IHK-Konjunkturbericht Jahresbeginn 2021
Zweite Corona-Welle bremst Wirtschaft am Bayerischen Untermain aus

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Die Auswirkungen der zweiten Corona-Welle und der damit einhergehende Lockdown lassen das Konjunkturklima am Bayerischen Untermain nach dem vorsichtigen Erholungsprozess im vergangenen Herbst abermals abstürzen. In der Konjunkturumfrage der IHK Aschaffenburg fällt die Beurteilung der Geschäftslage aktuell wieder auf einen Tiefpunkt, der in etwa dem Niveau während des ersten Lockdowns im Frühjahr 2020 entspricht.
Gegenwärtig bezeichnen 26 Prozent der Unternehmen in der Region ihre Geschäftslage noch als gut, weitere 33 Prozent als befriedigend und 41 Prozent bewerten diese mit schlecht. Dabei fällt die Situation in den Branchen durchaus unterschiedlich aus. In den behördlich geschlossenen Branchen, wie Gastgewerbe, Reisewirtschaft und Teilen des Einzelhandels, kämpfen viele Unternehmen um ihre Existenz. Das Stimmungsbild ist in der Industrie und in einigen Bereichen des Dienstleistungssektors ebenfalls pessimistisch geprägt, wohingegen das Baugewerbe weiterhin gut durch die Corona-Krise kommt.
Neben ausgefallenen Umsätzen haben auch schleppend ausgezahlte Finanzhilfen die Lage verschärft. Jedes fünfte Unternehmen hat derzeit mit Liquiditätsengpässen zu kämpfen und 13 Prozent der Betriebe in der Gesamtwirtschaft sind von einer Insolvenz bedroht. Insbesondere im Tourismussektor, sprich dem Hotel- und Gaststättengewerbe, bei den Reiseveranstaltern, Reisebüros und Omnibusunternehmen, ist die Lage verheerend. Hier berichtet die Hälfte der Befragten von Liquiditätsengpässen und 29 Prozent von einer drohenden Pleite.
Angesichts der anhaltenden Durststrecke geht die Investitionsneigung in der Gesamtwirtschaft zurück. 21 Prozent wollen weniger investieren, 27 Prozent sogar keinerlei Investitionen tätigen. Dem stehen 34 Prozent der Unternehmen gegenüber, die mit konstanten Investitionsbudgets planen und immerhin 18 Prozent wollen die Budgets sogar erhöhen.
Trotz der enormen Herausforderungen versuchen die Unternehmen, die Beschäftigten zu halten, wobei sich das Instrument der Kurzarbeit weiterhin als wertvolle Unterstützungsmaßnahme erweist. Mit Blick auf die kommenden Monate ist im Tourismussektor dennoch mit spürbaren Rückgängen zu rechnen. In der Industrie und im Dienstleistungssektor ist der Saldo leicht im negativen Bereich, wohingegen Handel und Baugewerbe in Summe mit stabilen Beschäftigtenzahlen rechnen.
Der Weg zurück zum Wachstumspfad erscheint vielen Unternehmen derzeit lang und steinig. Perspektiven wie es nach bzw. trotz Corona weitergehen kann werden immer dringlicher. Mit einem Aufschwung in den kommenden Monaten rechnen derzeit nur 19 Prozent der Befragten, 50 Prozent sehen keine Veränderung und 31 Prozent befürchten einen weiteren Abschwung.
Der Konjunkturklimaindikator, der sich aus der Beurteilung der aktuellen Geschäftslage und der künftigen Geschäftserwartung zusammensetzt, fällt von zuletzt 103,9 Punkten auf aktuell 86,3 Punkte.
An der Umfrage haben sich 325 Unternehmen unterschiedlichster Wirtschaftszweige und Größenordnungen aus der Region Bayerischer Untermain beteiligt.

„Der Geschäftsverlauf für den Einzelhandel lässt sich aus meiner Sicht zu dem heutigen Zeitpunkt in keiner Weise vorhersehen. Nach der Geschäftsschließung Mitte Dezember bestand zumindest die Hoffnung, ab Mitte Januar noch einen Rest der Wintersaison retten zu können und einen einigermaßen erträglichen Lagerabbau hinzubekommen. Die stufenweise Verlängerung des Lockdowns, zunächst bis Ende Januar, aktuell bis Mitte Februar, ein Termin, der heute schon nicht mehr als realistisch erscheint, macht die letzten Hoffnungen auf einen Verkauf von Winterware zunichte. Unabhängig der Bestandssituation an Winterware ist die erste Frühjahrsware eingetroffen, die auf Kunden wartet und Umsatz bringen müsste. Im Hinblick auf eine schlechte Frühjahrssaison 2020, ein katastrophales Wintergeschäft 2020/2021, einen verhinderten Start in die aktuelle Frühjahrssaison und auf Hilfen, die noch nicht angekommen sind und über deren Umfang noch Ungewissheit herrscht, wird die Luft für den Einzelhandel immer dünner und existenzbedrohender. Hinzu kommt, dass die Wiedereröffnung der Geschäfte unter strengeren Hygienemaßnahmen erfolgen wird. Für den Infektionsschutz nachvollziehbar, für das Geschäftsmodell des Einzelhandels, das volle Städte und Spontankäufe benötigt, eine Umsatzbremse. Von daher ist heute eine Konjunkturprognose für den Einzelhandel unmöglich.“
Michael Kahl, Vizepräsident der IHK Aschaffenburg & Geschäftsführer der A&E Bodywear GmbH, Aschaffenburg

Tourismus

Der langwierige Lockdown lässt die Geschäfte der Hotels und Gaststätten, der Reisebüros, Reiseveranstalter und Omnibusunternehmen abermals ins Bodenlose fallen. 88 Prozent bezeichnen die Geschäftslage als schlecht und 95 Prozent gaben an, dass die Umsätze in den letzten Monaten zurückgegangen sind. Nur sehr vereinzelt konnte etwa mit Lieferdiensten noch akzeptabler Umsatz generiert werden. Die Auswirkungen der Corona-Pandemie kommen für die meisten Unternehmen des Tourismus-Sektors einer Untersagung des Betriebs gleich. Während in der Frühphase der Pandemie der erzwungene Stillstand von vielen Tourismusbetrieben noch für Renovierungen bzw. Modernisierungen genutzt wurde, geben nunmehr 47 Prozent der Befragten an, gar nicht investieren zu wollen und 24 Prozent müssen die Investitionsbudgets reduzieren. Angesichts der langanhaltenden Krise sind die finanziellen Polster vielfach längst aufgebraucht, 29 Prozent der Befragten sehen sich akut mit einer Insolvenzgefahr konfrontiert. Über Entlassungen denken 32 Prozent der Betriebe nach, 63 Prozent wollen die Beschäftigtenzahl halten und 5 Prozent diese steigern. Im gesamten Tourismussektor schwindet die Hoffnung auf einen baldigen Aufschwung: 13 Prozent der Befragten erwarten in den kommenden Monaten eine Verbesserung der Geschäftslage, 43 Prozent rechnen mit keiner Veränderung und 44 Prozent befürchten eine weitere Verschlechterung.

Handel

Der zweite Lockdown hat die Geschäfte zwangsläufig bei vielen stationären Einzelhändlern erneut zum Erliegen gebracht und stürzt diese in eine tiefe Krise, wohingegen der Onlinehandel von der aktuellen Situation profitiert. Zwar bieten viele Einzelhändler mit Blick auf die rechtlichen Rahmenbedingungen nunmehr Click&Collect an oder haben in den vergangenen Wochen Online-Shops aufgesetzt, ein Ersatz für die bisherige Geschäftstätigkeit ist dies in den meisten Fällen aber nicht im Ansatz. In Summe stürzt die Beurteilung der aktuellen Geschäftslage im Einzelhandel gegenüber dem Herbst daher regelrecht ab (Saldenwert minus 35 Prozentpunkte). Im Großhandel und in der Handelsvermittlung ist das Stimmungsbild gespalten, jeweils ein Viertel der Befragten bezeichnet die aktuelle Geschäftslage als gut bzw. schlecht und die Übrigen sind zufrieden. Gegenüber dem Herbst des vergangenen Jahres hat sich die Lage im Großhandel und in der Handelsvermittlung damit sogar etwas gebessert (Saldenwert plus 8 Prozentpunkte). Mit Blick auf leere Kassen geht die Investitionsneigung bei den Händlern aber insgesamt zurück. Sowohl aus Sicht der Einzelhändler, als auch aus Sicht der Großhändler scheint bislang kein Ende der Durststrecke in Sicht: 35 Prozent der Befragten rechnen in den kommenden Monaten mit einer weiteren Verschlechterung der Geschäftslage. 47 Prozent erwarten keine Veränderung und lediglich 18 Prozent erhoffen sich eine Verbesserung. Trotz der angespannten Lage versuchen die Händler die Beschäftigten zu halten, 67 Prozent planen die Zahl ihrer Beschäftigten beizubehalten, 17 Prozent wollen neue Arbeitsplätze schaffen und 16 Prozent denken über Entlassungen nach.

„Im vergangenen Jahr hatten wir als Großhändler insbesondere in den Monaten Mai, Juni und Juli deutliche Umsatzeinbrüche. Anschließend hat sich die Nachfrage wieder etwas erholt, bis die Wirtschaft erneut heruntergefahren wurde. In diesem Jahr rechnen wir auch noch mit einer verhaltenen Nachfrage. Derzeit ist die Industrie bei Investitionen noch sehr zurückhaltend. Zum Glück sind wir als Unternehmen sehr breit aufgestellt, beispielsweise laufen die Geschäfte mit E-Commerce nahen Branchen wie der Logistik, und auch die Bau- und Instandhaltungsbranche noch gut.“
Vanessa Weber, Geschäftsführerin, Werkzeug Weber GmbH & Co. KG, Aschaffenburg

Bau

Das gute Geschäftsklima setzt sich im Baugewerbe trotz leichtem Rückgang auch im neuen Jahr fort. Aktuell sprechen 60 Prozent von einer guten Lage und weitere 40 Prozent sind zufrieden. Jeder fünfte Umfrageteilnehmer gab sogar an, dass das Volumen der Bauaufträge zuletzt angestiegen ist. Die Zuwächse kommen demnach aus dem Wohnungsbau und dem öffentlichen Bau. 42 Prozent der Bauunternehmen merken derzeit keine Auswirkungen durch die Corona-Pandemie. Bei den übrigen Umfrageteilnehmern macht sich die Corona-Pandemie an erster Stelle durch den Ausfall von eigenem Personal bemerkbar. Beim Vergleich des Umsatzes des Gesamtjahres 2020 mit dem Vorjahr mussten 19 Prozent Rückgänge hinnehmen. Bei 27 Prozent konnte der Umsatz hingegen sogar gesteigert werden und bei den Übrigen ergaben sich keine Veränderungen. Liquiditätsengpässe sind im Baugewerbe derzeit praktisch kein Thema. Auch in den kommenden Monaten ist mit einer hohen Kapazitätsauslastung zu rechnen. Die Unternehmen könnten wachsen, wäre da nicht der Fachkräftemangel, den 82 Prozent der Bauunternehmen als Risiko für die wirtschaftliche Entwicklung des eigenen Unternehmens sehen. Der Engpass schlägt sich auch in höheren Preisen nieder. 39 Prozent der Bauunternehmen kalkulieren mit höheren Verkaufspreisen in den kommenden Monaten.

Industrie

In der Industrie wurde der vorsichtige Erholungskurs der Herbstumfrage ebenfalls gestoppt, die Lage wird aktuell wieder etwas schlechter bewertet. Dementsprechend stufen 26 Prozent der Umfrageteilnehmer die aktuelle Geschäftslage mit gut ein, 43 Prozent mit befriedigend und 31 Prozent mit schlecht. Rückgänge gab es sowohl beim Inlands- als auch beim Auslandsgeschäft, wobei die Rückgänge beim Auftragsvolumen aus dem Ausland am stärksten ausfallen. Insgesamt bewerten 40 Prozent der Industrieunternehmen ihren derzeitigen Auftragsbestand als zu gering. Die größten Risikofaktoren sehen die Industriebetriebe derzeit in einer weiteren Abschwächung der Inlandsnachfrage, gefolgt von den wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen sowie den Energie- und Rohstoffpreisen. Die Corona Pandemie macht sich aus Sicht der Industrie durch das Wegbrechen von neuen Aufträgen bemerkbar, etwa die Hälfte der Betriebe ist mit Personalausfällen konfrontiert und immer noch ein Viertel der Befragten hat im Zuge von Corona mit unterbrochenen Lieferketten zu kämpfen. Vergleicht man den Umsatz des Jahres 2020 mit dem Vorjahr, so konnten immerhin 19 Prozent die Umsätze steigern, 23 Prozent diese stabil halten, aber eine Mehrheit von 58 Prozent musste Umsatzrückgänge hinnehmen. Den Liquiditätsstatus bewerten 86 Prozent mit mindestens befriedigend, 13 Prozent mit schlecht und 1 Prozent mit existenzbedrohend. Die Investitionsneigung verbleibt zwar auf niedrigem Niveau, hat sich gegenüber dem Herbst aber wieder etwas verbessert. Die Personalpläne bleiben restriktiv, 12 Prozent rechnen mit einem Anstieg, demgegenüber erwarten 24 Prozent sinkende Beschäftigtenzahlen. Für die kommenden Monate ist bislang noch keine Aufbruchsstimmung in Sicht. 28 Prozent erwarten zwar eine Verbesserung der Geschäftslage, dem stehen aber 25 Prozent gegenüber, die mit einer Verschlechterung rechnen.

Dienstleistungen

Im Dienstleistungssektor ergibt sich ein differenziertes Bild. Die Lage wird wieder etwas zurückhaltender beurteilt, in Summe überwiegen aber noch leicht die positiven Stimmen. 36 Prozent bewerten demnach die aktuelle Lage mit gut, weitere 38 Prozent mit befriedigend und 26 Prozent mit schlecht. Bei fast der Hälfte der Dienstleister macht sich die Corona-Pandemie aktuell dadurch bemerkbar, dass neue Aufträge wegbrechen. Über ein Drittel berichtet ebenfalls davon, dass auch bestehende Aufträge storniert werden. Beim Vergleich des Umsatzes des Gesamtjahres 2020 mit dem Vorjahr sprechen 47 Prozent von einem Rückgang, 32 Prozent von konstanten Umsätzen, hingegen konnten 21 Prozent eine Steigerung erzielen. Den eigenen Liquiditätsstatus bewerten nahezu unverändert 85 Prozent der Dienstleister mit mindestens zufriedenstellend, 11 Prozent mit schlecht und 4 Prozent mit existenzbedrohend. Der Zugang zu Fremdkapital ist für die meisten Dienstleister weiterhin unproblematisch. Die größten Risikofaktoren werden derzeit in der Inlandsnachfrage sowie in den wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen gesehen. Beim Ausblick auf die kommenden Monate kühlen sich die Geschäftserwartungen wieder spürbar ab. 17 Prozent erwarten eine Verbesserung, 57 Prozent keine Veränderung und 26 Prozent eine Verschlechterung. Bei den Personalplänen rechnen 11 Prozent mit einem Anstieg, 17 Prozent mit sinkenden Beschäftigtenzahlen und die Übrigen mit keinen Veränderungen.

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