Aus der Nachbarschaft: Die Frankfurter Dionysen im Offenbacher Sommerbau
Zurückblicken ist der Weg vorauszusehen

Troja muss fallen - und Troja wird fallen: Die verfeindeten Krieger sind angekommen...
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Frankfurt/Offenbach Kurz vor der Eröffnung des Spektakels erklingen ein paar Töne am Offenbacher Kaiserlei. Es ist Musik aus einer anderen Zeit, aus der Zeit der Antike, die die ZuschauerInnen daran erinnert, dass es gleich los geht. Um 14:00 Uhr, an einem sonnigen, ersten Sonntag im Monat des Augustus, fangen die Frankfurter Dionysen an.

Eine zeitgenössische Interpretation der griechischen Mythologie erwartet das Publikum. Es ist ein spannendes Thema und es verliert kaum an Attraktivität: Wie weit geht der Mensch und warum steht er sich selbst im Wege?
Einst zu Ehren des Weingottes Dionysos ins Leben gerufen sorgten die seinen Feiertage für die Geburtsstunde des Theaters.
Und so wie einst im alten Griechenland Sitte war, die Veranstaltung über den ganzen Tag abzuhalten, so wurde im Theater „Sommerbau am Kaiserlei“ die gleiche Art und Weise gewählt.

Sitzvermögen ist angesagt, denn die Veranstaltung dauert sagenhafte 10 Stunden an!
Aber es hat sich gelohnt, das Publikum wurde nicht enttäuscht...

Prometheus, Troja, Orestes, 069 und was vom Frankfurter Sommerbau bleiben wird

Die Töne, die immer wieder erklingen und die vermeintlich aus der Zeit der Antike stammen, trügen.

Wir erinnern uns, es geht um eine zeitgenössische Darstellung! Und diese Musiknoten stammen nicht minder aus der Eingangsmelodie des Songs „069“ vom Offenbacher Rapper Haftbefehl.
Gut getroffen oder ganz im Zeichen des ersten Teils „Prometheus“?

Prometheus, der Menschenfreund, hat aus Sicht der unsterblichen Götter Schreckliches getan: Er brachte den Menschen das Feuer, Ursprung der Weisheit und der Freiheit.
Zeus weiß um die vermeintliche Gefahr, die Menschen ließen sich dadurch nicht mehr steuern. Und so befahl er, den armen Titanen am Kaukasus-Gebirge festzubinden. Die gerechte Strafe sei die schlimmste: Jeden Tag werde ein Adler seine Leber fressen und jeden Tag wird sie nachwachsen. Das Tier wird mit seinem Kot Prometheus ernähren und gleichzeitig wird dies das Gebirge immer weiter anwachsen lassen.

Und so vergehen die Jahre, 6.000 an der Zahl, bis der Retter Herkules kommt und den Menschenfreund befreien soll. Herkules, der Sohn von Io (Europa) und von Zeus tötet den Adler und ist sehr verblüfft: Der Titan will das Gebirge nicht verlassen, er ist vielmehr bestürzt über den Tod des Greifvogels – der einzige „Freund“ in den 6.000 Jahren seiner Gefangenschaft.
Und im Olymp erlischt die einzige Erinnerung an ihm – so seine Angst.

Donnerwetter! Zeus´ Rache lässt nicht lange auf sich warten und so stürzen sich alle Götter auf Herkules und Prometheus hinab, die auf der Flucht sind und es schlussendlich schaffen, frei zu sein.
Ein erster Beigeschmack bleibt: Der frühere Titan hat mehr Angst vor sich selbst und vor der gewonnenen Freiheit als er sich darüber freuen mag!

„Zurückblicken ist der Weg vorauszuschauen“: Dies war seine Botschaft an Io. Und dies bleibt als zentrale Erinnerung an das Stück. Es gibt nichts, was nicht schon gesagt worden sei. Und jedes Wort sei die Erinnerung an das Gesagte...

Im zweiten Teil wird es kriegerisch und laut. Das Schlagzeug explodiert wortwörtlich, Troja muss fallen. Und Troja fällt.

Und mit ihr den letzten Anstand einer Gesellschaft im Banne der Gewalt und der Konzentration auf das Wichtigste: Auf sich selbst.
Und mit diesem Akt der bedingungslosen Selbstverstümmelung beginnt der dritte Teil der Frankfurter Dionysen: „Der Verfall des Orestes“ wird in die Moderne übertragen und das Schauspiel ist makellos eines der schönsten Inszenierungen im deutschsprachigen Raum!

Es beginnt, wie es beginnen muss – mit einem Racheakt: Klytaimnestra glaubt, ihr Gatte, König Agamnenon, sei in Troja gefallen. Sie vergnügt sich beispiellos mit Männern und nun mit Aigisthos.

Aber Agamnenon ist nicht tot, er steht dem Liebespaar im Wege und dazu kehrt er auch noch mit seiner Kriegsbeute Kassandra zurück. Kassandra sieht stets das Unheil im Voraus und auch sie wird bald die Rache spüren... Rache, in diesem Stück reichlich vorhanden, ist der Grund, warum Elektra und Orestes – Kinder des nun ermorderten Agamemnon- entscheiden, sowohl die Mutter als auch den selbstverliebten Aigisthos zu töten.

Und eine Netflix-Serie ist  viel weniger spannend als dieses Schauspiel im Blutrausch!

Das Publikum ist dran, es darf jetzt die Hochzeit der Elektra mitfeiern. Einzelne ZuschauerInnen dürfen Platz in der Taverne auf dem Parkett einnehmen und werden ZeugInnen der nächsten Wahnsinnstat des Orestes, der sich schlagartig komplett entblößt und blutsüberströmt für Furore sorgt, als er das seine berühmte Gedicht vorträgt.

Die Todestrafe droht den beiden Geschwistern und dennoch triumphiert endlich Apollo über Gewalt, Rache und Verdammnis: Die Geburtsstunde der Athener und der europäischen Demokratie wird eingeläutet.

Diese Familiengeschichte steht sinnbildlich für das Ende der Gewalt des Gesetzes und für den Beginn des Gesetzes des Rechts!
Gut so, denn darum geht es in einer aufgeklärten Welt, die wir den alten Griechen größtenteils zu verdanken haben!

Und dies ist die letzte Botschaft aus dem Musentempel am Offenbacher Kaiserlei: Diese meisterhafte, mehrfach prämierte Inszenierung des Regisseurs Christopher Rüping wird uns ewig in Erinnerung bleiben – als Mahnmal für die kommenden Tage der Verzweiflung.

Als Hoffnungsschimmer aus den vergangenen Zeiten der sorglosen Gewaltexzessen steht das Schauspiel beispiellos für das, was man Menschsein nennen darf.

Und um Mitternacht, schlussendlich, nach 10 Stunden fesselnder Dramaturgie, die mit Humor gut portioniert ist, hat der Mensch weiterhin das Feuer.
Die Weisheit.

Und die Freiheit, das zu sein, was er sein will!

Weitere Infos unter https://www.mousonturm.de/events/dionysos-stadt/

Autor:

Andrea Faggiano aus Obernburg am Main

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