3. Schulgipfel Corona & Schule
Geschenkt wird uns nichts und doch alles!

Der 3. Schulgipfel fand während des Lockdown aus dem Homeoffice heraus statt und wurde auf Facebook gestreamt.
7Bilder
  • Der 3. Schulgipfel fand während des Lockdown aus dem Homeoffice heraus statt und wurde auf Facebook gestreamt.
  • hochgeladen von Joachim Schmitt

Weihnachten steht vor der Tür und die Probleme rund um die Schule in der Corona-Situation scheinen weiterhin groß und zumeist ungelöst. Wie soll es weiter gehen und wie können die Familien und das System Schule mit dieser Situation umgehen?Der 3. Schulgipfel soll nun, nachdem Lehrer, Eltern und Schüler zu Wort gekommen waren und ihre Anliegen den Politikern nahegebracht wurden, den Fokus legen auf die Frage der Bewältigung der anstehenden Probleme für die Erziehung zuhause und in der Schule. Das ganze Video ist auf Facebook oder Youtube einsehbar.

Trotz Lockdown und Umstellung der Schulen in den Distanzunterricht bleiben viele Fragen weiterhin ungeklärt. So wollte der Moderator Joachim Schmitt von dem Gast Dr. Matthias Ehrhard von der Professional School of Education Würzburg, wissen, wie man mit dem Gefühl der Stofffülle und des Notendrucks umgehen könne. Herr Dr. Ehrhard machte deutlich, dass es eine solche Überforderungskritik schon sehr lange gibt, auch jenseits von der Pandemie. Nur macht Corona blitzlichtartig deutlicher, wie das System mit Druck arbeitet. Gerade weil es ein systemisches Problem ist, kann es auch nicht vor Ort gelöst werden. Zum besseren Lernen wäre es nötig, den Selektionsdruck zu verringern und vielmehr die Förderung des einzelnen zu erweitern. Dazu haben die Schulen aber nur wenig Stellschrauben, da in den Schulordnungen bis ins Detail die Noten und Prüfungsformen geregelt sind. Die Zeit vor Weihnachten war schon immer eine Zeit voller Prüfungen. Würde man nun weniger Prüfungen schreiben, dann gäbe es auch wiederum Eltern, die für ihr Kind, das gerade schlecht abgeschnitten hat, eine zusätzliche Chance fordern würden. Die „Schulordnungen sind so dick geworden, weil man alles regeln wollte“, meinte Dr. Ehrhardt, alle Veränderungen ziehen gleich viele rechtliche Konsequenzen nach sich. In den Blick müsse vielmehr das Verständnis von Schule kommen: Wollen wir ein gegliedertes Schulsystem? Eine höhere Individualisierung wäre wünschenswert!

Wird sich eine Generation Corona entwickeln? Auf diese Frage antwortete Herr Dr. Ehrhard, dass er da nicht so pessimistisch sei, schließlich habe es bisher auch keine Rede von einer „Generation G8“ gegeben. Wichtiger als den Stoff im Blick zu haben, ist es die methodischen Maßnahmen genauer zu planen, mit der man den Inhalt vermittelt. Und Familienseelsorger Walter Lang, der zweite Gast des Abends, legte den Eltern nahe, mehr den Druck rauszunehmen und seinen Kindern zu zeigen: Wir helfen dir, aber du musst auf diesem Weg mitgehen! Jammern bringe dagegen nichts voran. Zumal das bayerische Schulsystem viele Umwege und somit immer wieder neue Zugänge zu einer höheren Bildung ermögliche.

Der Gesprächsleiter Joachim Schmitt machte nun die Diskrepanz deutlich zwischen der Gefahr einer Bildungs-Ungerechtigkeit und dem berechtigten Interesse eines Gesundheitsschutzes aller Beteiligten. Schule ist zentral, hat eine stabilisierende Wirkung und braucht bei solchen Situationen einen längeren Planungshorizont, so der Tenor von Dr, Ehrhardt. „Wenn man Schule schließt, wird man Schüler verlieren“ und gleichzeitig werde den Kindern Möglichkeiten des Miteinander genommen, das soziale Lernen komme zu kurz. Masken und Wechselunterricht, besonders in den höheren Klassen, sollten als Mittel der Wahl genutzt werden.

Schule müsse lange offenbleiben, so auch Familienseelsorger Lang, damit die Erreichbarkeit von Bildung nicht vom Geldbeutel abhänge. Zumal gerade auch Alleinerziehende eine besondere Belastung durch diese Heimbetreuung erfahren. Wichtig sei, dass man Familie nicht defizitorientiert ansehe, sondern sich auch die Handlungsoptionen veranschaulicht, die man hat. So gebe es z.B. auch für die Zukunft Mitgestaltungsmöglichkeiten über den Elternbeirat.

Frau Steffi Thoma erzählte von einer Elternerfahrung, wie schwer es sein kann, sein Kind als eines von wenigen zur Betreuung schicken zu müssen, weil man selbst eine systemrelevante Arbeit hat. Zugleich stelle es eine Herausforderung dar, mehrere Kinder gleichzeitig in ihren häuslichen Lernaufgaben unterstützen zu sollen. Das erzeugt für die (berufstätigen) Eltern einen enormen Druck. Es stellt sich somit die Frage nach zusätzlichen Unterstützungen: Herr Joachim Schmitt regte sie an, in die Suche danach die Nachbarschaft oder sonstigen Hilfen aus dem Gemeinwesen, Nachhilfe durch ältere Schüler mit einzubeziehen, um damit Benachteiligungen ausgleichen zu können. Herr Lang pflichtetet ihm bei: Nachbarschaftshilfen in den Gemeinden könnten ausgebaut werden. Die Schwierigkeit bestünde aber vor allem darin, dass man dafür Ehrenamtliche für eine lange Zeit brauche, damit das System zuverlässig laufe. Oft sei dieses Engagement von einzelnen Akteuren abhängig. Auch der Elternbeirat in der Schule weise meist zu wenig Konstanz auf. Man brauche niedrigschwellige Angebote wie z.B. Studierende als Nachhilfelehrer, ergänzte Dr. Ehrhardt. Allerdings sei seine Erfahrung, dass eine “Nachhilfe“ oft auch von den Eltern abgelehnt wird, da sie eine Stigmatisierung ihres Kindes vermeiden wollen. Schulsozialarbeit sei zudem schon fest etabliert im System Schule. Dort müsse man vermehrt versuchen, Eltern mit einzubinden.

Mit dem Blick nach vorne lenkte Moderator Joachim Schmitt zu dem Weihnachtsfest unter Corona- Bedingungen: „In welcher Verfassung kommen die Familien an? Was ist jetzt dran?“, so fragte er die beiden Gäste. Die Stress-Levels in den Familien seinen sehr unterschiedlich, so meinte Lang, bei manchen Familien sei Weihnachten auch sonst schon unter einem erhöhten Stresslevel, weil sehr hohe Erwartungen mit diesen Tagen verknüpft würden. Wichtig sei Gelassenheit: „Weihnachten findet trotzdem statt.“ Der Blick müsse vor allem geschärft werden für die Menschen, die alleine sind. Und man solle dankbar wahrnehmen, dass es uns trotzdem gut geht. Dinge unternehmen, nach draußen gehen in die Natur, Bewegung könne helfen und strukturiere die Tage. Zudem könne man in aller Ruhe mit den Kindern ins Gespräch zu kommen, ergänzte Moderatorin Steffi Thoma. Dabei könne man erkennen, was uns als Familie trägt, worin unsere Resilienz liegt, so Lang. Und wenn nötig, solle man auch nicht zögern, professionelle Hilfe anzufragen.

Im nächsten Komplex widmete sich der Schulgipfel der Frage, ob man in den Ferien auf Lernen und Wiederholen drängen solle. Hier war Bildungswissenschaftler Dr. Ehrhard sehr klar: Das Weihnachtsfest sollte ganz der Familie bleiben, ein gewisser Abstand von der Schule sei sehr notwendig. Danach, im neuen Jahr, könne man dann als Eltern evtl. schon ein Wiederholen initiieren. Somit entstehe ein gleitender Übergang zurück in die Schule. Für Kinder, die einen besonderen Übungsbedarf hätten, der zuhause nicht bewältigt werden könne, sollte die Gesellschaft Angebote finden, die aber nicht unbedingt wieder im Schulkontext stattfinden brauchen, da die Organisation in Schule oft schwerfällig ist. Zudem wäre es gut andere Akteure mit einzubinden, z.B. ältere Schüler*innen oder Gleichaltrige, da von diesen eine Hilfe oft leichter angenommen werde.

Für eine Planungssicherheit, so Dr. Ehrhard, wäre es nötig, auch wenn die Politik vom Infektionsgeschehen getrieben sei, dass bis zum 5. 1., also zum nächsten Gipfel der Ministerpräsidenten, klar definiert sein sollte, wie es weiter gehe. Kinder wünschen sich Struktur. Man könne nicht jede Woche das Konzept umwerfen. Vielmehr brauche es Perspektiven für einige Wochen, z.B. Wechselunterricht für ältere Klassen bis zu den nächsten Ferien. Dies müsse geplant werden können für die Beteiligten. Vielleicht auch müsse dann mal eine unpopuläre Entscheidung durchgezogen werden.

Auch das Publikum, so Herr Schmitt, such nach dieser Planbarkeit. So werde gefragt, ab wann man mit dem normalen Unterricht wieder rechnen könne. Er fragte konkret, welche Auswirkungen eine Entscheidung hätte, die Schulen bis zum Beispiel Ende Januar geschlossen zu lassen? Herr Dr. Ehrhardt meinte, auch die Lehrer seinen nun besser vorbereitet, man habe ein Konzept der digitalen Kommunikation gefunden, das sich bewährt hat. Die Schulen haben inzwischen aufgerüstet und stehen technisch besser da als zu Beginn der Pandemie. Aber man müsse im Blick behalten, welche Schüler besondere Unterstützung brauchten, nicht nur technisch, sondern auch pädagogisch, im Besonderen in der Grundschule oder Mittelschule. Dies konnte Frau Thoma bestätigen, dass selbst in den Grundschulen ein virtuelles Klassenzimmer inzwischen möglich war. Dennoch müsse man die Defizite vermehrt in den Blick nehmen, die die zurückkommenden Kinder, auch im Kindergarten, mitbrächten. Der Lehrbetrieb, so Familienseelsorger Lang, versuche vieles schnell aufzuholen, auch ältere Lehrer arbeiteten engagiert daran, die Schüler weiter zu bringen. Zudem müsse man „Player, die mitspielen könnten“, wie z.B. stillstehende Jugendzentren miteinbinden.

Was haben wir für die Zukunft der Schule gelernt? Auf diese Frage ist für Herr Dr. Ehrhard klar, dass Unterricht Methoden nutzen muss, die differenziert die Individualität des Schülers bedienen. Vielleicht hieße das eine stärkere Binnendifferenzierung bei einem längeren Zusammenbleiben in der Schule, sodass der Notendruck verringert werde könne. Stressabbau durch Verringerung der permanenten Leistungsabfrage wäre ebenso eine wünschenswerte Option, die aber auch zur Bedingung hätte, dass Kinder und Jugendliche davon wegkommen, nur dann lernen zu wollen, wenn sie dafür Noten bekommen. Die Beibehaltung der halben Klassen wäre zudem eine Bedingung, die Schüler und Lehrer ebenso wie Bildungsforscher begrüßen. Als neue Erfahrung sollte man auch die Hybridform, das Zuschalten von Schülern, ansehen. Man dürfe nicht sofort in die alten Muster verfallen, sondern die gewonnenen positiven Erfahrungen nutzen. Das Kultusministerium sollte sich die Frage stellen: Was können wir den Schulen an Freiheiten mitgeben und was müssen wir vorgeben.

Herr Lang ergänzte das afrikanische Sprichwort: „Man braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind großzuziehen“. Auch das sei eine wichtige Lehre aus dem letzten Jahr: Man müsse viele Akteure für eine gute Betreuung der Kinder mit einbinden. So bräuchten Eltern nicht nur, wie in der Corona-Zeit, ein Notnagel der Bildungs-Erziehung sein, sondern könnten durch ihre Mitwirkung zu einem wichtigen Part in der Schulerziehung werden.

Zu guter Letzt rückte Frau Thoma den Blick nochmal auf Weihnachten und welchen Rat man den Eltern für diese Zeit mitgeben könne. Warum nicht die Vereinbarung: Wir reden mal nicht über Corona! Wir klären Regeln zum Umgang mit den Medien? Und, so Herr Lang, sollte man seine eigene Situation betrachten unter dem Satz „Wie die Jungfrau zum Kind“ und sich klar machen: Ich habe selbst nichts dazu beigetragen, dass ich hier, in diesem reichen Land geboren bin. „Diese Dankbarkeit“, so Lang, „würde ich vielen Menschen für Weihnachten wünschen.“

Und für die Zeit zum 11. Jan und danach rät Dr. Ehrhardt: „Vorher tief durchatmen und die Situation bestmöglich, mit einer gewisser Gelassenheit meistern.“ Nicht alles von anderen einfordern, v.a. dann, wenn sie diese Situation gar nicht verändern können - wie z.B. der Absturz von Mebis - sondern sehen, in welcher Situation wir eigentlich sind: In der Welt stehen viele Menschen vor einer ganz anderen Notsituation. Trotz allem geht es uns doch recht gut.

Und genau, à propos Weihnachten: Ein recht eigenwilliges Christkind hat sich da manchmal ins Bild geschlichen, nicht ganz so demütig und weich, wie man das im Kopf hat. Mit so einem gewissen realistischen Blick auf die momentanen Dinge hier: Die Schule, Corona und all die seltsamen Thesen der Menschheit zu diesem Weihnachtsfest. Gerade in diesem Jahr brauchen wir das heitere Draufsehen, das Einfach-mal-Loslassen und die Welt-so-nehmen-wie-sie-ist, auch wenn man mit dem, was „der Chef da oben“ verlangt, gar nicht so einverstanden ist. Danke an unseren "Christmas Special Guest" Simone Wagner:

Du zeigst uns deutlich das Resumée dieser Veranstaltung: „Geschenkt wird uns nichts“, wir haben viel zu tun, also packen wir es an und machen das Beste draus! Und doch alles, denn auch das Dilemma Schule in Deutschland relativiert sich im weltweiten Blick. Darum hilft uns eine gewisse Dankbarkeit und Gelassenheit bei allen Herausforderungen, denen wir uns werden weiterhin stellen müssen.

Die Berichte zum 1. Schulgipfel mit Schülern, Eltern und Lehrkräften sowie zum 2. Schulgipfel mit dem Abgeordneten des Bayerischen Landtags Berthold Rüth, Landrat Jens Marco Scherf und Schulamtsdirektor Michael Brummer finden sich unter den Nachrichten dieser Homepage.

(I.Thiem)

Autor:

Joachim Schmitt aus Niedernberg

Kommentare

online discussion

Sie möchten kommentieren?

Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.

Diskussion schließen

Hinweis: Der Autor wird vom System benachrichtigt

add_content

Sie möchten selbst beitragen?

Melden Sie sich jetzt kostenlos an, um selbst mit eigenen Inhalten beizutragen.

Karte einbetten

Abbrechen

Video einbetten

Es können nur einzelne Videos der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Playlists, Streams oder Übersichtsseiten.

Abbrechen

Social-Media Link einfügen

Es können nur einzelne Beiträge der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Übersichtsseiten.

Abbrechen

Beitrag oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen

Schnappschuss einbetten

Abbrechen

Veranstaltung oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen