Premiere zwischen Geschichte und Gänsehaut
Viel Lärm um Nichts: Nachbericht zur Obernburger Stadtführung vom 31.10.2025
- Am Hexenturm ist es soweit: Die Hexe muss sterben!
- Foto: Katja Zöller/Theaterverein Die Granatsplitter e.V.
- hochgeladen von Andrea Faggiano
Am Abend des 31. Oktober 2025 feierte die neue theatralisch begleitete Stadtführung „Zwischen Tempeln, Türmen und Tragödien: Obernburgs dunkle Seiten“ ihre Premiere. Der Termin fiel zwar auf Halloween, doch der Anspruch der Veranstaltung hatte mit einer klassischen Gruselführung nichts gemein.
Der Name Halloween leitet sich vom englischen All Hallows’ Eve – dem Abend vor Allerheiligen – ab. Dennoch entstand im Vorfeld der Eindruck, der Verein plane eine schaurige Horrortour. Eine solche Ausrichtung war jedoch weder vorgesehen noch jemals kommuniziert worden.
Ungeachtet einiger kritischer Stimmen, die dem Theaterverein mangelnde Sensibilität und Pietätlosigkeit vorwarfen, zeigte die Premiere eindrucksvoll, wie verantwortungsvoll und feinfühlig die historischen Themen umgesetzt wurden. Alle Szenen waren im Vorfeld behördlich genehmigt und transparent vorgestellt worden. Trotzdem äußerten einzelne Bürger Bedenken – vor allem bezüglich einer Szene in der Nähe des Friedhofs, die den ungeklärten Fund eines toten Säuglings aus dem Jahr 2006 thematisiert.
Unter Leitung der Kunsthistorikerin Susanna Rizzo wurde nun deutlich, dass die Inszenierung weder skandalisiert noch belehrt, sondern zum stillen Erinnern einlädt. Auch Bürgermeister Dietmar Fieger, der als besonderer Gast anwesend war, lobte die respektvolle Umsetzung ausdrücklich und sprach sich für weitere Termine aus.
Die szenische Führung begann mit „Die Tasche am Fluss“ – einem intensiven Monolog, der der unbekannten Mutter des Säuglings eine Stimme verlieh. Die Darstellung berührte ohne Pathos und erinnerte daran, dass Tragödien oft im Verborgenen geschehen und Spuren hinterlassen, die bis heute nachwirken. Sie berühren zutiefst.
Es folgte die Szene „Die letzte Blüte“, angesiedelt im Jahr 1996, als das Apfelblütenfest durch einen gewaltsamen Vorfall erschüttert wurde. Die Schauspiel-Figur mit Apfel und Kapuze sprach nicht über Schuld, sondern über den Moment, in dem ein Fest seine Unschuld verlor. Ein stiller, eindringlicher Text darüber, wie fragile Traditionen sein können – und wie rasch ein Ereignis das Bild einer Gemeinschaft verändern kann.
Besonders atmosphärisch wirkte „Feuer und Feder“ aus dem Jahr 1913. Zwischen Laternenlicht, Rußspuren und verkohlten Requisiten standen sich Drucker Heinrich Bingemer und die Witwe Therese Dier gegenüber – er, der Spendenbriefe schrieb, sie, die im Schwarzviertel alles verlor. Die Szene zeigte, wie eine Stadt nach Katastrophen weitermacht: nicht durch Heldenpathos, sondern durch Menschlichkeit und den Mut zum Neubeginn.
Weitere Episoden – darunter die Hexenverfolgung von 1642 – führten das Publikum durch Jahrhunderte Obernburger Stadtgeschichte, stets begleitet von Schauspieler:innen, die das Vergangene eindringlich, aber mit Achtung vor den realen Schicksalen lebendig werden ließen.
Das Ergebnis: ein starker, atmosphärischer Auftakt, der Historie, Theater und Einfühlungsvermögen zu einer eindrucksvollen Mischung verband. Die Resonanz der Teilnehmenden fiel entsprechend positiv aus – viele zeigten sich berührt von der dichten Stimmung und dem sensiblen Umgang mit den oft schweren Themen.
Die nächste Führung am 28. November 2025 ist bereits ausgebucht, für die Ausgabe am 30. Dezember 2025 um 15:30 Uhr sind noch Resttickets verfügbar.
Ein weiterer Höhepunkt im Jubiläumsjahr folgt zudem am 29. November 2025 in der Stadthalle Obernburg, wenn die Kabarettistin Rose Neu ihr Programm „Neurosen sind für alle da“ präsentiert – als krönender Abschluss des 10-jährigen Bestehens des Theatervereins.
Tickets:
Online über www.eventfrog.de, per E-Mail an obernburgertheaterverein@yahoo.com oder telefonisch unter 0170 / 9881681.
Autor:Andrea Faggiano aus Obernburg am Main |
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