Juli die zweite Begegnung mit den französischen Partnern an: ein Treffen der beiden Gruppen in Berlin. Der ideale Ort, um Ursachen und Folgen des Naziregimes zu erkunden. Es wurden viele geschichtsträchtige Orte besucht, darunter der Bebelplatz, an dem am 10. Mai 1933 die Bücherverbrennung stattgefunden hatte. Auch das Liebermannhaus am Pariser Platz hat eine bewegte Geschichte. Es wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts von dem jüdischen Maler Max Liebermann und seiner Ehefrau Martha bewohnt. Liebermann war ehemals Präsident der Preußischen Akademie der Künste. Später stuften ihn die Nationalsozialisten als „entarteten Künstler” ein. Er verstarb im Jahr 1935, seine Frau Martha verübte am Vortag ihrer Deportation nach Theresienstadt Selbstmord. Sie ist eines von sechs Millionen Opfern des Nationalsozialismus, an die das Holocaust-Mahnmal erinnert, unser nächstes Ziel. Doch auch zu DDR-Zeiten wurden Menschenrechte missachtet: Es gab viele Todesopfer, die sogenannten Mauertoten, die vergeblich versuchten, das Land zu verlassen, um im Westen zu leben. An sie erinnern die Kreuze zwischen Brandenburger Tor und Bundestag. Eines der bekanntesten Opfer war der 18-jährige Peter Fechter, der bei seinem Fluchtversuch ein Jahr nach dem Bau der Mauer von Grenzsoldaten der DDR angeschossen wurde und im Todesstreifen verblutete, ohne dass ihm jemand zu Hilfe eilte.
Im Anschluss erfolgte ein Besuch im Deutschen Bundestag, wo wir an einem Vortrag teilnahmen und die Kuppel besuchten, von der aus man einen traumhaften Blick auf Berlin hat.
Am nächsten Tag stand zunächst ein Besuch des Denkmals „Züge in das Leben – Züge in den Tod 1938–1939“ am Bahnhof Friedrichstraße auf dem Programm. Es erinnert an die Kindertransporte während der NS-Zeit. Unzählige jüdische Kinder wurden in Vernichtungslager Richtung Osten transportiert. 10.000 von ihnen hatten die Chance, nach England auszureisen und damit dem sicheren Tod zu entrinnen.
Anschließend wurde der Tränenpalast besucht, der zu Zeiten des Kalten Krieges die Übergangsstelle zwischen Ost- und Westberlin war. Seinen Namen hat der Tränenpalast von den tränenreichen Abschieden, die hier stattfanden. Westdeutsche, die ihre Verwandten in Berlin besuchten und Ostdeutsche, die die DDR für immer verließen. Ein weiteres Highlight des Tages war der Besuch des Alliiertenmuseums in Berlin-Zehlendorf, das viele Exponate aus der Besatzungszeit durch die Siegermächte nach dem Zweiten Weltkrieg zeigt. Hochinteressant auch einer der sogenannten „Rosinenbomber“, eine Hastings, die während der Berlinblockade zum Einsatz kam, um die Westberliner Bevölkerung aus der Luft zu versorgen. Ein weiteres bemerkenswertes Objekt im Außenbereich, das besichtigt wurde, war der Waggon des französischen Militärzuges, der zwischen Berlin und Strasbourg verkehrte. Auch das letzte Gebäude des Checkpoint Charlie wurde erkundet. Der Sonntag begann mit dem Besuch des Nordbahnhofs, wo eine Ausstellung von den Geisterbahnhöfen, den stillgelegten und hermetisch abgeriegelten Bahnhöfen im Ostteil Berlins erzählt, die ebenfalls zu Fluchtversuchen genutzt wurde. Besuch mit Führung an der Gedenkstätte Berliner Mauer, für die deutsche und französische Gruppe getrennt in der jeweiligen Muttersprache, hinterließ einen bleibenden Eindruck bei den Jugendlichen. Vom Aussichtsturm des Dokumentationszentrums konnte nochmals einen Überblick über den Aufbau der Grenzanlagen gewonnen werden. Welch perfides System, um eine ganze Bevölkerung einzusperren und ihrer Freiheit zu berauben. Wesentlich entspannter und fröhlicher gestaltete sich der Besuch an der Eastside Gallery, des längsten noch erhaltenen Abschnitts der Berliner Mauer. Am späten Abend fand die Lichtprojektion am Elisabeth-Lüders-Haus im Parlamentsviertel statt, ein sehenswertes Schauspiel über die Entstehung des Parlamentarismus und die Geschichte der BRD und der DDR nach Ende des Zweiten Weltkriegs. Ebenso beeindruckend war die Führung durch das Museum der Blindenwerkstatt Otto Weidt in den Hackeschen Höfen. An diesem Ort hatte Otto Weidt während der Naziherrschaft blinde, seh- und hörbehinderte Jüdinnen und Juden beschäftigt und viele von ihnen vor dem sicheren Tod gerettet.
Die Abende wurden mit gemeinsamen Aktivitäten zur Sprachanimation verbracht. Es wurde etwas Küchenlatein gelernt und die Körperteile wurden erarbeitet. Nach dem Motto „mens sana in corpore sano – ein gesunder Geist in einem gesunden Körper“ folgte die sportliche Betätigung „la balle sur la tête, sur la main, sur le genou, sur le pied“. Bei Domino, Memory und einem Alphabetspiel mit „orange, banane, carotte, citron, kiwi, tomate, papier, carton, cactus und radio“ konnten die Schüler feststellen, dass Deutsch und Französisch gar nicht so kompliziert sind. Die Zahlen wurden bei „Mensch ärgere dich nicht“ und beim Kartenspiel „Maumau“ geübt. Die für eine Reise absolut notwendigen Gegenstände wurden beim gemeinsamen Spiel "Je fais ma valise et je prends … Ich packe meinen Koffer und nehme mit …" vorgestellt.
Gemeinsam reflektierte die Gruppe den Wortschatz, den sie mit dem Erlebten verbindet. Welche positiven und negativen Begriffe können mit Erinnerungskultur in Verbindung gebracht werden? Amour, Paix, Liberté, Humanité, Espoir, Bienveillance, Bonheur, Fraternité, Unité, Sérénité, Joie, Amitié, Confiance, Égalité, Tristesse, Frustration, Colère, Krieg, Zwang, Trauer, Verlust. Die Umsetzung erfolgte in Form von Graffitis, die von den Werken der Eastside Gallery inspiriert waren.
Natürlich durfte auch das gemeinsame Bummeln und Shopping nicht fehlen: einmal am Alexanderplatz und zum Abschied am Potsdamer Platz.
Die Webseite zum Projekt findet man unter folgendem Link: https://austausch2025.wordpress.com/
Wir bedanken uns beim Deutsch-Französischen Jugendwerk, beim Bezirk Unterfranken und beim Deutsch-Französischen Club Miltenberg für die finanzielle Unterstützung.
Brigitte Hartung-Bretz
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