Bildergalerie und Essay.
Die letzte Kugel des Sommers oder: Wenn der Sommer auf die Uhr schaut.
- Jeder Schleck ist ein Abschiedsgruß an kurze Hosen, Freibadpläne und die naive Hoffnung, Sonnencreme könne ewig halten.
- hochgeladen von Roland Schönmüller
Eine herbstliche Reportage über Oktobersonne, Ausflugsdrang und den nahenden Abschied vom Speiseeis in Freudenberg am Main
Der Sommer ist in Freudenberg am Main und anderswo noch nicht ganz gegangen. Er steht nur schon in der Tür, hat die Jacke über dem Arm und sagt zum dritten Mal: „Also, ich müsste dann langsam.“
Draußen legt die Oktobersonne einen goldenen Streifen auf den Main, als wolle sie beweisen, dass sie auch in Teilzeit noch ganze Arbeit leistet. Auf der Terrasse des Eis-Cafés sitzen Menschen in Übergangsjacken und bestellen Eisbecher mit jener Entschlossenheit, die sonst nur bei Schlussverkäufen zu beobachten ist.
Die Speiseeis-Saison neigt sich dem Ende zu.
Das klingt amtlich, fast wie eine Verordnung: Ab morgen bitte nur noch Zimtgebäck. Doch an diesem milden Oktobertag weigert sich Freudenberg, die Löffel abzugeben. Vanille, Schokolade und Stracciatella treten noch einmal zur Ehrenrunde an. Die Kugeln sind ein wenig kleiner als in der Erinnerung an den Juli – vielleicht nur, weil man sie jetzt bewusster betrachtet. Jeder Schleck ist ein Abschiedsgruß an kurze Hosen, Freibadpläne und die naive Hoffnung, Sonnencreme könne ewig halten.
Die Mainpromenade als Laufsteg der Vernünftigen.
Nach dem Eis beginnt der sportliche Teil des Tages: Man geht spazieren, um sich das Eis rückwirkend verdient zu haben. Die Mainpromenade ist dafür ideal. Hier flaniert Freudenberg zwischen Fluss und Altstadt, zwischen Ruhe und dem diskreten Klappern von Fahrradschaltungen.
Der Main zieht vorbei, gelassen wie jemand, der seinen Ausflug nicht planen musste. Auf der anderen Seite leuchten die Hänge; über allem wacht die Freudenburg, als habe sie seit Jahrhunderten nichts Besseres zu tun, als nachzusehen, ob unten auch ordentlich genossen wird.
Die Oktobersonne hat ihre eigene Dramaturgie. Sie wärmt genau so lange, bis man die Jacke ausgezogen und über den Arm gehängt hat. Dann verschwindet sie hinter einer Wolke und erinnert daran, wer im Herbst das Sagen hat. Trotzdem sitzen Menschen auf Bänken, schauen aufs Wasser und tun so, als sei dies kein letzter Sommertag, sondern eine ganz gewöhnliche Verlängerung.
Ein Hund trägt ein Blatt im Maul. Zwei Radfahrer studieren eine Karte, obwohl der Main die Richtung mit bemerkenswerter Deutlichkeit vorgibt. Ein Kind verkündet, es könne noch ein zweites Eis essen. Niemand widerspricht aus fachlicher Überzeugung.
Hinauf zur Burg – Kalorien mit Aussicht.
Wer nach der Promenade noch Bewegungsdrang verspürt – oder beim Eisbecher Sahne bestellt hat –, nimmt den Weg hinauf zur Freudenburg. Die Stufen beginnen harmlos. Nach wenigen Minuten entwickeln sie jedoch Charakter. Die Altstadt bleibt zurück, der Main wird schmaler, und mit jeder Kehre wächst die Überzeugung, dass mittelalterliche Burgherren ihre Gäste nicht besonders gernhatten.
Oben entschädigt die Aussicht.
Der Blick geht über Dächer, Wasser und bewaldete Höhen. Spessart und Odenwald stehen sich gegenüber wie zwei Nachbarn, die seit Ewigkeiten denselben Zaun teilen und längst vergessen haben, worüber sie einmal gestritten haben. Der auffällige Bergfried der Freudenburg wirkt dabei wie ein steinernes Ausrufezeichen. Im Herbstlicht bekommt selbst das Gemäuer etwas Versöhnliches. Nur der Wind ist bereits im Novembermodus.
Ausflüge mit eingebauter Ausrede.
Rund um Freudenberg liefert der Oktober genügend Gründe, das Haus zu verlassen, bevor die Couch endgültig die Saison übernimmt. Man kann am Main entlangradeln, ein Stück auf dem Nibelungensteig wandern, durch die Wälder Richtung Boxtal streifen oder den Seepark umrunden. Jede Strecke lässt sich dabei nach einem bewährten regionalen Prinzip bemessen: nicht in Kilometern, sondern in Einkehrmöglichkeiten.
Im Wald knistert das Laub unter den Schuhen, als würde der Boden heimlich Chips essen. Die Bäume tragen Rostrot, Kupfer und Gelb – Farben, die in keinem Baumarkt so überzeugend nebeneinanderstünden. Wandernde sammeln Kastanien, obwohl zu Hause bereits eine Schale voller Kastanien steht. Radfahrende ziehen Reißverschlüsse hoch und wieder herunter. Familien einigen sich demokratisch auf den Weg, den eine Person längst ausgesucht hat. Und irgendwo fällt ein Blatt in vollkommener Stille auf den Boden, wird aber von einem laut geöffneten Müsliriegel akustisch überholt.
Das große saisonale Missverständnis.
Eigentlich gibt es keinen vernünftigen Grund, Eis nur im Sommer zu essen. Kühlschränke halten sich schließlich auch nicht an Jahreszeiten. Trotzdem besitzt die letzte Kugel im Oktober eine besondere Würde. Sie ist kein Nachtisch mehr, sondern ein Ritual.
Man bestellt sie gegen den Kalender, gegen den Nebel, gegen die erste Werbung für Adventsgebäck. Die Wahl der Sorte wird plötzlich zur Charakterfrage: Vanille steht für Treue, Schokolade für Realismus, Zitrone für Trotz. Wer zwei Kugeln nimmt, glaubt an Verlängerung.
Am späten Nachmittag liegt das Licht flach über dem Main. Die Burg wird zur Silhouette, die Promenade leert sich, und auf den Tischen stehen nur noch Kaffeetassen, Servietten und die Beweise kleiner süßer Siege. Das Eis schmilzt nun schneller, als man philosophieren kann. Vielleicht ist genau das seine Botschaft: Der Sommer lässt sich nicht aufheben. Man kann ihn nur rechtzeitig bestellen.
Abschied auf Probe.
Dann geht es heimwärts durch Freudenberg. Die Fachwerkfassaden fangen das letzte Licht, der Main trägt es weiter, und oben bleibt die Burg stehen, stoisch wie immer. Morgen könnte Regen kommen. Nächste Woche vielleicht der erste Frost. Die Eistheke wird sich leeren, die Terrasse verstummen, und die Stadt wird auf Tee, Kuchen und feste Schuhe umstellen.
Aber heute gilt noch einmal die Freudenberger Herbstformel: Sonne im Gesicht, Main im Blick, Burg über dem Kopf und eine Waffel in der Hand. Mehr Ausflug braucht der Mensch nicht. Höchstens noch eine Kugel. Für den Rückweg.
Roland Schönmüller (Text und Fotos)
Autor:Roland Schönmüller aus Miltenberg |
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