Ausschusssitzung
Region auf gutem Weg zum Meistern des Strukturwandels

Was tut die Region, um den Strukturwandel positiv zu gestalten? Mit dieser Frage hat sich der Ausschuss für Wirtschaft und Tourismus am Dienstag im ZENTEC-Gebäude in Großwallstadt beschäftigt. Vier Berichte unterschiedlicher Einrichtungen zeigten, dass Landkreis und Region Bayerischer Untermain auf einem guten Weg sind.

Elisabeth Kluin, Geschäftsführerin der Lokalen Aktionsgruppe (LAG) Main4Eck, wartete mit beeindruckenden Zahlen auf: Insgesamt 4,87 Millionen Euro wurden in den vergangenen Jahren seit Gründung der LAG im Landkreis investiert. Darunter sind 2,17 Millionen Euro aus EU-Fördermitteln, den Rest steuerten die jeweiligen Projektträger bei. Sie hatte einen Reingewinn pro Einwohner von 15,31 Euro errechnet, der durch die Projekte von 2015 bis 2021 im Landkreis angefallen sei. Das ist für Kluin ein Beleg, dass der sogenannte Bottom-Up-Ansatz – Projekte werden von den Bürger*innen entwickelt
und nicht „von oben“ – im Landkreis reichhaltige Früchte getragen hat. Die LAG sei seit 2008 ein eingetragener Verein, Kluin verwies auf 68 Mitglieder, darunter alle Kommunen des Landkreises. Einen Vorstand mit dem Vorsitzenden Landrat Jens Marco Scherf, einen Steuerkreis und die Mitgliederversammlung nannte Kluin als Organe der LAG. Über 30 Projekte seien bislang umgesetzt worden, sie nannte unter anderem die „Pedalwelt“ in Heimbuchenthal und den „Smart-Pfad“ im Odenwald. Die neue Förderperiode soll voraussichtlich am 1. Januar 2023 beginnen, neuer Schwerpunkt soll das Thema Resilienz sein. Zurzeit arbeite man an der Neuauflage der lokalen Entwicklungsstrategie, die als Voraussetzung für die künftige Förderung notwendig ist. Künftig wolle man auch verstärkt an Schulen gehen und damit die Jugend stärker beteiligen, kündigte sie an. Zudem seien im ersten Quartal 2022 zwei Workshops mit Bürger*innen geplant, ebenso Expertengespräche.

Mit großem Interesse nahm der Ausschuss die Ausführungen von Jens Fischer, dem neuen Geschäftsführer der SQG, der gemeinnützigen Strukturwandel- und Aktionsgruppe, auf. Diese Gesellschaft berät und unterstützt Unternehmen und deren Mitarbeiter*innen bei betrieblichen Veränderungsprozessen. Sie erarbeitet individuelle Konzepte und versucht, Mitarbeiter*innen zu coachen, damit sie wieder erfolgreich in den Arbeitsmarkt integriert werden. Das funktioniert üblicherweise so, dass
Menschen, die ihren Arbeitsplatz verlieren, durch das Mittel der Transferkurzarbeit weitergebildet werden und neue berufliche Perspektiven, Kenntnisse und Fähigkeiten entwickeln. Die Mitarbeiter werden, wenn sie das möchten, für ein Jahr von der SQG übernommen, die den Lohn und die Beiträge an die Sozialversicherung zahlt. Die SQG spricht mit jedem Einzelnen und klärt, welche Möglichkeiten für eine Weiterqualifizierung bestehen. Dementsprechend können die Kundinnen und Kunden etwa Praktika absolvieren, Seminare besuchen oder Weiterbildungen in Anspruch nehmen. Das alles, versicherte Fischer, sei freiwillig. Das Angebot sei sehr erfolgreich, er berichtete von Vermittlungsquoten von bis zu 75 Prozent. Anhand mehrerer Beispiele zeigte er, dass es in vielen Fällen gelang, Menschen zu vermitteln – teilweise in ganz andere Branchen.

Zurzeit zähle man neun Firmen als Kunden mit insgesamt 228 Mitarbeitern. Interessant sei auch das Instrument der „Weiterbildungsinitiatorin“, das die SQG in Kooperation mit dem Bayerischen Staatsministerium für Familie, Arbeit und Soziales sowie der EU anbietet. Damit ebnet die SQG den Weg für eine höhere Weiterbildungsbeteiligung. Sie ergänzt das gesetzliche Angebot der Arbeitsagenturen und der Jobcenter und arbeitet eng mit allen maßgebenden regionalen Stellen zusammen.

Dass im Digitalen Gründerzentrum in der Alten Schlosserei in Aschaffenburg Start-Ups von der Idee bis zur Ausarbeitung des Businessplans betreut und gefördert werden, erläuterte Florian Zaschka. Er freute sich über regen Zulauf und verwies auf 58 betreute Teams, 25 Partnerunternehmen und über 25 Veranstaltungen pro Jahr. Während der Corona-Zeit seien die digitalen Veranstaltungen sehr gut angenommen worden, wobei zahlreiche Teams aus dem Landkreis Miltenberg dazu gestoßen seien. Bei mehreren Wettbewerben hätten Teams aus der Region sehr gut abgeschnitten, freute er sich und kam zum Schluss: „Wir sind eine starke Region mit vielen klugen Köpfen, die sich in der überregionalen Szene behaupten können.“ Er berichtete von Veranstaltungsformaten wie Fachvorträgen zu Themen der Digitalisierung, Gesprächsrunden mit Szene-Insidern, Workshops und Gründerwettbewerben. Das neue Format „Start-Up-Speed-Dating“, wo sich Start-Ups in 15 Minuten interessierten Wirtschaftsvertretern vorstellen können, habe sehr gut eingeschlagen. Zaschka stellte kurz drei Start-Ups aus dem Landkreis Miltenberg vor: Parxx, Appollo und MainDefense. Mit verstärkter Öffentlichkeitsarbeit über Newsletter,
Blog, Internet und Printmedien spreche man interessierte Gründer*innen an, künftig wolle man verstärkt auch in Schulen vorstellig werden. Man plane darüber hinaus Sprechstunden vor Ort, damit Interessierte nicht immer nach Aschaffenburg fahren müssen. „Die Einrichtung des Digitalen Gründerzentrums war eine gute Entscheidung“, kommentierte Landrat Jens Marco Scherf den Vortrag. „Man muss nicht nach Berlin
gehen, um ein Start-Up zu gründen“, meinte er, das könne man auch sehr gut in der Metropolregion Frankfurt-Rhein-Main tun.

Thorsten Stürmer und Marc Gasper legten in ihrem Vortrag den Schwerpunkt auf die Beratungs- und Netzwerkangebote der ZENTEC. Stürmer stellte die wiederkehrenden Angebote wie etwa den Beratungstag für Technologiegründer*innen, den Unternehmersprechtag und Seminare speziell für Gründerinnen vor. Dazu kommen individuelle Angebote für Gründung und Innovation, wenn es etwa um Anfragen von Gründungsinteressierten oder die Unterstützung von Gründer*innen bei der Finanzierung
geht. Die ZENTEC sei zudem Anlaufstelle für EXIST-Gründerstipendien und helfe bei der Anbahnung von Kooperationsprojekten zu Forschung und Entwicklung. 2021 habe man zwei Vorhaben von Industrieunternehmen im Bereich Erneuerbare Energien/Digitalisierung begleitet, so Stürmer. Die Beratungsangebote im Bereich der Kompetenznetze würden gut nachgefragt, etwa hinsichtlich der Beratung zum Einsatz von künstlicher Intelligenz in der Produktion. Ganz neu seien die Transformationssprechtage, die Impulse für Strategie und Technologie vermitteln sollen. Strategisches Ziel sei es, die Kooperation mit Bayern innovativ auf- und auszubauen. Um den Wandel aktiv zu gestalten, habe man laut Marc Gasper das Kompetenznetzwerk Digitalisierung/Industrie 4.0 zur Innovationskommission weiterentwickelt und seit Oktober 2021 zum Kompetenznetzwerk Transformation. Die Leitvision umschrieb Gasper mit den Aktionsfeldern Vernetzung, Innovation, Mensch und Qualifizierung sowie Arbeit. Aktuell laufe ein Antrag im Rahmen des Bundesprogramms „Aufbau von
Weiterbildungsverbünden zur Transformation der Fahrzeugindustrie“, in Vorbereitung sei der Aufbau einer regionalen Weiterbildungsplattform, die passgenaue Informationen über alle bestehenden Angebote vermitteln soll. Gasper gab zudem einen Überblick der sonstigen Beratungs- und Netzwerkaktivitäten.

„Ziel erreicht“, fand Landrat Jens Marco Scherf am Ende der Sitzung und freute sich über „vier spannende Institutionen, die die Kreis- und Regionalentwicklung vorantreiben.“

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