HSG-Theater: packende Zukunftsvision
Wenn Farben unser Leben bestimmen…
- Maya dominiert die anderen "Armbänder".
- Foto: Lange
- hochgeladen von Dirk Simon
Wissenschaftlicher Durchbruch oder Wahnsinn? - "Das Experiment" am HSG
Unter dieser zentralen Frage steht das neueste Projekt des HSG-Oberstufentheaters unter der langjährigen Leitung von Martin Lange.
Schon das minimalistische Bühnenbild wirkt auf die zahlreichen Zuschauenden beklemmend: Metallregale, in kühlem Blau lackiert, lenken die Aufmerksamkeit der Zuschauerinnen und Zuschauer auf die Bühnenmitte. Das zweite Requisit sind Plastiktonnen im selben Farbton, mit einem schwarzen Deckel.
Mit einem beeindruckenden Light-, Sound- und Dampfspektakel beginnt die Inszenierung – die HSG-Techniktruppe ist nicht anders als hochprofessionell zu bezeichnen.
In den Regalen lagern die Versuchspersonen, alles Jugendliche, auch im Stück, in Wirklichkeit natürlich Mitglieder des HSG-Wahlkurses „Theater und Film“: Isabell Kaizik, Laurin Lorke, Lena Osenberg, Ilyas Kleine, Eric Schuck, Marlene Breer, Mia Schmitt, Lara Buhleier, Jenna Bauer, Sofia Tienes und Emma Ziegler spielen die Jugendlichen sehr realitätsnah: Gereiztheit, Anspruchsdenken und nur nicht schwach und unterlegen rüberkommen – ein solches emotionales Gemisch ist natürlich toxisch.
Alle Jugendlichen wissen anfangs nicht, wo sie sich überhaupt befinden, geschweige denn, wie sie in die Lagerhalle gekommen sind – bei aller Unterschiedlichkeit verbindet sie jedoch ein Ziel: von diesem ungemütlichen Ort zu fliehen und nicht zu verhungern oder zu verdursten.
Die Szene wird eingefroren und Ärztinnen mit hohen akademischen Titeln treten auf, die sich über die Ziele, nicht aber über den Ablauf des Experiments, einig sind: Milena Henneberger, Valentina Feyerer und Lena Amend gelingt es, medizinischen Dünkel zu vermitteln, der die Achtung vor den Menschen vermissen lässt. Unterstützt werden die drei Medizinerinnen von Herrn Meier, gespielt von Marius Becker, der die Damen mit Messdaten der Jugendlichen versorgt. Und langsam wird deutlich, wie diese Daten ermittelt werden: Alle Jugendlichen tragen Armbänder, deren Farben das Level anzeigen, das sie erreicht haben, und ihre Vitaldaten messen und weiterleiten. Und hier beginnt auch der Kampf um die Führungsrolle: Wessen Armband rosa leuchtet, hat es am weitesten geschafft: Nadja Zengel als Maja gelingt es beeindruckend, sich alle anderen unterzuordnen, weil sie nun einmal den höchsten Level erreicht hat: Ihr Armband leuchtet rosa.
Die Kommentare der Zuschauerinnen (Emma Ziegler, Frieda Bruhm und Sophia Missaoui), die diese Armbänder wohl vermarkten wollen, bleiben einem im Halse stecken: „Da geht’s um Kohle, verstanden?“ – „Jugendliche heute befolgen Anweisungen von LED-Armbändern eher als Anweisungen von Erwachsenen!“ Und in der Tat: Wessen Armband nur blau leuchtet, der ist ein „Looser“. Demokratische Verfahren, um Entscheidungen zu treffen, werden immer unwichtiger: Im Laufe des Stücks steht eine Gewinner-Gruppe einer Looser-Gruppe gegenüber, die sich selbst noch Mut macht: „Wir sind zwar blau – aber frei!“
Das zweite Einfrieren der Szene zeigt die Ärztinnen in der Diskussion, ob das Experiment erfolgreich oder katastrophal abgelaufen ist – immerhin haben sich die Jugendlichen ja fast die Köpfe eingeschlagen. Und es bleibt auch unklar, worum es eigentlich geht: Sollten 12 Jugendliche in einer Extremsituation beobachtet werden? Sollten die Armbänder getestet werden? Es stellt sich heraus, dass der, der die Armbänder steuert, die ganze Welt steuern kann. Dass Macht durch die Armbänder zu einer eindeutig messbaren Größe wird. Dass die Führer und Führerinnen der Welt eigentlich nur Marionetten für die Massen sind – und die eigentlich Mächtigen die sind, die die Armbänder kontrollieren. So erinnert dieser beklemmende, von den drei Schülerinnen hervorragend gespielte Schluss an eine Dystopie der Weltherrschaft. Der anschließende, donnernde Applaus der Zuschauenden in der vollen Aula bezieht sich auf die großartige schauspielerische Leistung und auf die brandaktuelle Inszenierung – aber vielleicht auch auf die durch das Stück gewonnene Erkenntnis, dass wir Menschen im Jahr 2025 tatsächlich gar nicht so weit davon entfernt sind, fremdgesteuert zu werden. Die HSG-Schulfamilie hat wieder einmal bewiesen, was sie zu leisten imstande ist – und ein Theaterstück mit großem „Flair“ inszeniert.
(Burkard Beck)
Autor:Dirk Simon aus Aschaffenburg |
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