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Mit zwei Hammerschlägen in die fünfte Jahreszeit: Miltenberg probiert sein Messebier.
- Immer für eine Überraschung gut: Miltenbergs Messebier-Probe-Anstich mit Festwirtin Sina Widmann. Foto Roland Schönmüller
- hochgeladen von Roland Schönmüller
Miltenberg. Nach zwei Hammerschlägen in weiblicher Handschrift war die Sache entschieden: Die neue Messebier-Testrunde ist eingeläutet, die Krüge dürfen klingen, und die Michaelismesse kann kommen. Was andernorts als nüchterner Termin im Kalender firmieren würde, ist in Miltenberg eine Art flüssige Generalprobe für zehn Tage Ausnahmezustand mit Tradition, Blasmusik, Festzeltduft und kollektivem Fachurteil.
Am Dienstag, 25. August 2026, ab 18 Uhr traf sich im historischen Gasthaus „Zum Riesen“ eine besondere Runde aus örtlicher Prominenz, Vertreterinnen und Vertretern von Vereinen, Institutionen, Stadtverwaltung, Festausschuss und M City zur traditionellen Messebierprobe. Am Ende herrschte jene seltene Einigkeit, die man nicht verordnen kann, die sich aber zuverlässig einstellt, wenn ein Festbier hält, was sein Schaum verspricht: Das neue Faust-Michelsmess’-Festbier mundete vorzüglich.
Und das ist, betrachtet man die Großwetterlage des deutschen Bieres, beinahe schon eine kulturpolitische Nachricht. Während vielerorts über sinkenden Bierabsatz, ausgedünnte Stammtische, Wirtshaussterben und wirtschaftlichen Druck auf Brauereien geklagt wird, wird in Miltenberg nicht lamentiert, sondern angezapft. Der Bierabsatz in Deutschland sank 2025 nach Angaben des Statistischen Bundesamtes auf rund 7,8 Milliarden Liter und damit erstmals unter die Marke von acht Milliarden Litern; zugleich legten alkoholfreie Biere laut Deutschem Brauer-Bund im Handel weiter zu und überschritten beim Umsatz erstmals die Zehn-Prozent-Marke.
Man könnte also sagen: Das Bier ist in Deutschland nicht verschwunden, es hat nur seine Lebensgewohnheiten geändert. Es geht öfter alkoholfrei joggen, achtet auf die Kalorien, bestellt ein Helles mit Haltung und lässt doch, sobald die Musik spielt und die Messe ruft, seinen alten goldenen Kern aufblitzen. Gerade deshalb hatte dieser Abend eine angenehm trotzige Note. Nichtsdestotrotz, möchte man rufen – oder, in fränkischer Gelassenheit: Jetzt erst recht.
Ein Anstich mit Überraschungseffekt
Im Mittelpunkt standen Braumeister Stefan Falk, Brauereichef Johannes Faust, Bürgermeister Bernd Kahlert sowie Festwirt Franz Widmann. Erwartungsgemäß hätten viele darauf gewettet, dass entweder das Stadtoberhaupt, der Brauereichef oder der Festwirt den entscheidenden Schlag führen würde. Doch Miltenberg, reich an Geschichte und immer gut für eine kleine Pointe, schrieb an diesem Abend ein neues Kapitel: Überraschend und erstmals griff Festwirtin Sina Widmann zum Hammer.
Und siehe da: Nach nur zwei Hammerschlägen floss der Gerstensaft in die Krüge. Kein Zögern, kein Spritzen von historischer Dimension, kein dramatisches Nachfassen – stattdessen Applaus, Erleichterung und die stille Erkenntnis, dass in Miltenberg nun auch der Bieranstich weibliche Handschrift tragen kann. Holz, Messing, Fass und Zapfhahn fanden zusammen wie ein kleines Kammerensemble mit Schaumkrone.
Unter den Gästen machte sich rasch jene Stimmung breit, die man nur schwer protokollieren, aber leicht erkennen kann: zustimmendes Nicken, gefüllte Krüge und Sätze wie „des passt“ in verschiedenen Tonlagen. Danach folgte ein deftiges Essen – schließlich will ein Festbier nicht allein gelobt, sondern auch standesgemäß begleitet werden.
Goldgelber Vorbote der Michelsmess’
Die Miltenberger Michaelismesse, das große Volksfest am bayerischen Untermain, läuft 2026 vom 28. August bis 6. September und verbindet Festzeltbetrieb, Vergnügungspark, Marktgeschehen, Ausstellung und eine lange Geschichte. Bereits 1367 erhielt Miltenberg das Recht zu einem Jahrmarkt, später rückte der Bezug zum Erzengel Michael in den Mittelpunkt. Heute ist die Michelsmess’ das, was man mit einem Augenzwinkern die fünfte Jahreszeit nennt: ein Stück Heimat im Ausnahmezustand.
Messebier ist dabei mehr als ein Getränk. Es ist der goldgelbe Vorbote der Messe, ein eigens eingebrautes Festbier, das schon vor dem offiziellen Start prüfend über Zungen und Gaumen wandert – mit der Ernsthaftigkeit einer Stadtratssitzung und der Heiterkeit eines Stammtisches. Das diesjährige Faust-Michelsmess’-Festbier wird als leuchtend goldene Spezialität mit malzbetontem, vollmundigem Charakter beschrieben. Es bringt 5,9 Prozent Alkohol und 13,9 Prozent Stammwürze mit, duftet mit feinen Honignoten und empfiehlt sich bei sechs bis acht Grad im Glas.
Festbier-Fakten Angaben
Zutaten Wasser, Gerstenmalz, Hopfen
Alkoholgehalt 5,9 % Vol.
Stammwürze 13,9 %
Charakter goldgelb, malzbetont, vollmundig
Empfohlene Trinktemperatur 6 bis 8 °C
Ein Bier aus den eigenen Mauern der Stadt
Johannes Faust erinnerte daran, dass ein Festbier nicht einfach irgendein Bier ist, sondern ein Versprechen: auf Beständigkeit, auf Handwerk und auf das gute Gefühl, dass manche Dinge in einer schnellen Welt gerade deshalb modern bleiben, weil sie sich nicht verbiegen. Seit 1654 ist das Brauhaus Faust in Miltenberg verwurzelt; für die Michaelismesse wird das Festbier eigens gebraut – so nah am Festgeschehen, dass man fast sagen möchte: Es muss nur einmal über die Straße schauen, dann sieht es schon die Lichter der Michelsmess’.
„Bier aus den eigenen Mauern der Stadt“ – so lässt sich die besondere Verbundenheit zwischen Miltenberg, Messe und Brauhaus Faust beschreiben. Sie ist kein Marketingbild, sondern gelebte Nähe: kurze Wege, lange Erfahrung, persönliche Handschläge und ein Vertrauensverhältnis, das über Jahrzehnte gewachsen ist. Entsprechend herzlich fiel der Dank aus – an Messeausschuss und Messeleitung, an Bürgermeister Bernd Kahlert, an die Festwirtsfamilie Widmann und an alle, die mit verlässlicher Zusammenarbeit dafür sorgen, dass aus Organisation Atmosphäre wird.
Auch Stefan Falk und Faustbrauerei-Vertriebsleiter Thorsten Märker standen sinnbildlich für jene Mischung aus Fachverstand und Bodenhaftung, ohne die kein Festbier zur Festrede taugt. Falk, Erster Braumeister und Prokurist des Brauhauses Faust, setzt auf handwerkliche Braukunst, lange Auskochzeiten der Würze und die Qualitätsstandards von Slow Brewing. Dass Brauen dabei nicht nur Technik, sondern auch Poesie sein kann, zeigte an diesem Abend schon der alte Brauerspruch, der wie ein freundlicher Segen über den Krügen lag: „Gott gib Glück und Segen.“
Miltenberg ohne Michaelismesse? Kaum vorstellbar.
Was wäre Miltenberg ohne seine Michaelismesse? Man stelle sich den Main ohne Wasser vor, das Schwarzviertel ohne Geschichte oder ein Festzelt ohne den ersten erwartungsvollen Blick auf den Zapfhahn. Sicherlich wäre die Stadt noch schön, keine Frage. Aber sie wäre nicht ganz so lebendig, nicht ganz so liebenswert und bei weitem nicht so vielstimmig. Die Michaelismesse ist hier mehr als ein Volksfest: Sie ist Zusammenhalt im Sonntagsstaat, Identität mit Schaumschicht und jene berühmte fünfte Jahreszeit, in der selbst der Kalender für zehn Tage ein wenig nach Hopfen duftet.
Bürgermeister Bernd Kahlert brachte auf den Punkt, was viele Miltenbergerinnen und Miltenberger längst fühlen: Die Messe verkörpert Tradition, Vorfreude, Gemeinschaft, Heimat, Geselligkeit und Lebensfreude. Sie ist Begegnung unter freiem Himmel und im Festzelt, unter Lichterketten und Blasmusik, zwischen Bratenduft, Kinderlachen und dem ersten vorsichtigen Probeschluck. Nach der Engelberg-Wallfahrt der Verantwortlichen war die Messebierprobe nun der zweite Auftakt – gewissermaßen die weltliche Fortsetzung der Vorfreude, diesmal mit Fass und Zapfhahn.
Fazit: Zwei Schläge, ein Krug, viel Vorfreude
So wurde der Testabend zu mehr als einer Probe. Er war ein kleines Glaubensbekenntnis zur Michaelismesse, zur Stadt und zu einem Bier, das nicht von irgendwoher kommt, sondern aus Miltenberg selbst. Wenn am Freitag die Messe mit dem offiziellen Bieranstich durch Bürgermeister Bernd Kahlert startet, klingt darin bereits vieles mit: die Arbeit der Brauer, die Vorfreude der Festgäste, der Einsatz der Organisatoren und jene leise Gewissheit, dass Miltenberg ohne Michelsmess’ zwar Miltenberg bliebe – aber eben nur auf dem Papier.
Mit Sina Widmann, zwei Hammerschlägen und reichlich Vorfreude ist die neue Messebier-Runde elegant eingeläutet. Wenn dieser Abend ein Vorgeschmack war, dann stehen Miltenberg zehn festliche Messetage bevor – in einer Zeit, in der Bier vielleicht seltener getrunken, aber dort, wo es noch mit Anlass, Anstand und Augenzwinkern ausgeschenkt wird, umso genauer gewürdigt wird.
Roland Schönmüller
Autor:Roland Schönmüller aus Miltenberg |
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