Bildergalerie und Essay.
Ein Klang,der bleibt.
- Punzmanns Entscheidung, Miltenberg zu seiner musikalischen Heimat zu machen, erwies sich als Glücksfall: Seine Konzerte, sein Unterricht, seine Präsenz im kulturellen Leben schufen über Jahrzehnte eine Atmosphäre, in der Musik selbstverständlich dazugehört.
- hochgeladen von Roland Schönmüller
Nachruf.
Für die Stadt Miltenberg war Carl Werner Punzmann eine prägende kulturelle Gestalt. Als Kulturpreisträger der Stadt und über vier Jahrzehnte hinweg ihr bedeutendster Pianist formte er das musikalische Selbstverständnis Miltenbergs nachhaltig.
Seine Konzerte – oft im Bürgersaal des Alten Rathauses, wo man ihn am Flügel sitzen sah, den Blick nicht auf die Tasten, sondern in eine innere Welt gerichtet – gehörten zu jenen Abenden, an denen die Stadt spürte, dass Musik ein Gemeingut sein kann.
Punzmann, der seit jungen Jahren blind war, spielte nicht aus dem Gedächtnis, sondern aus einer Tiefe, die man nicht lernen kann. Miltenberg verdankt ihm jene seltenen Momente, in denen ein Raum still wird, weil ein Künstler ihn mit reiner Hörkraft erfüllt.
Im Spätsommer 2026 ist Carl Werner Punzmann verstorben. Die Urnenbestattung erfolgte in stiller Zurückgezogenheit auf dem Miltenberger Hauptfriedhof, ein Abschied ohne Öffentlichkeit, wie er ihm entsprochen hätte.
Am 10. September öffnete sich die Stadtpfarrkirche St. Jakobus für das Requiem, das Pfarrer Albrecht Kleinhenz leitete und den Blick auf ein Leben lenkte, das sich ganz der Musik verschrieben hatte.
Altbürgermeister Joachim Bieber erinnerte an den Weg des in Vohenstrauß geborenen Pianisten, der seine Ausbildung an den Musikhochschulen in München und Frankfurt mit dem Konzertexamen vollendete.
Punzmanns Entscheidung, Miltenberg zu seiner musikalischen Heimat zu machen, erwies sich als Glücksfall: Seine Konzerte, sein Unterricht, seine Präsenz im kulturellen Leben schufen über Jahrzehnte eine Atmosphäre, in der Musik selbstverständlich dazugehört.
Während Alexander Huhn, Kantor und Organist, einst Schüler des Verstorbenen, die Orgel spielte, schien sich im Kirchenschiff etwas von jener Stimmung zu verdichten, die viele aus den Unterrichtsräumen kannten.
Dort, wo Punzmann nie laut sprach und doch alles hörbar machte. Wo ein stockender Takt nicht als Fehler galt, sondern als Einladung, es noch einmal zu versuchen.
Wo ein einzelner Ton zur Verantwortung wurde, weil er den Raum veränderte, in dem er erklang.
Und wo man als junger Mensch begriff, dass ein blinder Lehrer nicht weniger sah – sondern anders: genauer, konzentrierter, mit einem Ohr, das jede Nuance wahrnahm.
Diese leisen Stimmen tragen sich durch den Abschied: die Erinnerung an einen Lehrer, der nicht drängte, sondern führte; der nicht belehrte, sondern öffnete; der nicht den Applaus suchte, sondern den Moment, in dem Musik zu etwas Gemeinsamen wurde.
Sie sind Teil jenes Vermächtnisses, das Miltenberg bis heute prägt – in den Konzerten, die er gab, in den Schülern, die er formte, und in dem kulturellen Selbstbewusstsein einer Stadt, die ihm viel verdankt.
So vereinte der Abschied private Stille und öffentliche Anerkennung. Punzmanns Wirken bleibt im kulturellen Gedächtnis der Stadt Miltenberg und in den leisen Stimmen jener, die bei ihm gelernt haben, was Musik sein kann.
Miltenberg nahm also Abschied von einem Mann, dessen Leben im besten Sinn nachklang. Beim Requiem für Carl Werner Punzmann erinnerte Altbürgermeister Joachim Bieber an einen Künstler, Pädagogen und Mäzen, der die Stadt über Jahrzehnte hinweg musikalisch geprägt hat. Was als Trauerrede begann, wurde zur stillen Kulturgeschichte einer Stadt, die einem ihrer bedeutenden Bürger Dank sagte.
Der gebürtige Oberpfälzer war 1961 nach Miltenberg gekommen und blieb. Aus dem Ankommen wurde Zugehörigkeit, aus dem Unterricht eine öffentliche Aufgabe. Wo es keine Musikschule gab, füllte Punzmann eine Lücke — mit Geduld, Anspruch und jener unaufdringlichen Autorität, die aus Können erwächst.
Rund 400 Schülerinnen und Schüler führte er am Klavier an die Musik heran; einige von ihnen erreichten ein beachtliches Niveau. Dass einer seiner ehemaligen Schüler beim Requiem an der Orgel zu hören war, gab dem Abschied eine besondere, fast kreisförmige Form.
Punzmann war jedoch mehr als ein Lehrer. Er war ein Kulturstifter.
Mit Benefizkonzerten unterstützte er die Wiederherstellung des Alten Rathauses; seine Vorspielabende in der Adventszeit machten den historischen Raum zu einem Ort lebendiger Musik. Selbst der Flügel im Alten Rathaus, auf dem viele dieser Abende ihren Glanz erhielten, steht sinnbildlich für sein Wirken: Kultur nicht als Dekoration, sondern als bürgerschaftliche Tat.
Auch über Miltenberg hinaus verfügte Punzmann über ein dichtes musikalisches Netzwerk.
Namhafte Künstlerinnen und Künstler kamen auf seine Einladung in die Stadt, darunter Ensembles und Solisten von Rang.
So öffnete sich im Alten Rathaus eine Bühne, auf der Miltenberg für Augenblicke in die große Musiklandschaft hineinragte. Der Pianist selbst stand dabei nicht im grellen Licht; er ließ die Musik sprechen. In der Rede klang dafür das Bild Alfred Brendels an: Das Klavier als singendes Instrument. Punzmann verstand diese Sprache. Sein Spiel, so die Erinnerung, hatte Seele, Wärme und Innigkeit.
Die Stadt hatte dieses Lebenswerk bereits zu seinen Lebzeiten gewürdigt: Zum 70. Geburtstag erhielt Punzmann den selten vergebenen Kulturpreis der Stadt Miltenberg.
Diese Auszeichnung beschrieb nicht nur künstlerische Exzellenz, sondern auch die besondere Verbindung zwischen einem Musiker und seiner Wahlheimat. Dass Punzmann trotz seiner Sehbehinderung auf höchstem pianistischem Niveau wirkte, verlieh seiner Leistung eine zusätzliche Dimension — nicht als pathetische Überhöhung, sondern als Ausdruck außergewöhnlicher Konzentration, Gedächtniskraft und innerer Hörfähigkeit.
Doch der Nachruf blieb nicht bei Ehrungen und Verdiensten stehen.
Altbürgermeister Joachim Bieber zeigte auch den Menschen Werner Punzmann: bodenständig, herzlich, genussfähig, verbunden mit der Oberpfalz und offen für freundschaftliche Begegnungen.
Die Anekdote vom mitgebrachten Fass Zoigl-Bier ließ für einen Moment Wärme und Nähe in die Trauer treten. Gerade darin lag die Stärke der Rede: Sie machte sichtbar, dass kulturelle Größe und menschliche Einfachheit bei Punzmann kein Gegensatz waren.
Am Ende stand ein Bild, das über den Tag hinausweist: das himmlische Orchester, in dem der Verstorbene nun weiter spiele. Sein Leben voller Töne sei - so Bieber - verstummt, doch sein Nachklang bleibe in Miltenberg hörbar — in den Erinnerungen seiner Schülerinnen und Schüler, in den Konzerten, die er ermöglichte, und im kulturellen Selbstbewusstsein einer Stadt, der er Harmonie schenkte.
Roland Schönmüller
Autor:Roland Schönmüller aus Miltenberg |
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