Bildergalerie und Essay.
Herbstgedichte: Wenn die Natur die Garderobe wechselt.
- Kurze Rast.
- hochgeladen von Roland Schönmüller
Ein heiteres Essay über Farben, Ernten, Laternen und andere herbstliche Angelegenheiten.
Was sind eigentlich Herbstgedichte?
Im Lesebuch der Volksschule hatten die Jahreszeiten ihren festen Platz – schön hintereinander, in zeitlicher Reihenfolge: Frühling, Sommer, Herbst und Winter.
Die Gedichte zeigten uns Schülerinnen und Schülern, wie sinn- und stimmungsvoll, aber auch wie kontrastreich poetische Zeilen sein können, wenn sie Natur und Mensch in Farben, Bildern und Klängen beschreiben.
Mir persönlich gefiel der Herbst aus ästhetischen und sinnlichen Gründen am besten. Der Frühling war mir zu aufgeregt, der Sommer zu hitzig und der Winter zu sehr damit beschäftigt, uns an kalte Füße zu erinnern.
Herbstgedichte handeln vor allem vom Wandel.
Die Blätter werden bunt, die Tage kürzer, und die Natur scheint ihr Gewand zu wechseln, als stünde sie vor einem übergroßen Kleiderschrank und könnte sich zwischen Ocker, Rostrot, Goldgelb und Braun einfach nicht entscheiden. In den Gedichten raschelt, weht und tropft es; der Wind fährt durch die Bäume, die Wolken ziehen über den Himmel, und irgendwo verabschiedet sich ein Zug Vögel in Richtung Süden. Man möchte ihnen fast zurufen: „Nehmt ihr wenigstens einen Pullover mit!“
Als Dorfkind erlebte ich den Herbst nicht nur in Gedichtzeilen, sondern mitten im Natur-, Dorf- und Pfarrleben. Es war die Zeit der Apfelbaumernte, der Schlehen und Rüben, der Kartoffelernte und des Kürbisschnitzens. Die Hände waren beschäftigt, die Schuhe erdig und die Küche roch nach Dingen, die entweder eingekocht, eingelagert oder sofort aufgegessen werden mussten.
Herbst war keine stille Jahreszeit, sondern ein großes gemeinschaftliches Unternehmen mit Körben, Karren und gelegentlich einem Apfel, der genau dann davonrollte, wenn man ihn dringend gebraucht hätte.
Auch die Bräuche gehören zu den Motiven der Herbstgedichte: Allerheiligen und Allerseelen, Gräberpflege und Friedhofsgang, Martinslaternen und Drachensteigen. Der Herbst verbindet Heiteres mit Besinnlichem. Während man am Nachmittag einen Drachen aus dem Acker fischen muss, denkt man am Abend bei Kerzenschein vielleicht über Vergänglichkeit nach – oder darüber, warum der Drachen grundsätzlich im einzigen Baum der Umgebung hängen bleibt.
Die Natur erscheint im Herbst oft wie eine Bühne, auf der Masken aufgesetzt und wieder abgenommen werden. Die Bäume zeigen sich zunächst prächtig geschmückt und stehen wenig später beinahe unbekleidet im Wind. Dieses Maskenspiel kann geheimnisvoll, romantisch oder sogar ein wenig gruselig wirken.
Wenn Nebel über die Felder zieht, knarrt schon einmal ein Gartentor verdächtig, und jede Runkelrübe sieht aus, als plane sie einen nächtlichen Auftritt als Gespenst.
Herbstgedichte behandeln außerdem das Bedürfnis nach Rückzug und Geborgenheit. Das moderne Wort dafür lautet „Cocooning“ – früher sagte man vermutlich einfach: Heizung an, Decke her, Tür zu. Dazu passen Kerzenschein, ein spannendes Buch und vielleicht eine Geschichte, in der es romantisch, geheimnisvoll und stellenweise angenehm gruselig zugeht. Draußen darf der Wind heulen; drinnen raschelt nur das Papier der Schokolade.
Natürlich kann der Herbst auch an das Alter und an Vergänglichkeit erinnern. Die welken Blätter, die abziehenden Vögel und das schwindende Licht laden zu nachdenklichen Bildern ein. Doch Herbstgedichte müssen deshalb keineswegs schwermütig sein.
Der Herbst ist schließlich keine endgültige Abschiedsparty, sondern eher ein farbenfrohes Übergangsfest mit Erntebuffet. Wer zwischen Kartoffeln, Laternen, Kürbissen und fallenden Blättern keinen Grund zur Freude findet, hat vermutlich noch nie eine frisch geerntete Möhre gegessen.
So ist mir der Herbst bis heute lieb: wegen seiner Farben, seiner Gerüche und seiner kleinen Geheimnisse.
Er zeigt, dass Veränderung nicht immer traurig sein muss. Manchmal trägt sie ein buntes Gewand, lässt Drachen steigen, stellt eine Laterne ins Fenster und lädt uns ein, es uns mit einem guten Buch gemütlich zu machen. Und wenn draußen die Blätter wirbeln, kann man immer noch behaupten, die Natur habe gerade ihren Teppich ausgeschüttelt.
Roland Schönmüller (Text und Fotos)
Autor:Roland Schönmüller aus Miltenberg |
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