Buchvorstellung: Jakobs Schweigen von Anja Goerz
Jakob schweigt, der Leser weiß

Nachdem ich mit den letzten Büchern aus dem dtv-Verlag so viel Freude hatte, hatte ich an das neue Buch von Anja Goerz, Jakobs Schweigen, große Erwartungen. Ein Krimi, dazu noch inspiriert von einem wahren Fall, der im schönen Bremen spielt, die Neugier war schnell geweckt.

Ziemlich schnell geht die eigentliche Handlung los, denn der bekannte und erfolgreiche Rechtsanwalt Michael Ahlendorf wird in seiner eigenen Kanzlei erschossen und schnell wird sein Sohn Jakob verdächtigt. Größtenteils wird die Geschichte aber aus Sicht der Mutter des Opfers/Großmutter des Tatverdächtigen Dora geschildert, die nach dem Tod ihres Mannes eigentlich damit beschäftigt ist, sich nach und nach einen geregelten Alltag aufzubauen. Das ist natürlich jetzt erst einmal passé. Es werden noch ein paar weitere Charaktere hinzugefügt und dann geht es auch schon in die Ermittlungsarbeit, denn Dora ist überzeugt von der Unschuld ihres Enkels und will diese zügig beweisen.

Dafür, dass laut Klappentext viele Plottwists enthalten sein sollen, war für mich der verwirrendste Teil das erste Kapitel. Denn dort spricht Jakob von Dad und Papa, augenscheinlich zwei Personen. Bis ich verstanden hatte, dass er eben zwei Väter hat, war schon ein bisschen Zeit rum. Erstaunlich, wie festgefahren man doch manchmal ist… Leider war dieser Krimi für mich danach ein offenes Buch. Nach 50 Seiten war ich mir ziemlich sicher, wer den Rechtsanwalt erschossen hat. Dora, die ziemlich durch den Wind ist, steht oft kurz vor einer Erkenntnis, kommt aber dann nicht drauf. Mir ist das dafür meistens gelungen, sodass meine Theorie schnell Futter bekam und sich schlussendlich auch bestätigte. Ich glaube, so vorhersehbar war noch kein Krimi, den ich bisher gelesen habe. Der Schreibstil hingegen macht einiges wieder wett, es ist angenehm geschrieben und das Buch liest sich sehr flüssig. Die Dialoge sind allerdings oft etwas konstruiert, denn einerseits werfen sich die Gesprächspartner so einiges an den Kopf, um andererseits kurz darauf wieder für meine Begriffe zu stark zur Diplomatie zurückzukehren. Gerade Dora ist dermaßen blauäugig und wankelmütig, dass ich manchmal schier verzweifelt bin, wenn doch die richtige Frage (oder Antwort) eigentlich auf der Hand liegt.

Als dann auch die Protagonisten eine Ahnung hatten, wer verantwortlich ist, war das Buch leider auch schon zu Ende. Auf das große Finale habe ich also umsonst gewartet, aber in der Familie Ahlendorf war wohl schon vorher genug Drama. Denn das ist wirklich gut dargestellt: Wie zerrüttet eine Familie sein kann und wie sehr Vorurteile und das gegenseitige Verurteilen zu regelrechtem Hass führen können. Im Großen und Ganzen ist das Buch ein Plädoyer für mehr Toleranz und Akzeptanz. Als packender Krimi konnte es für mich nicht herhalten, da ich aber den Schreibstil und den regionalen Aspekt sehr gelungen fand, werde ich zeitnah ein weiteres Buch der Autorin lesen. Vielleicht hatte ich dieses Mal mit meiner Spürnase ja auch einfach nur Glück…

Das Buch ist im dtv-Verlag erschienen und kostet 15,90 Euro (ISBN: 978-3-423-26258-3).

Autor:

Gustav Teschner aus Mönchberg

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