Inklusion
In Sachen Inklusion gibt es noch viel zu tun

Die Mitglieder des Netzwerks Inklusion wollen das selbstverständliche Miteinander aller Menschen mit und ohne Beeinträchtigung voranbringen.
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Ins Gespräch kommen, Impulse geben und gemeinsam das selbstverständliche Miteinander aller Menschen mit und ohne Beeinträchtigung voranbringen – dieses Ziel hat sich das Netzwerk Inklusion im Landkreis Miltenberg auf die Fahne geschrieben. Tatkräftig unterstützt von Nadja Schillikowski, der kommunalen Inklusionsbeauftragten des Landkreises Miltenberg, wollen die Akteur*innen Menschen mit Beeinträchtigungen begleiten und unterstützen, damit ihnen gleichberechtigte Teilhabe ermöglicht wird.
Beim Auftakttreffen am Freitag im großen Sitzungssaal des Landratsamtes zeigten 35 Teilnehmer*innen, dass ihnen das Thema am Herzen liegt. Lebenshilfe, AWO, Schulamt, die Frühförderstellen, die Selbsthilfeförderung, der VdK, Vereinsvertreter, Inklusionsbeauftragte und weitere Gäste aus anderen Organisationen stimmten Landrat Jens Marco Scherf zu, dass jeder Mensch seinen Beitrag zum Gelingen von Inklusion leisten kann. Im Landratsamt habe man 2021 eine Teilzeitstelle geschaffen, um der immer wichtiger werdenden Aufgabe der Inklusion besser gerecht zu werden, erklärte der Landrat. „Inklusion heißt, dass Menschen mit Behinderung ihr Leben nicht mehr an vorhandene Strukturen anpassen müssen“, so Scherf, vielmehr müsse die Gesellschaft Strukturen schaffen, dass jeder Mensch von Anfang an Teil der Gesellschaft sein könne. Die Akteure hätten in der schweren Pandemiezeit gezeigt, wie sehr in ihnen das Feuer für die Inklusion brennt, so Scherf.

Dass dieses Feuer auch in Holger Kiesel brennt, dem Beauftragten der Bayerischen Staatsregierung für die Belange von Menschen mit Behinderung, war in seinen Ausführungen zu erkennen. Kiesel, aufgrund einer spastischen Lähmung im Rollstuhl sitzend, berät die Staatsregierung in allen Fragen, die Menschen mit Behinderung betreffen. Er prüft etwa Gesetzesentwürfe, tauscht sich mit kommunalen Behindertenbeauftragten, Verbänden und der Selbsthilfe aus und weiß daher genau, wo der Schuh noch drückt. Der gelernte Journalist, der nach einer Hörfunkausbildung als fester freier Journalist für den Bayerischen Rundfunk arbeitete, fokussiert sich auf vier Themen: Arbeit, Wohnen, Schule und politische Teilhabe. Gerade in der Arbeitswelt sei sehr viel zu tun, denn es müssten viel mehr Menschen mit Behinderung in den allgemeinen Arbeitsmarkt kommen. Für Kiesel ist es wichtig, die Übergänge durchlässiger zu gestalten und Menschen mit Behinderung einen besseren Zugang zum Arbeitsmarkt zu eröffnen. Noch immer gebe es in Bayern 7.000 Unternehmen, die keine Schwerbehinderten beschäftigen, „eine erschreckende Zahl.“ Es gelte, diesem Personenkreis mehr zuzutrauen und auch ein mögliches Scheitern zuzugestehen: „Scheitern ist unangenehm, aber wichtig für das Leben“, ist er überzeugt.
Auch beim Wohnen sei man noch weit entfernt von dem, was nötig sei. Kiesel spricht sich für individuelle Wohnformen aus, die Menschen mit und ohne Behinderung zusammenbringen. Auch kleine inklusive Initiativen müssten besser gefördert werden, meint er, nicht nur große Projekte. „Vieles scheitert aber leider an den Finanzen und der Bürokratie“, hat er in so manchem Gespräch erfahren. Dabei spiele auch die barrierefreie Infrastruktur eine Rolle, die weit über die eigene Wohnung hinaus notwendig sei.
Das Thema Schule müsse man ebenfalls neu denken, fordert er das Herangehen an Klassengrößen, Unterrichtsformen und Personalausstattung. Dabei gehe es nicht um Sonderleistungen für eine kleine Minderheit, „davon profitiert jeder einzelne Schüler.“ Inklusion müsse möglichst früh beginnen, sonst werde diese mit jedem Jahr schwieriger. Das gemeinsame In-die-Schule-Gehen dürfe aber nicht am Schultor aufhören, sondern müsse darüber hinaus weitergehen.

Für Holger Kiesel ist die politische Teilhabe ebenso wichtig, denn auch Betreute dürften wählen. Behinderte müssten in Parteien, Parlamenten und Gremien sitzen und ausreichend repräsentiert sein. Sie müssten aber motiviert werden, sich politisch einzubringen, findet Kiesel, denn sie hätten Expertisen in unterschiedlichen Feldern – weit über das der Behinderung hinaus. Er fände es gut, wenn Kandidat*innen sich in Wahlkämpfen in Behinderteneinrichtungen Diskussionen stellen würden. Es gehe darum, rund 19.000 Menschen in Bayern als Neuwähler*innen zu gewinnen, so Kiesel. Er kritisiert zudem, dass Stimmzettel für Menschen mit Behinderung „meist eine Katastrophe“ seien, deswegen müsse es das Ziel sein, die Wahlen möglichst barrierefrei zu gestalten. „Die Bewusstseinsbildung hört nie auf“, forderte er die Gäste auf, sich weiter zu engagieren.

Die Gäste beim Auftakttreffen des Netzwerks nutzten nach dem Vortrag und der gegenseitigen Vorstellung rege die Gelegenheit, sich kennenzulernen und sich auszutauschen. Nun konnte man nach langer Zeit wieder einmal miteinander reden, die Gesichter hinter den Organisationen sehen und Kontaktinformationen auszutauschen.

Info:
Holger Kiesel ist wie folgt zu erreichen: Behindertenbeauftragter der Bayerischen Staatsregierung, Winzererstr. 9, 80797 München, Telefon: 089/1261-2799, Fax: 089/1261-2453. Erreichbar ist er per Mail über ein Kontaktformular auf der Internetseite www.behindertenbeauftragter.bayern.de/
Nadja Schillikowski, kommunale Inklusionsbeauftragte des Landkreises Miltenberg, ist montags, dienstags und donnerstags von 8 bis 14 Uhr unter Telefon 09371/501-551 sowie per E-Mail unter Nadja.Schillikowski@lra-mil.de erreichbar.

Die Mitglieder des Netzwerks Inklusion wollen das selbstverständliche Miteinander aller Menschen mit und ohne Beeinträchtigung voranbringen.
Für Holger Kiesel, Beauftragter der Bayerischen Staatsregierung für die Belange von Menschen mit Behinderung, muss sich in den Bereichen Arbeit, Wohnen, Schule und politische Teilhabe noch einiges tun, um die Inklusion voranzubringen.

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