Bildergalerie und Essay.
Gute Geste der Völkerverständigung.
- Photogestaltung Roland Schönmüller
- hochgeladen von Roland Schönmüller
Zwei Flaggen – zwei Nationen, ein Gedanke: Frieden. Die deutsche und die tschechische Fahne wehen Seite an Seite über der gemeinsamen Landschaft, verbunden durch die weiße Taube der Hoffnung. Ein Symbol für Verständigung, Respekt und das stille Versprechen, dass Geschichte zur Brücke werden kann.
Das erste Sudetendeutsche Treffen in Brünn war ein Ereignis, das sich leise, aber mit spürbarer historischer Schwere in die Stadt legte. Brünn hatte sich an diesem Wochenende geöffnet wie ein Raum, der lange verschlossen gewesen war.
Die Besucherinnen und Besucher aus Deutschland bewegten sich zwischen Altstadt und Spielberg, als tasteten sie nach einer Vergangenheit, die ihnen nicht mehr allein gehörte. Die Stadt wirkte zugleich modern und verletzlich, selbstbewusst und doch durchzogen von Erinnerungen, die sich nicht abschütteln ließen.
Der erste Sudetendeutsche Tag in Tschechien hatte am Pfingstwochenende eine landesweite Debatte ausgelöst. In Brünn prägten Volkslieder, Trachten und zahlreiche persönliche Begegnungen das Bild. Vertreter der Seliger‑Gemeinde beschrieben sich als Brückenbauer und verwiesen darauf, dass sie nie Rückforderungen gestellt hatten. Viele Besucherinnen und Besucher berichteten von einer überraschend offenen Atmosphäre. Einzelne Tschechinnen und Tschechen suchten das Gespräch, entschuldigten sich für Störer und zeigten Interesse an den Familiengeschichten der Vertriebenen und ihrer Nachkommen.
Gleichzeitig hatten sich Protestgruppen formiert, getragen von kleineren rechten und linken Parteien, die den Sudetendeutschen pauschal historische Schuld zuschrieben. Eine rechte Regierungspartei nutzte die aufgeheizte Stimmung und brachte im Parlament kurzfristig eine Resolution gegen das Treffen durch. Premier Andrej Babiš hatte diesen Schritt geduldet, während sich Senats- und Staatspräsident demonstrativ hinter das Versöhnungsfestival Meeting Brno stellten, das die Einladung an die Sudetendeutsche Landsmannschaft ausgesprochen hatte.
Die Organisatoren des Festivals erklärten, die Aufregung habe Begegnungen erst recht notwendig gemacht. Persönliche Gespräche hätten Ängste abgebaut und Vorurteile relativiert. Bayerns Ministerpräsident Markus Söder bezeichnete den Tag in Brünn als historischen Moment und als Signal der Verständigung über Europa hinaus. Der Vorsitzende der Sudetendeutschen Landsmannschaft, Bernd Posselt, hob hervor, dass Versöhnung Mut erfordere und angesichts wachsenden Nationalismus wichtiger denn je sei.
Der Sudetendeutsche Tag in Brünn hatte damit ein vielschichtiges Bild hinterlassen. Er war kulturelles Fest, politischer Streitpunkt und zugleich ein Ort, an dem sich Vergangenheit und Gegenwart in persönlichen Begegnungen neu berührt hatten.
Roland Schönmüller
Eigene Gestaltung, aktuelle Fotos und Archivaufnahmen.
Viele Gespräche begannen zögerlich, doch sie fanden ihren Ton.
Eine ältere Frau aus Franken sagte, sie habe nie geglaubt, diesen Ort noch einmal zu betreten, und nun stehe sie hier und spüre, wie sich etwas löse, das sie jahrzehntelang mit sich getragen habe.
Ein junger Mann aus Südböhmen erzählte, er sei gekommen, weil er verstehen wolle, was seine Großeltern nie aussprechen konnten.
Eine Studentin aus Prag meinte, sie habe das Gefühl, dass Geschichte nur dann heile, wenn man sie gemeinsam anschaue, auch wenn es weh tue.
Und ein älterer Besucher aus der Nähe von Miltenberg sagte, er sei überrascht, wie normal sich alles anfühle, obwohl nichts an diesem Tag wirklich normal sei.
Die Veranstalter hatten bewusst auf große Gesten verzichtet. Die Erinnerung sollte nicht in Pathos erstarren, sondern in Gesprächen lebendig werden. Die Stadt selbst wurde zur Bühne, auf der sich Vergangenheit und Gegenwart berührten. Die Menschen gingen durch Straßen, die Namen trugen, die für manche Last bedeuteten und für andere Herkunft. Es war ein stiller Austausch, der dennoch eine ungewohnte Intensität hatte.
Dass dieses Treffen möglich geworden war, galt vielen als Zeichen einer neuen Bereitschaft zur Verständigung. Die Nähe zum Ort des Brünner Todesmarsches verlieh dem Tag eine Schwere, die niemand ignorierte. Doch gerade diese Nähe machte deutlich, dass Versöhnung nicht aus der Distanz entstehen konnte. Sie musste dort beginnen, wo die Wunden lagen.
Ein älterer Tscheche sagte, er habe lange gezögert, aber nun sei er froh, dass man miteinander spreche, statt übereinander.
Eine junge Besucherin aus Bayern meinte, sie habe zum ersten Mal das Gefühl, dass Geschichte nicht nur Last, sondern auch Auftrag sei.
Am Ende des Tages blieb der Eindruck eines Treffens, das nicht laut gewesen war, aber weit reichte. Brünn hatte gezeigt, dass Erinnerung nicht im Archiv verstaubte, sondern im Austausch lebendig wurde.
Die Stimmen, die an diesem Wochenende erklangen, waren unterschiedlich, manchmal widersprüchlich, aber sie trugen denselben Wunsch: die Vergangenheit nicht zu vergessen und dennoch einen Weg in die Zukunft zu finden.
Vielleicht war genau das der eigentliche Wert dieses ersten Treffens auf tschechischem Boden. Es war ein Anfang, der nicht alles löste, aber vieles möglich machte.
Autor:Roland Schönmüller aus Miltenberg |
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