"Fair und regional – einfach genial!"

Regionale Milcherzeuger wie Hubertus und Brigitte Brenneis mit Sohn Heiko aus Breitenbuch fühlen sich von der Politik im Stich gelassen.
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Landkreis Miltenberg ist auf dem Weg, gerechte und faire Handelsstrukturen zu unterstützen, und wirbt für bewusstes Einkaufen

Eine menschenwürdige Existenz aus eigener Kraft! Mehr Gerechtigkeit im internationalen Handel! Bessere Handelsbedingungen und Sicherung sozialer Rechte für benachteiligte Produzenten und Arbeiterinnen und Arbeiter, insbesondere in Entwicklungsländern! Damit leistet der Faire Handel einen wichtigen Beitrag zur nachhaltigen Entwicklung in diesen Gebieten. Ziel ist es, dass Menschen überall auf der Erde in Frieden von ihrer Arbeit leben können und eine soziale Grundsicherung haben. So können, davon sind Experten überzeugt, die große Anzahl von Flüchtenden bereits zu normalen Zeiten vermieden und die weltweiten Probleme gemeinsam angegangen werden.

„Fair-Trade-Landkreis“

Eine Möglichkeit dazu sieht auch der Landkreis Miltenberg, der auf einer Sitzung des Kreistags am 17. Dezember 2015 mit großer Mehrheit beschlossen hat, den Titel „Fair-Trade-Landkreis“ anzustreben und dafür die erforderlichen Schritte einzuleiten. Dieses Projekt, das in Kooperation mit der LAG Main4Eck und dem Regionalmanagement der Initiative Bayerischer Untermain durchgeführt wird, soll die Bildung eines bewussten Konsumverhaltens unter besonderer Berücksichtigung regionaler Wertschöpfungsketten fördern. Die Initiative ist bewusst um diese regionale Komponente erweitert worden, um neben dem fairen Handel auch die Bedeutung regionaler Produkte von regionalen Erzeugern zu bewerben.

Gerechter Handel – weltweit und regional

Um Fair-Trade-Landkreis zu werden, hat der Kreistag unter Landrat Jens Marco Scherf eine Steuerungsgruppe gebildet. In ihr sind vertreten Kreisrätin Petra Münzel, Annette Dekant (Vertreterin Weltladen Miltenberg), Annette Karl (Stadtumbaumanagerin Miltenberg), Hubert Eckert (Vorsitzender Einzelhandelsverband), Lukas Hartmann (Jugendhaus St. Kilian Miltenberg), Robert Faust (Vertreter Eine-Welt-Laden Mömlingen), Dr. Jürgen Jung (LAG Main4Eck und Vertreter Eine-Welt-Laden Kleinwallstadt) und Kreisrat Karl-Heinz Paulus (Energieforum Miltenberg).

Regional-Siegel „Aus der Region“

Dank guter Vorarbeit dieser Steuerungsgruppe konnte das ehrgeizige Ziel erreicht werden. „Bereits am 22. September ist im Foyer des Landratsamtes die offizielle Verleihung des Fair-Trade-Siegels“, freut sich Landrat Jens Marco Scherf. „Das Siegel wird durch TransFair Deutschland e. V. vergeben und ist zunächst für zwei Jahre gültig. Ergänzend dazu werden wir an diesem Tag im Rahmen der Initiative ´Fair & regional – einfach genial´ auch das Miltenberger Regional-Siegel ´Aus der Region´ präsentieren.“

Fairer Handel

Fair Trade oder auch Fairer Handel unterstützt Produzenten in Entwicklungsländern, um ihnen eine menschenwürdige Existenz aus eigener Kraft zu ermöglichen.

Faire Mittagspause „Eat-In“

Das Jugendhaus St. Kilian in Miltenberg setzt diese Idee auf eigene Art und Weise um. Mit „Eat-In“ – der etwas anderen Mittagspause gestaltete das Jugendhaus ein besonderes Angebot zum Thema Fair Trade. „Die Idee dazu kam aus dem Erntedankfest, das in der katholischen Kirche traditionell am ersten Sonntag im Oktober gefeiert wird“, berichtet Hausleiter Lukas Hartmann. „Wir wollten die Gelegenheit nutzen, um Gott für die gute Ernte zu danken. Da lag der Gedanke nahe, dies mit einer fairen Mittagspause zu verbinden und den Wert regionaler, saisonaler und fairer Ernährung in den Mittelpunkt zu stellen. Die Aktion haben wir zusammen mit dem Weltladen Miltenberg durchgeführt.“ Über die gute Resonanz waren die Beteiligten sehr erfreut. „Wir hatten viele Gäste“, so Lukas Hartmann weiter. „Es kamen über 70 Leute, teils aus der Nachbarschaft, teils von umliegenden Firmen, die hier bei uns gegessen und für die Aktion gespendet haben.“ Das Jugendhaus bemüht sich generell, mit regionalen Produkten zu kochen. „Wir werden von regionalen Landwirten und Winzern beliefert. Uns ist es wichtig, die Regionalität zu betonen und hervorzuheben, dass in der Region gutes Handwerk geleistet wird, das gute Qualität zu fairen Preisen bietet.“

Coffee Stop – die faire Kaffeepause

Eine weitere Aktion dieser Art hat das Jugendhaus St. Kilian mit „Coffee Stop – die faire Kaffeepause“ im März dieses Jahres durchgeführt, wiederum gemeinsam mit dem Weltladen. Für Hausleiter Lukas Hartmann ist der Fair-Trade-Gedanke wichtig. „Mit unseren Aktionen wie der fairen Mittags- und Kaffeepause möchten wir die Öffentlichkeit für das Thema fairer Handel sensibilisieren, sie darüber informieren und zum Handeln bewegen. Diese Pausen sind gute Möglichkeiten, auf die Qualität und Wertigkeit fair erzeugter Produkte hinzuweisen.“ Durch die Aktionen kamen die Besucher miteinander ins Gespräch, konnten die Produkte wie fair gehandelten Tee und Kaffee testen und auch gleich kaufen.

25 Jahre Eine-Welt-Laden

Einer der Vorreiter von Fairem Handel im Landkreis ist die Gemeinde Mömlingen. Die Beziehung der Gemeinde zum Fairen Handel reicht bis in die 80er Jahre zurück. „Die Idee dazu ist aus unserer KJG-Gruppe entstanden, die sich für Fair Trade eingesetzt hat“, berichtet Bürgermeister Siegfried Scholtka aus Mömlingen. „Daraus ist dann vor mittlerweile 25 Jahren der Eine-Welt-Laden entstanden, der jetzt Jubiläum gefeiert hat.“ Um Fair-Trade-Gemeinde zu werden, war es für Mömlingen dann eigentlich nur noch ein kleiner Schritt. „Für mich und auch für die Gemeinderäte ist ein fairer Umgang in der Kommunalpolitik selbstverständlich“, so Bürgermeister Scholtka weiter. „Als die Initiatoren der KJG und des Teams Tansania mit ihrer Idee der Fair-Trade-Gemeinde auf mich zugekommen sind, hat sich der Gemeinderat leicht getan.“ Die fünf Kriterien, die es zu erfüllen galt, wie beispielsweise bei Gemeinderatssitzungen und anderen Veranstaltungen fair gehandelten Kaffee und ein weiteres Produkt anzubieten, konnten die Mömlinger problemlos erfüllen. „Im Januar 2015 wurden wir dann offiziell zur Fair-Trade-Gemeinde ernannt und anerkannt.“

Fair denken und handeln

Seitdem hat sich einiges getan. So konnte der Umsatz des Eine-Welt-Ladens beträchtlich gesteigert werden. Die ehrenamtlichen Mitarbeiter der KJG, ein harter Kern von rund 50 Personen, unterstützen im Rahmen des Teams Tansania Projekte in Afrika. Beispielsweise ist dort eine Wasserleitung finanziert worden. Für Bürgermeister Scholtka geht der Fair-Trade-Gedanke noch weiter. „Ich sehe insbesondere den Geist, der dahintersteht. Dieser ist wichtig und ihn gilt es zu leben. Faires Handeln bringt die Menschheit weiter, wenn wir fair miteinander umgehen und uns gegenseitig helfen. In Mömlingen ist in dieser Hinsicht sehr viel passiert. Und wir haben noch einiges geplant.“ So will die Gemeinde T-Shirts für die Erstklässler aus fairem Handel kaufen und den Umsatz des Eine-Welt-Ladens weiter steigern. „Unsere große Vision ist allerdings eine Partnerschaft mit einer Gemeinde in Afrika“, sagt Bürgermeister Scholtka abschließend.

Regionaler Aspekt

Der regionale Aspekt der Aktion Fair-Trade-Landkreis liegt Landrat Jens Marco Scherf besonders am Herzen: „Wir wollen uns für eine gerechtere Welt einsetzen. Das fängt schon direkt vor unserer eigenen Haustür an. Daher sollen mit der Kampagne ´Regionale Produkte´ die Wirtschaftskreisläufe gestärkt, Arbeitsplätze gesichert, ländliche Strukturen gefördert und die Artenvielfalt erhalten werden.“

Milch direkt aus der Region

Brigitte und Hubertus Brenneis aus Breitenbuch sind Milcherzeuger. Sohn Heiko hat eine Ausbildung als Landwirt gemacht und sich anschließend zum Agrartechniker weitergebildet. Seit 2 Jahren ist er nun im elterlichen Betrieb tätig. Im Familienbetrieb hat Familie Brenneis derzeit 85 Kühe. Monatlich liefert die Familie 60.000 bis 65.000 Liter Milch an die Molkerei. „Wir Milchbauern fühlen uns von der Politik im Stich gelassen“, gibt Hubertus Brenneis zu. „So, wie es zurzeit läuft, können wir nicht rentabel produzieren. Den derzeitigen niedrigen Milchpreis und das Auslaufen der Milchquote im vergangenen Jahr bekommen wir stark zu spüren. Wir leben ausschließlich von der Milchproduktion und sind auf einen höheren Milchpreis angewiesen. Das ist oft ganz schön schwierig.“

Auch Renate und Dieter Schandel aus Großwallstadt sind Milcherzeuger. Sie haben einen kleinen Familienbetrieb mit derzeit 65 Kühen. Die Eltern von Dieter Schandel sowie Sohn Jochen und Tochter Nina helfen ebenfalls mit. Monatlich liefert die Familie 30.000 Liter Milch an die Molkerei. „Derzeit ist einfach zu viel Milch auf dem Markt“, sagt Dieter Schandel. „So, wie es zurzeit läuft, können wir nicht produzieren. Der derzeitige Milchpreis zwingt uns geradezu dazu, die Milchmenge zu drosseln, da wir bei jedem produzierten Liter drauflegen. Wir haben einen neuen Stall für unsere Tiere gebaut, der den Kühen mit Licht, Luft, Platz und einem Melkroboter viel Komfort bietet. Wir sind gesund und fit und können Gott sei Dank mit ein wenig Ackerbau noch dazuverdienen, auch wenn es an die Substanz geht. Unserem künftigen Auszubildenden mussten wir dieses Jahr wegen finanzieller Engpässe leider absagen.“

Hoffnung auf einen fairen Milchpreis

Die Aktion „Fair-Trade-Landkreis“ mit „Regionale Produkte“ lassen Hubertus, Brigitte und Heiko Brenneis erst einmal auf sich zukommen. „Wir warten ab, ob sich durch die Kampagne im Landkreis etwas bewegen wird“, sagen die drei. „Für die Umwelt ist die Aktion sicherlich von Vorteil, weil lange Transportwege für Milch wegfallen. Aber es liegt auch an den Verbrauchern. Diese müssen mitmachen und bereit sein, für regional erzeugte Milch einen fairen Preis zu zahlen. Es gibt bei uns im Landkreis gute Qualität zu fairen Preisen zu kaufen. Unsere Kühe erhalten ausschließlich Futtermittel, die nicht gentechnisch verändert sind. So produzieren wir gute Milch, aus der ebenso gute Produkte hergestellt werden können. Wenn es eine eigene Molkerei im Kreis gäbe, könnte vielleicht etwas bewirkt werden.“

Vom Miltenberger Regional-Siegel „Aus der Region“ erhoffen Renate und Dieter Schandel sich einiges. „Durch die Kampagne – das wünschen wir uns – wird hoffentlich auf die Milchbauern im Landkreis aufmerksam gemacht und etwas ins Laufen kommen“, sagen die beiden. „Wir Milchbauern im Landkreis werden immer weniger. Zum Jahresende werden weitere 4 Betriebe die Milchproduktion einstellen oder umstrukturieren, weil es sich für sie nicht mehr lohnt. Dabei gibt es bei uns im Landkreis gute Qualität zu fairen Preisen zu kaufen. Wir produzieren gute Milch, aus der ebenso gute Produkte hergestellt werden können.“

Beide Landwirtsfamilien sind sich einig: „Wir hoffen nach wie vor auf einen fairen Milchpreis, um als Milchbauern weiter von unserer Arbeit leben zu können.“

Weitere Informationen:
Fair-Trade-Landkreis Miltenberg
Lokale Aktionsgruppe Main4Eck Miltenberg e.V.
Zentec GmbH
Industriering 7
63868 Großwallstadt
Telefon: 0 60 22/26 20 02
www.fair-regional.landkreis-miltenberg.de
info@main4eck.de

Autor:

Andrea Kaller-Fichtmüller aus Miltenberg

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