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Kleine Glücksmomente ermuntern zum Durchhalten in der Pandemie.

Auch jetzt empfehlenswert: Beim Spazierengehen neue Wege einschlagen oder Wanderrouten wählen, die mit positiven Gefühlen besetzt sind.
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„Glück im Unglück“ - Generation Corona

Kleine Glücksmomente ermuntern zum Durchhalten in der Pandemie

Es ist Freitagmittag und die fünfte Stunde in einer neunten Mittelschulklasse im Landkreis Miltenberg beginnt.

Seit 7.45 Uhr befinden sich die Schüler auf dem Schulgelände. Es herrscht derzeit aktueller Wechselunterricht für die hiesigen Abschlussklassen.

Gespannt und diszipliniert warten die dreizehn- und vierzehnjährigen Schülerinnen und Schüler auf ihren Lehrer. Im Stundenplan steht das Fach Katholische Religionslehre.

„Was machen wir heute?“ fragt eine motivierte Schülerin, die im Juni den „Quali“ in diesem Fach absolvieren möchte und gleich ein strahlendes Lächeln zeigen wird.

„Wir reden über >>Glück in Zeiten von Corona << und über persönliche gegenwärtige Befindlichkeiten. Eure Mitarbeit und Kreativität soll natürlich auch nicht zu kurz kommen!“ kommt als Antwort und Zielangabe vom Lehrer.

Freude kommt auf bei den Heranwachsenden - und das in einer Randstunde, wo das Wochenende fast schon vor der Tür steht.

Das Schüler-Dutzend zeigt Interesse und Motivation. Sie sind Teil der Klassen, die Corona bedingt abwechselnd kommen: mal Dienstag und Donnerstag die Gruppe A, mal Montag und Mittwoch die Gruppe B. Der Freitagsunterricht läuft im zweiwöchigen Wechsel.

Die täglichen Corona - Schnelltests im Klassenzimmer sind schon zur Routine geworden, ebenso die Körpertemperatur-Messungen per Thermometer. Freude kommt auf, wenn die Resultate einen roten Strich am Gerät zeigen. „Ich bin negativ!“, ruft eine Neuntklässlerin und meint damit ihren gesunden Zustand.

Der Unterricht später in Religion dauert 45 Minuten. Er erfolgt mit Masken: Mund und Nase der Anwesenden verstecken sich hinter weißen, schwarzen oder bunten FFP -3-Schutztüchern.

Die Abstandsregeln sind gewahrt mit Einzelbänken und Zwei-Meter-Distanz nach vorn und hinten, nach rechts und links. Ein kühler, frischer Luftzug weht durch das Klassenzimmer. Das ist kein Wunder bei einer offenen Tür und drei gekippten Fenstern.
An weitere Hygiene-Maßnahmen hält sich jeder: Desinfektion der beiden Hände einschließlich der Finger-Zwischenräume am Schulhaus-Eingang.

Nach einem kurzen Gebet und Meditationstext führt der biblische Exkurs zunächst ins Alte und Testament, zu den sinnstiftenden, gemeinschaftsfördernden „Zehn Geboten“ und zur Gottes- und Nächstenliebe - aus einem Jesus-Gleichnis.

Die Frage „Wer ist dein Nächster?“ sei heute mehr als notwendig, in vielen sozialen Berufen eine Herausforderung, eine Gratwanderung zwischen Gesundheit und Gefährdung sowie fast ein „Glücksspiel“- konstatieren die Neuntklässler.

„Glück gehabt!“ hatten bisher alle Schüler wie Lehrer: beispielsweise beim Schnelltest, bei Besuchen in Einkaufsmärkten oder auf Spaziergängen auf öffentlichen Plätzen und in Parks.
Corona sei anonym und inkognito, betont eine vierzehnjährige Schülerin. Sie sei wohl an der einen oder anderen Ansteckung „vorbeigeschrammt“. Aber Bekannte von ihr wurden leider infiziert, zur wochenlangen Quarantäne gezwungen gewesen oder waren längere Zeit im Krankenhaus. Nur per Smartphone konnten manche Kontakte aufrecht erhalten werden.

Die Klassenkameraden nicken und zählen weitere Beispiele aus ihrem Umfeld aus. Erwachsene, Senioren, selbst Jugendliche habe es im Nahbereich - im Wohn- und Schulort „erwischt“.

Nun schließt sich ein schriftliches Brainstorming und Mindmapping zum Thema „Glück“ an.

Binnen weniger Minuten sprudeln die Schüler-Ideen als Stoffsammlung zunächst auf einen Stichwortzettel und anschließend auf ein DIN-A-2-Plakat.

Mit großem Eifer sind alle bei der Sache. Marker-und Edding-Stifte, Kleber, Scheren und farbiges Papier dienen als Werkzeuge und Material der vorbereitenden plakativen Veranschaulichung.

Das Ergebnis lässt sich so zusammenfassen:

„Gegenwärtiges Glück bedeutet für mich - trotz Corona - Freundschaften aufrecht zu erhalten, gesund zu bleiben, eine gute Beziehung zu meinen Eltern und Geschwistern zu haben, persönliche Ziele zu erreichen, zum Beispiel gute Noten, ein erfolgreicher Schulabschluss oder den richtigen Beruf für mich zu finden“.

Selbst ein Corona-Schnelltest-Set mit negativem Befund wird aufgeklebt. In Sprechblasen wird das Resultat freudig wieder gegeben.

„Das war ja heute mit euch eine Traumstunde!“ fasst der zufrieden wirkende Lehrer das Stundenergebnis zusammen.

Abschließend fragt er: „Welches der zehn biblischen Gebote spricht euch in der jetzigen Pandemie-Problematik wohl am meisten an!“

Es dauert nicht lange und nahezu alle sind schnell der gleichen Meinung: Favorit der Neuntklässler ist das vierte Gebot: „Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren!“

Das klingt verständlich und ist zugleich erstaunlich. Der familiäre Zusammenhalt in Zeiten von Corona sei vertieft worden - so begründen die Abschluss-Schüler ihr Voting. Man erfahre derzeit viel Verständnis und Rücksicht von Elternseite - betonen die Teenager.

Rückzugsmöglichkeiten ins eigene Zimmer seien immer wieder gegeben, wenn es im gemeinsamen Wohnzimmer zu eng würde.

Auch Homeschooling sowie Online-Austausch mit Schule und Lehrer klappen seit Wochen „wie am Schnürchen - fast, abgesehen von wenigen technischen Problemen“.

Dennoch vermissen viele Jugendliche direkte und längere Kontakte zu Gleichaltrigen, Mitschülern und Freunden in der Schule und in der Freizeit.

Traurig stimmt den meisten Schülerinnen und Schülern, dass Musik, Sport, das Schulleben insgesamt, der gemeinsame Tanzkurs, die einwöchige Abschlussfahrt nach Berlin oder ins Ausland Corona-bedingt 2020 /21 leider nicht stattfinden können.

„Das wären sicherlich tolle Gemeinschaftserlebnisse gewesen!“ - bedauert eine Neuntklässlerin. Die Foto-Seiten auf dem Handy, die schulische Homepage oder im Familienalbum bleiben hierfür leer. Es sind versäumte Lektionen in Zeiten von Corona.

„Dennoch gibt es viele kleine Glücksmomente beim Wechselunterricht im eingeschränkten Schulalltag“ - betont eine Lehrerin aus einer Mittelschule im Landkreis Miltenberg.

Hierzu gehören der zwei-bis dreimal pro Woche durchgeführte Schnell-Test mit seinem negativen Ergebnis, das Wiedersehen mit Klassenkameraden im Small-Talk während der Pausen, das Lob und die Aufmunterung der Lehrkräfte sowie die erfreulichen Resultate bei Proben und Referaten.

Nicht zu vergessen sind der Aufenthalt und die Bewegung an der frischen Luft auf dem Hin- und Heimweg ohne Maske und der freie Internet-Zugang per Smartphone außerhalb des Schulgeländes.

Erfreuliches dürfte sich für die Kinder und Jugendlichen dennoch in den nächsten Wochen und Monaten anbahnen:

Lockerungen im Stundenplan (weg vom Homeschooling und Wechselunterricht hin zur Präsenz in den Bildungsstätten),

erweiterter Sport- und Schulunterricht im Freien,

erste Impftermine für die Kids,

freiwillige Fördermöglichkeiten in den Sommerferien,

Kreativ- und Freizeitkurse auch in der unterrichtsfreien Zeit

Voraussetzung dafür ist und bleibt dafür eine sinkende Infektionszahl bei uns im Landkreis Miltenberg und woanders in Deutschland.

Roland Schönmüller

Kurze Statements:

„Hoffentlich ist Corona bald vorbei. Ich freue mich auf meine Schulfreunde und auf die geöffneten Freibäder im Sommer!“ ( Kevin, 12 Jahre alt).

„Während der Corona-Zeit habe ich so richtig deutlich erfahren, was echte Freundschaft ist und wer in dieser schlimmen Zeit zu mir hält!“
(Linda, 14 Jahre alt)

„Mit meinen Eltern gibt es zur Zeit keine Probleme. Sie zeigen viel Verständnis für mich in vielen Dingen und können sich gut einfühlen, wie es mir geht!“ ( Merlin, 16 Jahre alt).

„Die Zeit zum Lernen auf Abschlussprüfungen habe ich zuhause bisher gut nutzen können. Bei Unklarheiten helfen mir Lösungsvorschläge in Büchern oder der Lehrer online weiter!“ (Susanne, 15 Jahre)

„Auf Mannschaftssport muss ich in der Corona-Krise leider verzichten. Dennoch versuche ich fit zu bleiben und fahre jetzt mehr Rad oder jogge.“ (Michael, 17 Jahre).

„Ich habe jetzt schon mindestens sieben Corona-Schnelltests in der Schule hinter mir! Alle waren zum Glück negativ wie bei meinen Mitschülern! An der notwendigen Durchführung stört mich weniger der Zeitaufwand oder der Material-Verschleiß, schon eher der Moment, wo sich bei jemandem eventuell ein positives Ergebnis abzeichnen könnte. Das wäre für mich eine peinliche Diskriminierung vor allen Akteuren!“ (Eileen, 14 Jahre alt).

„Manchmal habe ich zur Zeit Einschlafstörungen. Ich liege dann im Bett und bekomme Panik und Angst. Was ist der Grund? Die Abschlussprüfungen im Juni stehen bevor und ich habe das Gefühl, dass ich die nicht packe, weil ich mich zu wenig vorbereiten und austauschen kann!“ ( Kathrin, 15 Jahre).

„Ich habe den Eindruck, dass die Schülerinnen und Schüler derzeit noch viel freundlicher und höflicher sind als sonst. Gerne suchen sie auch in den Pausen das persönliche Gespräch - nicht nur zu schulischen Themen. Sie fragen mich, wie es mir geht, was ich nach Corona alles machen möchte und welches Urlaubsland ich dann favorisiere“ (Vertrauenslehrer an einer Mittelschule).

„Der übertriebene Handy-Einsatz und Spiele-Konsum vieler Kinder und Jugendlicher geht jetzt in der Covid -19 - Phase nicht spurlos an den Kids vorüber. Manche kommen müde zum Wechselunterricht oder lassen sich von den Eltern krank melden. Vor allem in den letzten Schulstunden machen manche Schüler schlapp, sind unkonzentriert oder neigen zu störenden Verhaltensauffälligkeiten. Da sind Ursachenforschung, persönliches Gespräch, Elterngespräch und Unterrichtsalternativen wie Sport im Freien, der Aufenthalt an der frischen Luft oder kreative Angebote ein wirkungsvoller Lösungsansatz.
( Mittelschullehrerin).

Text und Fotos: Roland Schönmüller

Info I: Corona lässt Glückslevel sinken

Aufgrund der Corona-Pandemie befindet sich die Welt seit 2020 im Ausnahmezustand. Lockdowns und Verbote reihen sich aneinander. Hinzu kommen Sorgen um die eigene Gesundheit, die Familie, die Ausbildung und den Arbeitsplatz. Der psychische Druck wächst. Bei bei vielen liegen die Nerven blank.

Die Corona-Abstandsregeln sorgen dafür, dass die meisten Menschen - vor allem Alleinlebende - weniger des Kuschelhormons Oxytocin produzieren. Wohl allen Menschen fehlt die Gemeinschaft. Das Glückslevel ist gesunken, bestätigt Hilke Brockmann, Soziologie-Professorin an der Jacobs University Bremen, und warnt: "Ein permanenter Angstzustand ist schädlich."

Info II: Was ist Glück?

Der Duden definiert Glück als eine "angenehme und freudige Gemütsverfassung, in der man sich befindet, wenn man in den Besitz oder Genuss von etwas kommt, was man sich gewünscht hat". Es sei ein "Zustand der inneren Befriedigung und Hochstimmung". Glücksforscher sprechen von einem subjektiven Wohlbefinden, das für jeden aber etwas anderes bedeuten kann.

Ratschläge zum Glücklichsein

Man kann sich fragen: Was tut mir gut? Was brauche ich zum eigenen Wohlbefinden?
Man kann das Glück auch in kleinen Augenblicken suchen: z.B. bei einer zweiminütigen Kaffee-oder Teepause
Hilfreich sind auch Meditation und Achtsamkeit-Übungen - beispielsweise Kleinigkeiten im Alltag ganz bewusst ausführen
Empfohlen werden Yoga, Bewegung und (Outdoor)-Individual-Sport
Kochen und Essen
Lesen von Lieblings-Literatur
Kreativ tätig sein: Zeichnen, Malen, Modellieren, Stricken, Schnitzen
Freunde und Bekannte anrufen oder jemandem schreiben
Nach einem stressigen Tag Spazierengehen unter Wahrung der
Pandemie-Regeln
Beim Spazierengehen neue Wege einschlagen oder Wanderrouten wählen, die mit positiven Gefühlen besetzt sind
Sorgen nicht verleugnen und Probleme nicht anhäufen, sondern Stück für Stück angehen und sich auch helfen lassen

Roland Schönmüller

Autor:

Roland Schönmüller aus Miltenberg

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