Wirtschaft
Langsame wirtschaftliche Erholung nach zwei Lockdowns

Die Corona-Pandemie hat in der regionalen Wirtschaft deutliche Bremsspuren hinterlassen, so drei Wirtschaftsfachleute am Mittwoch, 15. September, in der Sitzung des Ausschusses für Wirtschaft und Tourismus. Wenn keine weiteren Einschnitte mehr kommen, dürfte sich die Wirtschaft aber erholen, so ihr Fazit. Dennoch gelte es, das Augenmerk auf funktionierende Lieferketten und genügend qualifizierte Arbeitskräfte zu legen.

Dr. Andreas Freundt (IHK), Ludwig Paul (HWK) und Beatrice Brenner (Bundesverband Mittelständische Wirtschaft, BVMW) waren sich in vielen Details einig, was die Situation der Wirtschaft im Landkreis Miltenberg betrifft. Einbrüche während des ersten „harten“ Lockdowns, Erholung, erneuter Einbruch während des zweiten „Lockdown light“ und seitdem wieder Erholungstendenzen – so lässt sich die Lage darstellen. Gleichwohl hat es nicht alle Branchen gleichermaßen hart getroffen. „Der Online-Handel hat profitiert, auch Teile des Großhandels“, nannte Dr. Andreas Freundt ein Beispiel und zog daraus die Folgerung: „Wir müssen uns als Region stärker um die Innenstädte kümmern.“

Bei den Branchen ergibt sich ein höchst unterschiedliches Bild, wie aus Erhebungen der Handwerkskammer hervorgeht. Während es im konsumorientierten Handwerk für Zulieferbetriebe starke Einbrüche gab, hat das klassische Ausbauhandwerk – Maler, Glaser, Installateure, Schreiner – volle Auftragsbücher, auch Zweiradmechanikern geht es gut.

„Die Auftragsbestände im Handwerk steigen“, berichtete Ludwig Paul, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer für Unterfranken, aktuell seien weniger Betriebe von Umsatzeinbußen betroffen. Die Auftragsbestände steigen weiter, was er als „gute Grundlage für die weitere Erholung der Geschäftslage im Herbst“ wertete. Betrachtet man die Zufriedenheit mit der Geschäftslage, fällt auf, dass das Gesundheitshandwerk – etwa Augenoptiker, Orthopädietechnik, Zahntechnik – weniger optimistisch ist als das Bau- oder Ausbauhandwerk und das Nahrungsmittelhandwerk. Insgesamt werde Paul zufolge das Vor-Corona-Niveau bei den betrieblichen Umsätzen auch im Herbst vermutlich nicht erreicht. Viele Betriebe seien zudem von der Angst getrieben, dass die öffentliche Hand weniger Bauaufträge vergibt. Landrat Jens Marco Scherf beruhigte: „Der Landkreis Miltenberg hat zum Beispiel für die Berufsschulen ein großes Investitionsprogramm vor sich“, sagte er und bestätigte, dass man diese Investitionen weiterhin plane – zur Unterstützung der Wirtschaft, aber auch um ein Zeichen für die Bedeutung der beruflichen Ausbildung zu setzen.

„Personalnot, Materialverknappung, Preiserhöhungen, Kostenexplosion bei Transporten“, – so fasste Beatrice Brenner (BVMW) die aktuellen Herausforderungen zusammen. Die Beschaffungsprobleme verschärften sich, viele Rohstoffe würden bis zu 50 Prozent teurer, die Transportkosten seien zum Teil um das Zehnfache gestiegen. Dazu komme das Fehlen von Fachkräften, sagte Brenner und sprach von einem Imageproblem des Handwerks, obwohl hier gutes Geld zu verdienen sei. Der demografische Wandel zeige, „dass wir Zuwanderung brauchen.“ Landrat Jens Marco Scherf stimmte ihr zu: „Wir haben hier ein großes Problem, aber wir stehen erst am Anfang“, zeigte er sich pessimistisch.

Brenner lenkte den Fokus auch auf die Digitalisierung, die vor allem für kleine und mittelständische Unternehmen notwendig sei. Hier gebe es oft Einzellösungen wie Webseiten, Apps oder Webmeetings, allerdings wüssten nur wenige, dass eine Prozessoptimierung im eigenen Unternehmen viel mehr bedeute und dringend notwendig sei – beispielsweise beim Datenmanagement, bei Marketing- und Vertriebsstrategien und beim Einsatz von Künstlicher Intelligenz.

Um die Personalprobleme zu lösen, braucht es nach Auffassung aller Fachleute dringend eine Weiterqualifizierung des eigenen Personals und große Anstrengungen in der Ausbildung. Im Zehn-Jahres-Vergleich ist die Zahl der neuen Ausbildungsverträge am bayerischen Untermain von 2010 auf 2020 von 1537 auf 1300 zurückgegangen, so Dr. Andreas Freundt, Ende August 2021 sei die Zahl im Vergleich zum Vorjahr immerhin um acht Prozent gestiegen, was er als „Zeichen der Zuversicht“ wertete. Für ihn ist zudem „die duale Ausbildung eine gute Grundlage für die berufliche Zukunft.“ Ludwig Paul (HWK) nannte aktuelle Ausbildungszahlen aus dem Landkreis Miltenberg: Hier seien 6,6 Prozent weniger neue Ausbildungsverträge zu verzeichnen. In der gesamten Region Bayerischer Untermain gebe es noch über 300 unbesetzte Lehrstellen, davon im Landkreis Miltenberg 120. Eine interessante Beobachtung hatte Beatrice Brenner gemacht: „Unternehmen mit guter Arbeitgebermarke finden leichter Personal.“ Auch sei zu beobachten, dass Bewerber*innen zunehmend Wert darauflegen, in Firmen mit gelebter Nachhaltigkeit zu arbeiten, sagte sie.

Heide Moos (Agentur für Arbeit) berichtete von der lokalen Erholung des Arbeitsmarktes. Die Arbeitslosigkeit sei zwar von Juli zu August 2021 leicht gestiegen, das sei aber saisonbedingt normal durch den Übergang Schule/Beruf und Studium/Beruf. Auch sie sprach von deutlich mehr freien Ausbildungsstellen als im Vorjahr. Die Berufsberater*innen hätten sich während der Pandemie damit schwergetan, alle Jugendlichen zu erreichen, da man nicht in die Schulen habe gehen können. Landrat Jens Marco Scherf wies in diesem Zusammenhang auf die Jugendberufsagentur hin, die es sich zum Ziel gemacht habe, alle Jugendlichen zu erreichen, die möglicherweise nach der Schule „verloren gehen.“ Beim Ausbildungsbeginn sei man durchaus flexibel, erklärte Heide Moos, „die Ausbildung kann auch noch verspätet beginnen.“ Die Nachfrage nach Arbeitskräften sei im August 2021 nach wie vor hoch, verwies Moos auf 1215 offene Stellen – 514 davon von Zeitarbeitsfirmen.

Über den von der ZENTEC vorangetriebenen digitalen Transformationsprozess und die Kompetenznetzwerke berichtete ZENTEC-Geschäftsführer Marc Gasper. Die digitale Transformation sei eines der zentralen Themen, sagte er und verwies auf zahlreiche Veranstaltungen im Rahmen der Netzwerk- und Beratungstätigkeit sowie der Fachkräfteallianz. Großgeschrieben werde die Netzwerkarbeit mit den Schwerpunkten „Information und Kommunikation“, „Netzwerken“, „Technologien, Produkte und Unternehmen“ sowie „Technologiesparten“. Die Entwicklung der Angebote gehe mit dem Aufbau strategischer Partnerschaften einher, nannte Gasper Partner wie Euronorm, die IHK sowie die Kompetenzzentren Mittelstand 4.0 aus Darmstadt und Augsburg.
Als nächste Präsenzveranstaltung kündigte er „Die digitale Arbeitswelt in der Produktion“ am Donnerstag, 7. Oktober, um 17 Uhr in der ZENTEC an. Neu sei die Impulsberatung für Strategie und Technologie (Arbeitstitel), in der kleinen und mittelständischen Unternehmen passgenaue Antworten auf individuelle Fragestellungen gegeben werden sollen. Dabei soll etwa eine Kooperation von ZENTEC und Bayern Innovativ aufgebaut werden. Die dreimonatige Testphase soll im Oktober 2021 beginnen. Im Bereich „Innovationskommission und Digitale Transformation“ soll dank personeller Verstärkung die Arbeit in Zusammenarbeit mit vielen Akteuren vorangetrieben und verstetigt werden. Im Steuerkreis sollen konkrete Projekte entwickelt werden, auch die Netzwerkarbeit soll systematisch erweitert werden. Das alles soll „von unten nach oben“ erfolgen, indem der Bedarf in der Region ermittelt wird und anschließend konkrete Maßnahmen abgeleitet werden sollen.

Eine wichtige Rolle beim „Fitmachen“ von Unternehmen und der Gestaltung betrieblicher Veränderungsprozesse spielt die SQG Strukturwandel- und Qualifizierung gGmbH. Diese gemeinnützige GmbH berät laut Geschäftsführerin Meike Ghadhab Unternehmen sowie deren Mitarbeiter*innen und erstellt mit ihnen individuelle Konzepte, so dass sie für die Zukunft besser gerüstet sind. Dazu gehören Leistungen wie Transfermaßnahmen und Transferkurzarbeit, Seminare, Projekte und Coaching zur Begleitung individueller Veränderungsprozesse. Über das Bayerische Staatsministerium für Familie, Arbeit und Soziales tritt die SQG zudem als „Weiterbildungsinitiatorin als digitale Bildungsberaterin“ in Erscheinung unter dem Motto „Potenziale entfalten – Veränderungen gemeinsam gestalten“. Dabei geht es um die Beratung von Unternehmen und Arbeitnehmer*innen sowie um Leistungen für Regionen und Branchen. Beraten werden Geschäftsführung, Führungskräfte, Personalabteilungen und Betriebsräte – genau zugeschnitten auf die jeweils spezifischen betrieblichen Herausforderungen, Ziele und Möglichkeiten. So werden etwa Mitarbeiter*innen auf neue Anforderungen vorbereitet, beim Nachholen eines Berufsabschlusses unterstützt und für neue Tätigkeiten befähigt. Alles diene dazu, kleinen und mittelständischen Firmen zu helfen und die regionale Angebotsstruktur für betriebliche Weiterbildung zu entwickeln, so Ghadhab. Wegen der Komplexität des Themas und vieler Nachfragen aus dem Gremium soll das Thema in einer weiteren Sitzung ausführlicher behandelt werden.

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