Konjunkturbericht Frühjahr 2021
Licht am Ende des Tunnels

Noch ist das Ende der Corona-Pandemie nicht erreicht, doch bei den Unternehmen am Bayerischen Untermain kehrt langsam die Zuversicht zurück. „Nach dem Konjunktureinbruch vom Jahresbeginn wird die aktuelle Geschäftslage in der Konjunkturumfrage der IHK Aschaffenburg von vielen Unternehmen wieder besser bewertet“, so Dr. Andreas Freundt, Hauptgeschäftsführer der IHK Aschaffenburg.

„Es zeichnet sich aber auch eine konjunkturelle Zwei-Klassen-Gesellschaft ab, bei der die behördlich geschlossenen Branchen das Nachsehen haben,“ sagt Dr. Freundt. Im Branchendurchschnitt wird die aktuelle Geschäftslage von 37 Prozent der regionalen Unternehmen mit gut bewertet, 31 Prozent sind zufrieden und 32 Prozent sehen sich mit einer schlechten Lage konfrontiert.

Für bessere Stimmung sorgt die Industrie, die dank gestiegener Exporte in die USA und nach China auf den Wachstumspfad zurückgekehrt ist. Außerdem bleibt die Baubranche ein Konjunkturmotor, auch wenn der Fachkräftemangel einem noch stärkeren Wachstum entgegensteht. Sowohl in der Industrie als auch im Baugewerbe sorgt das Wiederanlaufen der Weltkonjunktur jedoch für teilweise extreme Anstiege der Rohstoffpreise. Davon sind insbesondere die Einkaufspreise bei gängigen Werkstoffen wie etwa Stahl, Kunststoff aber auch Holz betroffen.

Im Handel gibt es bei der Beurteilung der Geschäftslage hingegen nur wenig Bewegung. Während die vom Lockdown betroffenen Teile des stationären Einzelhandels weiter leiden, profitiert der Onlinehandel sowie Teile des Großhandels. Unterbrochene Lieferketten sind sowohl bei Händlern, als auch in der Industrie und im Baugewerbe immer noch ein Thema.

Im Dienstleistungssektor geht es auch wieder spürbar bergauf. Allerdings sind körpernahe Dienstleistungen sowie viele Teilmärkte der Kultur- und Kreativwirtschaft mit Blick auf Kontaktbeschränkungen vom Aufschwung bislang ausgenommen. Im Tourismussektor bleibt die Lage ebenfalls dramatisch, der Dauerlockdown kommt für die meisten regionalen Hotels und Gaststätten, Reisebüros, Reiseveranstalter und Omnibusunternehmen unverändert einer Untersagung des Betriebs gleich.

Branchenübergreifend hat immer noch jedes fünfte Unternehmen mit Liquiditätsengpässen zu kämpfen. Allerdings müssen derzeit nur 8 Prozent der Unternehmen feststellen, dass Forderungsausfälle aufgrund von Insolvenzen ihrer Kunden oder Lieferanten häufiger als üblich eintreten. Der Anteil der Unternehmen, die ihre Personalkapazitäten an eine schwächere Nachfrage anpassen müssen, hat sich weiter reduziert. Dies ist noch bei 29 Prozent der Unternehmen der Fall, wobei das Instrument der Kurzarbeit weiterhin viele Beschäftigte in den Unternehmen hält.

Erstmals seit Beginn der Pandemie stabilisieren sich die Personalpläne und es planen etwa ebenso viele Unternehmen mit steigenden Beschäftigtenzahlen wie im gegenteiligen Fall. Beim Blick auf die Branchen plant die Industrie mit den größten Stellenzuwächsen, wohingegen der Tourismussektor weiterhin zu Personalabbau gezwungen ist.

Die Investitionsneigung schwächelt im Branchendurchschnitt weiterhin, allerdings überwiegen bei den Geschäftserwartungen erstmals seit Beginn der Pandemie wieder spürbar die Optimisten. Demnach erwarten 30 Prozent in den kommenden Monaten eine Verbesserung der Geschäftslage, 20 Prozent eine Verschlechterung und die Übrigen keine Veränderung.

Der Konjunkturklimaindikator, der sich aus der Beurteilung der aktuellen Geschäftslage und der künftigen Geschäftserwartung zusammensetzt, steigt von zuletzt 86,3 Punkten auf aktuell 107,4 Punkte.
An der Umfrage haben sich 303 Unternehmen unterschiedlichster Wirtschaftszweige und Größenordnungen aus der Region Bayerischer Untermain beteiligt.

„Unsere Befürchtungen zu Beginn der Pandemie haben sich glücklicherweise nicht ganz bewahrheitet, obwohl wir bis Mitte letzten Jahres eine sehr starke Zurückhaltung seitens unserer Kundschaft registrieren mussten, die sich erst langsam bis Jahresende normalisierte. Wir als systemrelevantes Unternehmen sind dankbar überhaupt arbeiten zu dürfen und freuen uns über einen starken Auftragseingang, der natürlich auch auf einen starken Nachholbedarf aus dem Jahre 2020 zurückzuführen ist.“
Michael Göhler, geschäftsführender Gesellschafter, Göhler GmbH & Co. KG Anlagentechnik, sowie ASA Schüßler GmbH & Co.KG, Hösbach


DIE WIRTSCHAFTSZWEIGE IM DETAIL:

INDUSTRIE

Die Industrie ist auf den Erholungskurs zurückgekehrt. Nach dem Dämpfer vom Jahresbeginn geht es nunmehr wieder spürbar bergauf. Demnach bewerten aktuell 41 Prozent der regionalen Industrieunternehmen die aktuelle Geschäftslage mit gut, 22 Prozent mit schlecht und die Übrigen mit befriedigend. Der wirtschaftliche Erholungsprozess in anderen Teilen der Welt lässt auch die Konjunktur in unserer Region wieder anspringen. Derzeit sind die Zuwächse im Auftragsvolumen vorwiegend dem Export zu verdanken, insbesondere das Geschäft mit China und den USA hat wieder angezogen. Mit Blick auf die Kapazitätsauslastung sprechen 24 Prozent der Umfrageteilnehmer von einer vollen Auslastung und 37 Prozent sind zufrieden. Anhand der verbleibenden 39 Prozent, die noch nicht ausreichend ausgelastet sind, wird aber auch deutlich, dass noch ein langer Erholungsprozess bevorsteht. Die Liste der Risiken auf diesem Weg ist lang, am schwerwiegendsten wird derzeit immer noch die Unterbrechung von Lieferketten gesehen. 54 Prozent der regionalen Industrieunternehmen sind laut Umfrage davon aktuell noch betroffen. Doch auch nach Corona wird das konjunkturelle Umfeld der Industrie nicht sorgenfrei. Ebenfalls mehr als die Hälfte der Umfrageteilnehmer sieht in den aktuellen Energie- und Rohstoffpreisen sowie in den wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen ein Risiko für die eigene Geschäftstätigkeit. Während die hohen Energiekosten in Deutschland ein Dauerthema sind, fällt derzeit insbesondere der Anstieg der Rohstoffpreise auf. Extreme Preisanstiege werden beispielsweise bei Stahl genannt, was ebenfalls eine Folge der anziehenden Weltkonjunktur darstellt. Beim Ausblick auf die künftigen Geschäfte übernehmen dennoch die Optimisten wieder das Ruder. 40 Prozent erwarten einen weiteren Aufschwung, mit einer Verschlechterung rechnen nur noch 19 Prozent und die Übrigen sehen keine Veränderung. Das Fahrwasser der Industrie war schon vor Corona schwierig, doch nach nunmehr zwei Jahren kehren die Beschäftigungspläne in der Industrie wieder in den positiven Bereich zurück. 25 Prozent planen in den kommenden Monaten mit steigenden Beschäftigtenzahlen, nur noch 11 Prozent mit sinkenden Beschäftigtenzahlen und die Übrigen mit konstanten Belegschaftsgrößen.

„Die Corona-Krise hat viele Wirtschaftsbereiche stark getroffen. Unser Versicherungsmaklerbereich hat den ersten Lockdown mit der ersten Kurzarbeit in der über 50jährigen Firmengeschichte erlebt. Glücklicherweise ist unser Unternehmen auf langfristige stabile Kundenbeziehungen ausgelegt und ein größerer Geschäftseinbruch konnte dadurch verhindert werden. Unser Immobilienmaklerbereich nimmt die Corona-Krise in der Form wahr, dass -entgegengesetzt zu den anfänglichen Befürchtungen – die Preise der Immobilien nicht fielen, sondern stark angestiegen sind. Die Nachfrage nach Immobilien ist weiterhin sehr hoch, wird vermutlich auch so bleiben. Leider ist aus diesen Gründen das Immobilienangebot sehr eingeschränkt.“
Christian Leimeister, Geschäftsführer, LEIMEISTER Unternehmensgruppe, Aschaffenburg

DIENSTLEISTUNGEN

Der naturgemäß sehr heterogene Dienstleistungssektor bekommt das derzeitige konjunkturelle Umfeld ebenfalls sehr unterschiedlich zu spüren. Maßgeblich ist, welche Rolle körperliche Nähe zum Kunden spielt. Personenbezogene Dienstleistungen sowie viele Teilmärkte der Kultur- und Kreativwirtschaft leiden weiterhin unter den Corona-Abstandsregelungen oder gar unter der Untersagung des Geschäftsbetriebs. Hingegen haben sich die Geschäfte bei vorwiegend unternehmensbezogenen Dienstleistungen zuletzt verbessert, so etwa im Bereich Logistik, Informationstechnik oder bei der Unternehmensberatung. In Summe steigt daher auch das Geschäftsklima wieder an. Die aktuelle Lage wird von 52 Prozent mit gut bewertet, 31 Prozent geben befriedigend an und 17 Prozent sehen sich mit einer schlechten Lage konfrontiert. Dementsprechend verbessert sich auch die Kapazitätsauslastung. Trotz Dauerlockdown waren im vergangenen halben Jahr sogar 43 Prozent der Dienstleister voll ausgelastet. Die Investitionsneigung hat sich zuletzt wieder leicht verbessert, dabei will ein Drittel in innovativere Produkte investieren und immerhin rund ein Sechstel sieht in Kapazitätserweiterungen ein Hauptmotiv für Investitionen. Der Ausblick auf die kommenden Monate hat sich im Branchendurchschnitt ebenfalls aufgehellt. 22 Prozent erwarten eine bessere Geschäftslage, 66 Prozent keine Veränderung und nur 12 Prozent eine Verschlechterung. Im Hinblick auf die Beschäftigungspläne wird in Summe mit konstanten Beschäftigtenzahlen geplant.

BAU

Seit Beginn der Pandemie ist die Baubranche dank des weiterhin ungebrochenen Baubooms ein Stabilitätsanker für die regionale Wirtschaft. Daran ändert sich auch in der Frühjahrsumfrage nichts, die Geschäftslage wird weiterhin praktisch unverändert positiv bewertet. 65 Prozent der Bauunternehmen benoten die aktuelle Lage mit gut, die Übrigen mit befriedigend. In Summe wird auch weiterhin von einem Anstieg des Auftragsvolumens berichtet. Annähernd ein Drittel der Umfrageteilnehmer gibt demnach sogar an, dass der Auftragsbestand größer als saisonal üblich ist. Die Corona-Pandemie macht sich aber auch im Baugewerbe durch teilweise massiv gestiegene Baustoffpreise bemerkbar. Betroffen sind insbesondere Stahl aber auch Holz und Kunststoffprodukte. Viele internationale Produzenten haben wegen der Corona-Krise eine geringere Nachfrage erwartet und daher die Produktion gedrosselt, verschärft wird die Situation noch durch gestörte Lieferketten. Ein großer Sorgentreiber bleibt im Bau aber auch weiterhin der Fachkräftemangel, drei Viertel der Befragten leiten daraus Risiken für die eigene Geschäftstätigkeit ab. Mahnende Stimmen erwarten zwar, dass das Baugewerbe auch noch zeitverzögert von den Auswirkungen der Corona-Pandemie getroffen wird, etwa mit Blick auf leere Kassen im öffentlichen Sektor. Eine entsprechende Entwicklung zeichnet sich aber zumindest bislang noch nicht ab, bei den Geschäftserwartungen für die nächsten Monate rechnen 19 Prozent mit einer Verbesserung, und die Übrigen mit keiner Veränderung. Mit Blick auf den Fachkräftemangel wird in Summe dennoch nur mit einer konstanten Beschäftigtenzahl gerechnet.

„Homeoffice und der Trend zu hochwertigen regionalen Produkten hat den Einzelhandelsumsatz deutlich belebt, gleichzeitig ist der Umsatz bei Catering, Restaurants und Mensen eingebrochen. Da EDORA die Rohstoffe aus möglichst regionalem Anbau bezieht, gab es nur bei Gewürzen aus exotischen und von Corona stark betroffenen Ländern Beschaffungsprobleme."
Olav Dornberg, Geschäftsführer, Edora Gewürze Eduard Dornberg GmbH & Co. KG, Kleinostheim

HANDEL

Im Handel gab es bei der Beurteilung der Geschäftslage gegenüber dem Jahresbeginn nur wenig Bewegung. Aktuell bewerten 28 Prozent der Händler ihre Geschäftslage mit gut, 40 Prozent mit befriedigend und 32 Prozent mit schlecht. Die Lage bleibt vielschichtig. Einerseits boomt unverändert der Onlinehandel und Teile des Großhandels profitieren von der hohen Nachfrage im Baugewerbe sowie der anziehenden Industrienachfrage. Andererseits leiden weiterhin unmittelbar die vom Lockdown betroffenen stationären Einzelhändler sowie mittelbar die entsprechenden Großhändler. Ein großer Sorgentreiber bleibt für drei Viertel der Umfrageteilnehmer die weitere Entwicklung der Inlandsnachfrage. Außerdem sind unterbrochene Lieferketten ebenfalls noch ein Thema, wobei der Einzelhandel davon noch etwas stärker als der Großhandel betroffen ist. Derzeit muss noch jeder vierte Händler seine Personalkapazitäten etwa mittels Kurzarbeit an die schwächere Nachfrage anpassen. Mit Blick auf die immer noch geltenden Corona-Einschränkungen sind viele Händler zwar noch weit von einer normalen Geschäftstätigkeit entfernt. Die zuletzt gesunkenen Inzidenzzahlen lassen aber in Teilen auch wieder Hoffnung aufkeimen. Die Geschäftserwartungen sind gegenüber dem Tiefpunkt zum Jahresbeginn wieder deutlich angestiegen und erstmals seit Beginn der Pandemie überwiegen wieder, wenn auch nur sehr knapp, die Optimisten. 34 Prozent erwarten in den kommenden Monaten eine Verbesserung der Geschäftslage, 31 Prozent eine Verschlechterung und die Übrigen keine Veränderung.

TOURISMUS

Im Tourismussektor herrscht Stillstand. Die regionalen Hotels und Gaststätten, die Reisebüros, Reiseveranstalter und Omnibusunternehmen leiden auch im Frühjahr unter der Corona-Pandemie und dem Dauerlockdown. Die Hoffnungen auf Öffnungsperspektiven haben sich in den zurückliegenden Monaten nicht erfüllt und in der Folge bewerten 90 Prozent der Umfrageteilnehmer ihre aktuelle Geschäftslage mit schlecht. Inzwischen berichten 63 Prozent der Umfrageteilnehmer von Liquiditätsengpässen. 88 Prozent setzen bei der Anpassung an die schwächere Nachfrage auf Kurzarbeit, allerdings führt auch an Personalabbau kein Weg vorbei. Lediglich einzelne Unternehmen konnten beispielsweise mit Lieferdiensten oder Mitnahmeangeboten einigermaßen akzeptable Umsätze generieren. Ein Drittel der Umfrageteilnehmer zeigt dennoch unerschütterlichen Zweckoptimismus und erwartet in den kommenden Monaten eine Verbesserung der Geschäftslage. Jeweils gleich groß ist der Anteil derjenigen, die keine Veränderungen erwarten oder eine weitere Verschlechterung befürchten. Demnach haben viele zwar die Hoffnung auf eine gute Sommersaison bereits aufgegeben, zumindest ein Wiederanlaufen der Geschäftstätigkeit wäre nun aber ein wichtiges Signal für diese schwer getroffene Branche.

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