Essay und Bildergalerie.
Im Friedhof Mitte Oktober.
- Herbst im Miltenberger Hauptfriedhof
- hochgeladen von Roland Schönmüller
Mitte Oktober liegt ein schwerer, süßer Duft von feuchter Erde und vergehendem Laub über dem Friedhof.
Es ist die Zeit, in der das Jahr die Augen schließt und die Natur ihre Utensilien freilegt. In diesen Tagen, genau zwei Wochen vor Allerheiligen, verwandelt sich der Gottesacker:
Aus einem Ort der einsamen Melancholie wird eine Bühne des gemeinsamen Erinnerns. Die Stille hier ist nicht leer – sie ist dicht, voller Geschichten und getragen von einer tröstlichen Betriebsamkeit.
Reportage: Das Leuchten vor dem Frost
Der Wind im Oktober ist ein unruhiger Geist. Er fegt die letzten, goldenen Blätter von den alten Kastanien und lässt sie mit einem leisen Rascheln auf den Kieswegen tanzen.
Wer jetzt den Friedhof betritt, merkt, wie das eigene Atmen tiefer wird. Die Schritte verlangsamen sich, passen sich dem Rhythmus dieses Ortes an.
Es ist die Erfahrung einer bergenden Stille. Sie drückt nicht, sie umarmt. Sie fängt die Trauer auf und wandelt sie in sanfte Wehmut.
Mitte Oktober verändert sich das Bild der Gräber fast stündlich.
Überhall hört man das rhythmische Kratzen von Harken, das dumpfe Klopfen von Erde. Wildfremde Menschen arbeiten nebeneinander in stummer Gemeinschaft. Eine ältere Frau rückt behutsam eine Schale zurecht, ein junger Mann gräbt mit bloßen Händen die verblühten Reste des Sommers aus. Es ist eine Reportage des Abschieds, aber auch des Neubeginns. Man macht es den Toten gemütlich, bevor der große Frost kommt. Das Gedenken wird hier zur Handarbeit – und genau darin liegt ein unendlicher Trost.
Inmitten dieser herbstlichen Melancholie leuchten die Symbole des Lebens auf. Es ist kein Zufall, was jetzt gepflanzt wird; es ist eine stumme Sprache zwischen den Welten. Die tiefviolette Knospenheide trotzt der Kälte und flüstert von einer Liebe, die den Winter überdauert.
Der dunkelgrüne Efeu rankt sich wie ein unendliches Band um den kalten Stein – das uralte Zeichen für Treue und die Unsterblichkeit der Seele. Dazwischen leuchten weiße Chrysanthemen, die traditionellen Blumen des Abschieds, und das silbrig schimmernde Silberkörbchen, das wie eingefangenes Mondlicht den Weg durch die dunkle Jahreszeit weist.
Wenn der Nachmittag vergeht und der Nebel aus den Wiesen steigt, ist die Arbeit getan. Die Beete sind gesäubert, das welke Laub ist fortgetragen. Nun wird eine frische Schicht nahrhafter Erde glattgestrichen. Wer sein Grab jetzt schützt, deckt es kunstvoll mit den bläulichen Zweigen der Nobilistanne ab – ein schützendes Kleid gegen die Wintersonne und den Frost.
Ein letzter, sparsamer Schluck Wasser aus der Kanne für die frischen Wurzeln, dann bleibt nur noch das Innehalten. Mitte Oktober brennen die Lichter noch vereinzelt, wie Vorboten.
Doch in der aufkommenden Dämmerung spürt man: Diese Stille ist voller Hoffnung. Das Band zu jenen, die vorausgegangen sind, reißt nicht ab.
Autor:Roland Schönmüller aus Miltenberg |
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