Buchempfehlung: Der Weizen gedeiht im Süden von Erik D. Schulz
Ganz Europa auf der Flucht

Weder der Autor noch der Verlag waren mir bislang bekannt. Sicher ist nach der Lektüre von Der Weizen gedeiht im Süden von Erik D. Schulz nur, dass ich von beiden gerne wieder lesen werde!

Wie manch einer bereits weiß, lese ich sehr gerne dystopische Geschichten, die unsere Realität ein klein wenig weiter denken und daraus ein ganz neues (Schreckens-)Szenario machen. Zugegeben, ein Atomkrieg, der die gesamte nördliche Hemisphäre unwirtlich und lebensgefährlich werden lässt, ist hoffentlich nicht absehbar. Allerdings gibt es natürlich die ein oder andere Großmacht (oder auch Kleinmacht Nordkorea), die gerne ihre atomare Stärke über den grünen Klee lobt...

Erik D. Schulz erzeugt auf jeden Fall in seinem Buch eine düstere Grundstimmung, die keine lange Einleitung braucht. Nur wenige Menschen in Europa und der "westlichen" Welt haben den Krieg überlebt und ganze Kontinente befinden sich auf der Flucht. Afrika als vergessener Kontinent wurde auch im Krieg im wahrsten Sinne des Wortes vergessen und ist so zum Ort der Hoffnung auf Normalität geworden.

Die Geschichte von Schulz führt uns aber zuerst in einen Bunker in der Schweiz, wo Dr. Oliver Bertram erleben muss wie der schützende Bunker sich zunehmend in eine tödliche Sackgasse entwickelt. Mit 10 mutigen Mitstreitern wagt er die Flucht nach vorn. In den nuklearen Winter, zu Strahlung, Überfällen und Extrembedingungen. Eine solche Flucht kann nicht ohne Opfer verlaufen und die beschwerliche Reise durch das vereiste Europa scheint kein Ende zu nehmen. Aber ist im Sudan - dem erklärten Ziel der Gruppe - wirklich alles besser?

Ich kann das Buch wärmstens empfehlen. Cover, Buchsatz und Schriftbild sind sehr gut, das Buch liest sich locker und flüssig. Zwischen den spannenden Szenen, die die Handlung dominieren bleibt auch Platz für Philosophie, Liebe und großen, familiären Zusammenhalt. Insbesondere bei den Folgen der nuklearen Katastrophe merkt man die akribische Recherche des Autors, der ein sehr reales Szenario entwirft, das keine Logikfehler aufweist. Außerdem sind die kulturellen Gegebenheiten in Afrika gut dargestellt.

Der Autor hat in Bezug auf die Beziehungen unter den Figuren einen eigenen Schreibstil, sehr schnell werden sehr starke Gefühle ins Spiel gebracht und die Sprache ist manchmal sehr blumig. Mich hat das erst irritiert, gerade bei scheinbar unnötigen Details, die nur kurz angerissen und dann fallen gelassen werden, aber im Laufe des Buches habe ich mich daran gewöhnt und es sogar genossen. Zwar umarmt sich die neu geordnete Familie doch sehr viel, egal wie unpassend die Situation sein mag, aber vielleicht soll damit die fehlende Menschlichkeit in der Umgebung ausgeglichen werden.

Die schlaue Annabel ist mir manchmal zu naiv, was den Nutzen von Gewalt angeht, das hat für mich nicht zu ihr gepasst.

Ansonsten gefallen mir die Charaktere ebenso wie der flexible Wechsel zwischen den Perspektiven auch wenn Oliver klar der Fokus ist.

Der lebendige Schreibstil und die kurzweilige Handlung machen das Buch für mich zu einem Highlight. Ich habe es regelrecht verschlungen, immer wollte ich wissen, was auf der nächsten Seite passiert und nur schwer konnte ich mich lösen. Ein echter Geheimtipp!

Für mich nehme ich vor allem aber Folgendes mit: Aktuell ist Europa das Ziel der Welt, aber wie schnell kann sich so etwas verändern? Wie schnell sind wir auf der Flucht? Das sollten wir immer im Hinterkopf behalten, wenn es mal wieder um die weitere Aufnahme traumatisierter Flüchtlinge geht. Weniger deutsch, mehr menschlich, das sollten sich mehr Leute denken!

Das Buch ist im Acabus Verlag erschienen (ISBN: 978-3-86282-736-7) und kostet 16 Euro.

Autor:

Gustav Teschner aus Mönchberg

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