Bildergalerie und Essay.
Der goldene Oktober als großes Finale.
- Der Oktober ist der charmanteste Melancholiker unter den Monaten. Er mogelt zwar dreist bei seiner Nummerierung und stiehlt uns am Abend das Tageslicht, aber er entschädigt uns fürstlich mit einem beispiellosen Farbrausch in Gold, flüssigem Traubensaft und einer Extra-Stunde Schlaf. Er ist der perfekte, harmonische Übergang: ein Monat, der die Speicher füllt, das Leben feiert und uns mit Augenzwinkern darauf vorbereitet, dass die Tage kürzer werden – und die Couch der einzig wahre Ort für das nächste große Abenteuer ist.
- hochgeladen von Roland Schönmüller
Farben, Feste, Feierlaune.
Es ist ein alljährliches kosmisches Missverständnis mit Ansage: Da prangt ein stolzes „octo“ im Namen, das uns lateinisch eine Acht vorgaukeln will, und doch schiebt sich dieser Monat mit der spitzbübischen Eleganz eines Vordränglers an der Supermarktkasse an die zehnte Stelle unseres Kalenders.
Schuld daran ist Julius Cäsar, der das römische Jahres-Opening kurzerhand vom März in den Januar verlegte und uns damit ein dauerhaftes mathematisches Dilemma einbrockte. Doch das verzeiht man diesem charmanten Mogelpaket gern.
Rein atmosphärisch liefert er nämlich genau das, was das hitzegeschädigte Sommerherz braucht: den großen, goldenen Abgesang mit einer Überdosis Gemütlichkeit.
Karl der Große, sprachlich deutlich pragmatischer veranlagt als die alten Römer, taufte ihn im 8. Jahrhundert schlicht „Weinmonat“. Wo er recht hatte, hatte er recht – die Traube muss schließlich vom Weinstock eiligst in flüssiger Form ins Glas eskortiert werden.
Ein anderer, herrlich altmodischer Name lautet „Gilbhart“. Das klingt zwar ein wenig nach einer verstaubten Sagengestalt oder einem schlecht gelaunten Zwerg, beschreibt aber perfekt das meteorologische Drama vor dem Fenster: Das Laub vergilbt im Eiltempo, während der Wind spürbar härter und griesgrämiger an den Jackenknöpfen rüttelt.
Es ist die Zeit der großen Generalabrechnung mit der Natur, allerdings im absolut harmonischen Sinne. Beim Erntedankfest verneigt sich die Menschheit vor der Schöpfung – die Kirchen quellen über vor XL-Kürbissen, Getreideähren und Äpfeln, als wolle man dem nahenden Winter trotzig zurufen: „Schau her, unsere Vorratskammer ist voll, du hast keine Chance!“
In den Alpen wird diese kollektive Erleichterung noch eine Spur lauter zelebriert. Wenn das Vieh den Sommer auf den Bergweiden unbeschadet überstanden hat, wird es beim Almabtrieb derart opulent „aufgekranzt“, dass die Kühe mit ihren floralen Riesen-Kopfputzen und wuchtigen Glocken jeder exzentrischen Modenschau in Paris Konkurrenz machen.
Parallel dazu zwingt uns das finale Finale des Münchner Oktoberfests sanft, aber bestimmt, die schweren Bierkrüge endlich gegen wärmende Teetassen zu tauschen. Die Leber atmet auf.
Ohnehin ist der Oktober ein echter Meister der Schizophrenie und der maximalen Kontraste. Er beginnt staatstragend und hochoffiziell mit dem Tag der Deutschen Einheit, schlägt die Brücke über die tiefsinnige protestantische Besinnung des Reformationstages und endet im kollektiven Grusel- und Zuckerschock von Halloween.
Plötzlich harmonieren kunstvoll geschnitzte Kürbisfratzen ganz wunderbar mit herbstlicher Romantik und der Lust am Erschrecken. Mittendrin mahnt uns der Welttierschutztag, ein Herz für Vierbeiner zu haben – ein schöner Gedanke, der am Monatsende vielleicht auch für jene kleinen, als Gespenster verkleideten Nachbarskinder gelten sollte, die an den Haustüren energisch nach Süßem verlangen.
Und dann ist da noch dieser eine, absolut magische Sonntag am Monatsende, an dem die Menschheit kollektiv die Zeit anhält. Genauer gesagt: Wir tricksen das Universum aus und drehen die Uhren zurück. Wenn die Zeiger von drei auf zwei Uhr nachts springen, bekommen wir sechzig Minuten Lebenszeit einfach so geschenkt. Eine ganze Stunde Luxus, die man wahlweise mit tiefem, seligem Schlaf oder dem melancholischen Blick aus dem Fenster verbringen kann, während draußen der „Altweibersommer“ seine letzten silbernen Fäden zieht.
Fazit:
Der Oktober ist der charmanteste Melancholiker unter den Monaten. Er mogelt zwar dreist bei seiner Nummerierung und stiehlt uns am Abend das Tageslicht, aber er entschädigt uns fürstlich mit einem beispiellosen Farbrausch in Gold, flüssigem Traubensaft und einer Extra-Stunde Schlaf. Er ist der perfekte, harmonische Übergang: ein Monat, der die Speicher füllt, das Leben feiert und uns mit Augenzwinkern darauf vorbereitet, dass die Tage kürzer werden – und die Couch der einzig wahre Ort für das nächste große Abenteuer ist.
Roland Schönmüller
Autor:Roland Schönmüller aus Miltenberg |
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