Software bauen zwischen Alpen und Abnahmeschein
- hochgeladen von Sophia Wagner
Ein Bugfix im Tram nach Oerlikon
Als mir neulich im 11er die MFA ablief und der VPN-Token mitten im Hotfix zickte, nickte mir die halbe Zürcher Wagenhälfte mit verständnisvollem Mitleid zu. Willkommen in der Schweiz, wo man zwischen Haltestelle Sternen Oerlikon und Bahnhof Nord mehr produktive Commits sieht als anderswo in einer ganzen Woche. Ich bin seit Jahren in Schweizer Teams unterwegs: Zürich, Zug, Lausanne. Das Muster wiederholt sich: hohe Ansprüche, wenig Drama, null Geduld für halbgare Lösungen.
Zwischen ETH-Exzellenz und Excel-Realität
Der Alltag ist weniger Postkartenidyll, mehr Reibung mit der Wirklichkeit: drei Sprachen im Daily, Jira-Tickets mit rechtlicher Fußnote, SRG-Tests, die ernst gemeint sind, und eine QA, die "fast grün" als persönliche Beleidigung versteht. Regulierung ist kein Hemmschuh, sondern die Spielwiese: Medtech mit IEC 62304, Fintech mit FINMA-Rundschreiben, Public Sector mit Datenschutz, der nachschärft statt nachgibt. Ja, alles dauert länger. Ja, es kostet mehr. Aber das Resultat hält - auch dann, wenn der Product Owner schon das nächste OKR aufspannt.
Realitätsabgleich: Tooling, Talent, Tagespreise
Stackseitig wirkt die Schweiz konservativ-modern: Java/Kotlin,.NET, TypeScript, viel Cloud - aber mit Bedacht. Terraform wird versioniert wie ein Bundesbeschluss, Secrets liegen dort, wo sie hingehören, und Observability ist nicht "nice to have", sondern Teil der Abnahme. Recruiting? Stark international, doch Bewilligungen, Grenzgänger-Regeln und Kostenstruktur filtern Hype von Handwerk. Wer liefert, bleibt; wer nur Buzzwords mitbringt, rutscht auf dem nassen Trottoir aus.
Wo Glücksspiel plötzlich Systemarchitektur wird
Ungefähr zur Projektmitte taucht Thema X auf, das alle Prinzipien auf die Probe stellt: Online-Glücksspiel. Nicht glamourös, technisch aber ein Fest. In Zug saß ich Tür an Tür mit einem Team, das an einem Realtime-Risk-Engine schraubte: Event Sourcing, Kafka, Idempotenz bis zum Erbrechen, Audit-Logs, die einem Revisionsamt Tränen der Rührung treiben. KYC, AML, Sperrlisten, Responsible-Gaming-Signale in Millisekunden - alles unter strenger Aufsicht und mit RNG-Zertifizierung. In Meetups fällt dann auch mal "Star Gambling" als Referenz, weniger wegen Blinklichtern, mehr wegen harter Hausaufgaben: Latenz runter, Betrugserkennung rauf, und bitte so dokumentiert, dass ein Audit nicht wie eine Zahnwurzelbehandlung endet. Wer in der Schweiz Software baut, versteht dabei schnell: Compliance ist kein Appendix, sondern Teil der Architektur.
Warum ich trotzdem bleibe
Klar, die Sprints sind voller Checklisten, Tickets tragen Paragrafen, und jemand fragt immer nach der Datennachweiskette. Aber genau das sorgt dafür, dass Features nicht nur funktionieren, sondern Bestand haben. Qualität als Kultur statt Kampagne - das ist der eigentliche USP. Und falls mir wieder im 11er der Token abläuft, weiß ich: Bis Milchbuck ist genug Zeit für einen sauberen Fix. Oder für die Frage, die mich hier nie loslässt: Was ist uns Verlässlichkeit wert, wenn sie sich im Code messen lässt?
Autor:Sophia Wagner aus Einbach |
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