Bildergalerie und Essay.
Die letzte Kugel des Sommers oder: Wenn der Sommer auf die Uhr schaut.

Jeder Schleck ist ein Abschiedsgruß an kurze Hosen, Freibadpläne und die naive Hoffnung, Sonnencreme könne ewig halten.
105Bilder
  • Jeder Schleck ist ein Abschiedsgruß an kurze Hosen, Freibadpläne und die naive Hoffnung, Sonnencreme könne ewig halten.
  • hochgeladen von Roland Schönmüller

Eine herbstliche Reportage über Oktobersonne, Ausflugsdrang und den nahenden Abschied vom Speiseeis in Freudenberg am Main

Der Sommer ist in Freudenberg am Main  und anderswo noch nicht ganz gegangen. Er steht nur schon in der Tür, hat die Jacke über dem Arm und sagt zum dritten Mal: „Also, ich müsste dann langsam.“

Draußen legt die Oktobersonne einen goldenen Streifen auf den Main, als wolle sie beweisen, dass sie auch in Teilzeit noch ganze Arbeit leistet. Auf der Terrasse des Eis-Cafés sitzen Menschen in Übergangsjacken und bestellen Eisbecher mit jener Entschlossenheit, die sonst nur bei Schlussverkäufen zu beobachten ist.

Die Speiseeis-Saison neigt sich dem Ende zu.

Das klingt amtlich, fast wie eine Verordnung: Ab morgen bitte nur noch Zimtgebäck. Doch an diesem milden Oktobertag weigert sich Freudenberg, die Löffel abzugeben. Vanille, Schokolade und Stracciatella treten noch einmal zur Ehrenrunde an. Die Kugeln sind ein wenig kleiner als in der Erinnerung an den Juli – vielleicht nur, weil man sie jetzt bewusster betrachtet. Jeder Schleck ist ein Abschiedsgruß an kurze Hosen, Freibadpläne und die naive Hoffnung, Sonnencreme könne ewig halten.

Die Mainpromenade als Laufsteg der Vernünftigen.

Nach dem Eis beginnt der sportliche Teil des Tages: Man geht spazieren, um sich das Eis rückwirkend verdient zu haben. Die Mainpromenade ist dafür ideal. Hier flaniert Freudenberg zwischen Fluss und Altstadt, zwischen Ruhe und dem diskreten Klappern von Fahrradschaltungen.

Der Main zieht vorbei, gelassen wie jemand, der seinen Ausflug nicht planen musste. Auf der anderen Seite leuchten die Hänge; über allem wacht die Freudenburg, als habe sie seit Jahrhunderten nichts Besseres zu tun, als nachzusehen, ob unten auch ordentlich genossen wird.

Die Oktobersonne hat ihre eigene Dramaturgie. Sie wärmt genau so lange, bis man die Jacke ausgezogen und über den Arm gehängt hat. Dann verschwindet sie hinter einer Wolke und erinnert daran, wer im Herbst das Sagen hat. Trotzdem sitzen Menschen auf Bänken, schauen aufs Wasser und tun so, als sei dies kein letzter Sommertag, sondern eine ganz gewöhnliche Verlängerung.

Ein Hund trägt ein Blatt im Maul. Zwei Radfahrer studieren eine Karte, obwohl der Main die Richtung mit bemerkenswerter Deutlichkeit vorgibt. Ein Kind verkündet, es könne noch ein zweites Eis essen. Niemand widerspricht aus fachlicher Überzeugung.

Hinauf zur Burg – Kalorien mit Aussicht. 

Wer nach der Promenade noch Bewegungsdrang verspürt – oder beim Eisbecher Sahne bestellt hat –, nimmt den Weg hinauf zur Freudenburg. Die Stufen beginnen harmlos. Nach wenigen Minuten entwickeln sie jedoch Charakter. Die Altstadt bleibt zurück, der Main wird schmaler, und mit jeder Kehre wächst die Überzeugung, dass mittelalterliche Burgherren ihre Gäste nicht besonders gernhatten.

Oben entschädigt die Aussicht.

Der Blick geht über Dächer, Wasser und bewaldete Höhen. Spessart und Odenwald stehen sich gegenüber wie zwei Nachbarn, die seit Ewigkeiten denselben Zaun teilen und längst vergessen haben, worüber sie einmal gestritten haben. Der auffällige Bergfried der Freudenburg wirkt dabei wie ein steinernes Ausrufezeichen. Im Herbstlicht bekommt selbst das Gemäuer etwas Versöhnliches. Nur der Wind ist bereits im Novembermodus.

Ausflüge mit eingebauter Ausrede.
 

Rund um Freudenberg liefert der Oktober genügend Gründe, das Haus zu verlassen, bevor die Couch endgültig die Saison übernimmt. Man kann am Main entlangradeln, ein Stück auf dem Nibelungensteig wandern, durch die Wälder Richtung Boxtal streifen oder den Seepark umrunden. Jede Strecke lässt sich dabei nach einem bewährten regionalen Prinzip bemessen: nicht in Kilometern, sondern in Einkehrmöglichkeiten.

Im Wald knistert das Laub unter den Schuhen, als würde der Boden heimlich Chips essen. Die Bäume tragen Rostrot, Kupfer und Gelb – Farben, die in keinem Baumarkt so überzeugend nebeneinanderstünden. Wandernde sammeln Kastanien, obwohl zu Hause bereits eine Schale voller Kastanien steht. Radfahrende ziehen Reißverschlüsse hoch und wieder herunter. Familien einigen sich demokratisch auf den Weg, den eine Person längst ausgesucht hat. Und irgendwo fällt ein Blatt in vollkommener Stille auf den Boden, wird aber von einem laut geöffneten Müsliriegel akustisch überholt.

Das große saisonale Missverständnis.

Eigentlich gibt es keinen vernünftigen Grund, Eis nur im Sommer zu essen. Kühlschränke halten sich schließlich auch nicht an Jahreszeiten. Trotzdem besitzt die letzte Kugel im Oktober eine besondere Würde. Sie ist kein Nachtisch mehr, sondern ein Ritual.

Man bestellt sie gegen den Kalender, gegen den Nebel, gegen die erste Werbung für Adventsgebäck. Die Wahl der Sorte wird plötzlich zur Charakterfrage: Vanille steht für Treue, Schokolade für Realismus, Zitrone für Trotz. Wer zwei Kugeln nimmt, glaubt an Verlängerung.

Am späten Nachmittag liegt das Licht flach über dem Main. Die Burg wird zur Silhouette, die Promenade leert sich, und auf den Tischen stehen nur noch Kaffeetassen, Servietten und die Beweise kleiner süßer Siege. Das Eis schmilzt nun schneller, als man philosophieren kann. Vielleicht ist genau das seine Botschaft: Der Sommer lässt sich nicht aufheben. Man kann ihn nur rechtzeitig bestellen.

Abschied auf Probe. 

Dann geht es heimwärts durch Freudenberg. Die Fachwerkfassaden fangen das letzte Licht, der Main trägt es weiter, und oben bleibt die Burg stehen, stoisch wie immer. Morgen könnte Regen kommen. Nächste Woche vielleicht der erste Frost. Die Eistheke wird sich leeren, die Terrasse verstummen, und die Stadt wird auf Tee, Kuchen und feste Schuhe umstellen.

Aber heute gilt noch einmal die Freudenberger Herbstformel: Sonne im Gesicht, Main im Blick, Burg über dem Kopf und eine Waffel in der Hand. Mehr Ausflug braucht der Mensch nicht. Höchstens noch eine Kugel. Für den Rückweg.

Roland Schönmüller (Text und Fotos)

Autor:

Roland Schönmüller aus Miltenberg

Sie möchten kommentieren?

Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.

Energie & UmweltAnzeige

Schulungstag bei WIRL
Gemeinsam besser werden. Schulungstag bei WIRL Elektrotechnik

Gemeinsam besser werden. Schulungstag bei WIRL Elektrotechnik Gute Zusammenarbeit entsteht nicht nur auf der Baustelle. Sie braucht auch Zeit für Austausch, gemeinsame Weiterbildung und die Möglichkeit, Erfahrungen miteinander zu teilen. Genau darum ging es bei unserem Schulungstag bei WIRL Elektrotechnik. Im Arbeitsalltag sind unsere Mitarbeiter auf unterschiedlichen Baustellen und bei verschiedenen Projekten im Einsatz. Umso wertvoller sind die Tage, an denen das gesamte Team zusammenkommt....

Auto & Co.Anzeige
So kommen unsere Neuwagen bei uns an. 🚗📦

Gut verpackt geht es für die Fahrzeuge zuerst in unsere Werkstatt. Dort werden sie ausgepackt, kontrolliert und sorgfältig aufbereitet.

Damit am Ende alles glänzt und ihr euren neuen Hyundai sauber und startklar übernehmen könnt. ✨🙌

Ein kleiner Blick hinter die Kulissen im Autohaus Bieger. 👀 | Foto: Autohaus Bieger
0:40

Hyundai Neuwagen Anlieferung im Autohaus Bieger

So kommen Hyundai Neuwagen im Autohaus Bieger an. Wir geben Einblicke in Anlieferung, Kontrolle, Aufbereitung und Übergabe. So kommen unsere Hyundai Neuwagen bei uns an Ein neuer Hyundai steht irgendwann sauber und glänzend zur Abholung bereit. Doch bevor der Schlüssel übergeben wird und die erste Fahrt beginnen kann, passiert im Autohaus einiges. Denn ein Hyundai Neuwagen kommt bei uns nicht einfach an und wandert direkt auf den Kundenparkplatz. Nach der Anlieferung führt der erste Weg der...

Auto & Co.Anzeige

Entdeckt beim Autohaus Bieger
Der Hyundai INSTER Lounge in Glow Mint

Frische Farbe trifft Elektromobilität. Der Hyundai INSTER Lounge in Glow Mint Klein, elektrisch und jetzt mit einem besonders frischen Auftritt. Beim Autohaus Bieger in Elsenfeld zeigt sich der Hyundai INSTER Lounge in der Pastellfarbe Glow Mint. Der sanfte Grünton verleiht dem kompakten Elektroauto einen modernen Look und sorgt dafür, dass der INSTER auf der Straße sofort auffällt. Als Hyundai Partner für den Landkreis Miltenberg und den Landkreis Aschaffenburg bietet das Autohaus Bieger...

Bauen & WohnenAnzeige

Lokal GbR
Welches Waschmittel kommt in welches Fach

Welches Waschmittel kommt in welches Fach Beim Wäschewaschen läuft vieles ganz automatisch. Wäsche in die Trommel, Waschmittel dazu, Programm auswählen und starten. Doch spätestens beim Blick in die Waschmittelschublade stellt sich eine Frage, die erstaunlich viele Menschen beschäftigt. Welches Waschmittel kommt eigentlich in welches Fach und was muss bei Pulverwaschmittel oder Flüssigwaschmittel beachtet werden. Dabei lohnt es sich, die Waschmittelschublade etwas genauer anzusehen. Denn wer...

Beruf & AusbildungAnzeige

Gesundheit, Praxis und Teamgeist im Mittelpunkt
Azubi-Tag bei WIRL

Azubi-Tag bei WIRL: Gesundheit, Praxis und Teamgeist im Mittelpunkt Eine gute Ausbildung besteht aus mehr als Fachwissen und praktischer Erfahrung. Mindestens genauso wichtig sind ein starkes Miteinander, gegenseitiges Vertrauen und ein Arbeitsumfeld, in dem man sich wohlfühlt. Genau darum ging es bei unserem Azubi-Tag bei WIRL Elektrotechnik. Gemeinsam aktiv werden und Neues ausprobieren Beim Azubi-Tag stand für unsere Auszubildenden nicht der gewöhnliche Arbeitsalltag auf dem Programm....

Video einbetten

Es können nur einzelne Videos der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Playlists, Streams oder Übersichtsseiten.

Abbrechen

Karte einbetten

Abbrechen

Social-Media Link einfügen

Es können nur einzelne Beiträge der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Übersichtsseiten.

Abbrechen

Code einbetten

Funktionalität des eingebetteten Codes ohne Gewähr. Bitte Einbettungen für Video, Social, Link und Maps mit dem vom System vorgesehenen Einbettungsfuntkionen vornehmen.
Abbrechen

Beitrag oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen

Schnappschuss einbetten

Abbrechen

Veranstaltung oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen

Sie möchten selbst beitragen?

Melden Sie sich jetzt kostenlos an, um selbst mit eigenen Inhalten beizutragen.