Großdemo in Berlin
Busbranche macht Druck auf Politik

Bus-Demo in Berlin
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Mächtig Druck auf die Politik machte die Busbranche mit einer Großdemo mit über 900 Reisebussen im Berliner Regierugsviertel am Mittwoch, 17. Juni in der deutschen Hauptstadt.

Busunternehmen leiden besonders unter der Corona‐Krise. Unter dem Hashtag #busretten macht die Branche auf die existenzbedrohende Situation aufmerksam, in der sie nach dem staatlich verordneten Lockdown seit Anfang März steckt. Reisebüros protestieren ebenso. Dahinter stehen Menschen mit ihren Familien und einige Zehntausend Beschäftigte. Zur bisher größten Bus‐Demo und Kundgebung kam es am vergangenen Mittwoch in Berlin. Über 900 Reisebusse aus ganz Deutschland sind nach Berlin gekommen. Auf einer Sternfahrt fahren vier Korsos mit jeweils 200 Bussen laut hupend durch das Regierungsviertel. Das Aufgebot an Reisebussen ist beeindruckend. Für einige Zeit wird der Verkehr in der Hauptstadt lahmgelegt.

Lasst unseren Familienbetrieb nicht sterben!

Viele Busse sind mit Sprüchen und Forderungen an die Politik beklebt wie beispielsweise: „Olaf, dein Wumms war für uns ein Blubb…“ oder einfach nur verzweifelte Aufschriften wie: „Lasst unseren Familienbetrieb nicht sterben!“ Während sich ein Buskorso auf der Schönefelder Allee in der Nähe des BER‐Flughafens formiert, fährt ein Reisebus des fränkischen Busunternehmens Tanner vor. Aus den Bordlautsprechern ertönt plötzlich Ennio Morrionces Filmmusik „Spiel mir das Lied vom Tod“. Ein skurriler Einfall der Touristiker, aber zum Lachen ist hier niemanden zumute. Ganz im Gegenteil, auf der autobahnähnlichen Straße wird es mucksmäuschenstill. Im Hintergrund liegt, wie ein Damoklesschwert, der noch nicht eröffnete BER‐Flughafen mit Dutzenden abgestellten Flugzeugen der verschiedenen Airlines. Endzeitstimmung! Eine bedrückende, ja völlig surreale Situation, fast wie in einem Science‐Fiction‐Film.

170 Millionen Euro Hilfe

Die Bus‐Demo endet schließlich mit einer Abschlusskundgebung vor dem Brandenburger Tor. Dazu wurde die Straße des 17. Juni, von der Siegessäule bis zum Brandenburger Tor, in beide Richtungen für den allgemeinen Verkehr gesperrt und als Parkfläche für die Reisebusse reserviert. Mit dabei sind auch viele einheimische Reisebusunternehmen ‐ STEWA Touristik, Glanz Bustouristik oder Staab Omnibusreisen, um nur einige zu nennen.
„Es geht um nicht weniger als um Alles. Hier stirbt gerade eine ganze Branche“, so Benedikt Esser, Präsident des Internationalen Bustouristik Verbandes RDA. Verkehrsminister Andreas Scheuer tritt ans Mikrofon und verkündet den Anwesenden eine frohe Botschaft: Die Kanzlerin und der Vizekanzler hätten ihm am frühen Morgen das „GO“ für ein umfangreiches Hilfspaket gegeben. 170 Millionen Euro soll es schon ab nächsten Monat für die krisengebeutelten Unternehmen geben. Ob das ausreicht? Für viele kommt die Hilfe zu spät. Andreas Busche von Ernst Busche Omnibusbetrieb in Rodewald sagte ernüchternd: „Wir werden die Firma wohl in 4 Wochen abmelden, zumachen, Insolvenz anmelden. Wir werden das nicht durchhalten.“ So wie Herrn Busche geht es vielen deutschen Busreiseunternehmen. Jedes Zweite könnte pleitegehen.

Unternehmen im „Stand‐By‐Modus“

Nicht ganz so pessimistisch sieht es Peter Stenger, der Geschäftsführer von STEWA Touristik: „Wir können das noch länger durchhalten …“ Wie lange, das ließ er offen. Er ist allein mit dem Fahrrad von Kleinostheim nach Berlin geradelt, um für ein paar Tage den Kopf freizubekommen. Die Sorgen im Betrieb sind groß. Hier in Berlin trifft er auf sein Team, die im Bistrobus auf ihn warten. STEWA Touristik sei in einer vergleichsweise komfortablen Lage, so Stenger. Die größte Bistrobus‐Flotte Deutschlands sei nicht auf Pump gekauft, sondern bezahlt. Somit fallen auch keine Leasingraten für die Fahrzeuge an. Auch das STEWA Reisezentrum, welches im Jahr 2007 an der B8 in Kleinostheim neu gebaut wurde, ist abbezahlt. Keine Tilgungen und keine Zinsen, die jetzt vielen in der Krise den Garaus machen. Nahezu alle der rund 250 Mitarbeiter befinden sich in Kurzarbeit. Ein Großteil der Bistrobus‐Flotte ist abgemeldet. „Wir befinden uns in einer Art ´Stand‐By‐Modus´ und könnten morgen schon wieder durchstarten“, so Stenger.

Gutscheinlösung oder Rückzahlung

Seit Wochen gibt es nur Stornierungen oder Umbuchungen. Kaum Neubuchungen. Die Kunden sind sehr verhalten. Wen wundert‘s? „Nahezu 95 % unserer Reisen wurden in den letzten Wochen abgesagt. Bei einer Reiseabsage seitens des Veranstalters hat der Kunde Anspruch auf Rückzahlung des Reisepreises oder kann einen Reisegutschein akzeptieren. Wir stehen vor dem großen Dilemma, einerseits die gesetzliche Verpflichtung zur Rückerstattung des Reisepreises dem Kunden gegenüber zu erfüllen und anderseits die ausstehenden Gelder von unseren Leistungspartnern zurückzufordern. Bei STEWA geht das in die Hunderttausende. Die Bereitschaft vieler Reedereien, Fluggesellschaften, Hotels und anderer Vertragspartner, die geleisteten Anzahlungen zurückzuerstatten, ist gering. Auch sie haben schließlich investiert und stehen mit dem Rücken zur Wand. Nicht alle werden das finanziell durchstehen. Dabei helfen uns die Reisegutscheine ungemein, die Liquidität unseres Unternehmens zu erhalten“, meint Stenger und bedankt sich bei der Gelegenheit für die große Solidarität seiner Kunden.

Das Ansteckungsrisiko auf Reisen ist nicht höher als Daheim

Nachdem das Auswärtige Amt die Reisewarnung für die meisten europäischen Länder zum 15. Juni zurückgenommen hat und touristische Reisen im Reisebus seit heute (Stand: 22. Juni) wieder ohne Abstandsregelung durchgeführt werden dürfen, gibt es einen Lichtschein am Ende des Tunnels. Das Reisen wird sich in Zukunft verändern und wir müssen lernen, mit Corona zu leben, so wie wir es gelernt haben, mit dem Terrorismus zu leben. In den Köpfen der Menschen braucht das noch eine Weile. Viele warten ab, sind nicht zuletzt durch die Berichterstattung in den Medien völlig verunsichert. Reisen ist per se nicht gefährlicher als daheimbleiben. Das Virus kennt bekanntlich keine Ländergrenzen. Die Fallzahlen in einigen Urlaubsländern sind zudem geringer als hierzulande. Griechenland, Kroatien oder auch Portugal haben die Pandemie gut in den Griff bekommen. Einige Länder, wie beispielsweise Neuseeland, sind sogar coronafrei. Die Neuinfektionen gehen in den meisten europäischen Ländern stark zurück und die Hygienekonzepte in den Hotels, Restaurants und touristischen Einrichtungen überzeugen vielerorts. Wir wollen niemanden in Gefahr bringen. Eine zweite Welle darf es nicht geben, das würde die Branche nicht überstehen, da sind sich alle einig. Bleiben wir zuversichtlich.

Text: Michael Murza

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