EIN SCHIFF VOLLER NARREN AUF REISEN - Interessanter Vortrag "Gelehrte Narreteien" von Prof. Dr. Joachim Hamm im Alten Rathaus in Miltenberg

Einen interessanten Vortrag zum "Narrenschiff" von Sebastian Brant hielt  Dr. Joachim Hamm im Alten Rathaus in Miltenberg am 17.01.2018. - In der Tat  ist das »Narrenschiff« ein wichtiges, wertvolles literaturgeschichtliches Werk aus der Zeit am Ende der Frührenaissance, das man kennen und lesen sollte.

Der Vortrag im Alten Rathaus in Miltenberg motivierte zur intensiveren Auseinandersetzung mit dem Buch - nicht nur in der jetzigen Faschingszeit!
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  • Einen interessanten Vortrag zum "Narrenschiff" von Sebastian Brant hielt Dr. Joachim Hamm im Alten Rathaus in Miltenberg am 17.01.2018. - In der Tat ist das »Narrenschiff« ein wichtiges, wertvolles literaturgeschichtliches Werk aus der Zeit am Ende der Frührenaissance, das man kennen und lesen sollte.

    Der Vortrag im Alten Rathaus in Miltenberg motivierte zur intensiveren Auseinandersetzung mit dem Buch - nicht nur in der jetzigen Faschingszeit!
  • hochgeladen von Roland Schönmüller
Wo: Altes Rathaus, Hauptstr. 137, 63897 Miltenberg auf Karte anzeigen

Einen eindrucksvollen Vortrag hielt Prof. Dr. Joachim Hamm
von der Universität Würzburg
am Mittwoch, dem 17. Januar 2018,
im Alten Rathaus in Miltenberg vor rund 50 Zuhörern.

Die Veranstaltung wurde von der Volkshochschule Miltenberg in Zusammenarbeit mit dem Universitätsbund Würzburg angeboten.  Sabine Fleischmann von der VHS  Miltenberg eröffnete den Informationsabend, der eine gute Stunde dauerte.

Das "Narrenschiff" ist bekanntlich eine deutschsprachige Moralsatire, die der Straßburger Humanist Sebastian Brant in Knittelversen gedichtet und 1494 in Basel publiziert hat.

Der informative, gut illustrierte Vortrag stellte den Text und seine aufwendige Bildausstattung (über 100 Holzschnitte, die zum Großteil vom jungen Dürer geschaffen wurden) vor und blickte auf den außergewöhnlichen Erfolg dieses Narrenbilderbuchs auf dem frühneuzeitlichen Büchermarkt.

Das "Narrenschiff" gilt nach wie vor als Bestseller der Frühen Neuzeit und war wohl das erfolgreichste weltliche Buch in deutscher Sprache vor Goethes Werther.

Sebastian Brant war um 1500 sicherlich der berühmteste Autor deutscher Sprache.

Mit der Figur des Narren, die er in der Literatur etablierte, löste er eine regelrechte Welle der Narrenliteratur aus.

Brants Narren treiben aber nicht einfach karnevaleske Späße, sondern stoßen - ein vordringliches Anliegen humanistischer Bildung - in der Kritik der Torheit die Erkenntnis an.

Das "Narrenschiff" sei - so der Referent Prof. Dr. Joachim Hamm von der Universität Würzburg - zweifelsohne in der Literaturwissenschaft ein Klassiker der deutschen Literatur.

Bemerkenswert ist zunächst die Sprache:
Der Text  fällt in die frühneuhochdeutsche Epoche.

Aufbau: Im Buch gibt es viele biblische, historische oder auch aus der griechischen und römischen Mythologie stammende Figuren.

Ein Schiff voller Narren macht sich also auf die Reise und steht als Metapher mit seinem Auf und Ab für das menschliche Leben.

1494 veröffentlichte der deutsche Dichter Sebastian Brant sein berühmtes Buch »Das Narrenschiff«.

Es begründete damit im Wesentlichen seinen literarischen Ruhm als Autor und Humanist.

Zum Erfolg des Werkes haben maßgeblich die zahlreichen, eingefügten Sprichwörter und die illustrierenden Holzschnitte von Albrecht Dürer beigetragen.

Was ist die besondere Handlung des Narrenschiffes?

109 Narren besteigen das Schiff und machen sich auf die Reise nach "Narragonien". Interessanterweise befinden sich weder Seeleute oder noch ein Steuermann unter den Narren.

Das Schiff ist also unterwegs auf einer langen Reise durch die menschlichen Narrheiten  - ohne seemännische Begleitung.

Brants Botschaft:

Die Narrheit im Werk Brants ist zu verstehen als Torheit oder mangelnde Einsicht in die Anforderungen des menschlichen Lebens.

Das Buch selbst hat 112 selbständige Kapitel, die alle möglichen menschlichen Narrheiten abhandeln. Die Abschnitte folgen in lockerer Reihung aufeinander und stehen thematisch unverbunden nebeneinander.

Als verbindendes Element zwischen den Kapiteln gibt es die Figur des Narren.

Der Narr wird hier dargestellt als ein Mensch, der sich seinen fragwürdigen Neigungen ergibt:  er frönt zum Beispiel dem Quacksalbertum oder der Prozesssucht, den Modetorheiten oder dem Reliquienhandel. Torheit und sittliche Unvollkommenheit sind im Narren vereint.

Das »Narrenschiff« gilt als  ein moralisierendes und erbauliches Werk, das zur Gottesfürchtigkeit gemahnen soll und dabei durch die Schilderung von Narrheiten auch einen Funken Humor in sich birgt.

So manches Kapitel wirke - so Dr. Joachim Hamm -  wirklich erheiternd und lasse den Leser immer wieder schmunzeln.

Zur Person von Sebastian Brant

Sebastian Brant (1457-1521 in Straßburg) studierte klassische Sprachen und Rechtswissenschaft an der Universität Basel.

Anschließend lehrte er kanonisches und ziviles Recht, seit 1484 auch Poesie.

1492 fungierte er als Dekan der juristischen Fakultät. 1496 war er Professor des römischen und kanonischen Rechts.

1500 wurde er Rechtskonsulent und wirkte von 1503 bis zu seinem Tod als Stadtschreiber für seine Vaterstadt.

Kaiser Maximilian ernannte ihn zum kaiserlichen Rat und zum Beisitzer des Hofgerichts in Speyer.

Fazit:

In der Tat  ist das »Narrenschiff« ein wichtiges, wertvolles literaturgeschichtliches Werk aus der Zeit am Ende der Frührenaissance, das man kennen und lesen sollte.

Der Vortrag im Alten Rathaus in Miltenberg motivierte zur intensiveren Auseinandersetzung mit dem Buch - nicht nur in der jetzigen Faschingszeit!

Hintergrund:

Das Narrenschiff gehört zur volkstümlichen Literatur­form der Narrengeschichten. 

Es ist  satirische Literatur: sie will über die menschlichen Schwächen belehren und kritisiert inhaltlich den damaligen Zeitgeist.

Ihre Ausdrucksformen sind die Karikatur und die Übertreibung.

Hierzu sind nach Brants Narrenschiff auch das Lob der Torheit (1509) des Erasmus von Rotterdam sowie Till Eulenspiegel (1515) und die Schildbürger (1597) zu nennen.

Auch wenn Brant am Ende des Narrenschyff-Erstdrucks von 1494 sagt, es sei entstanden "vff die Vasenacht/die man des narren kirchwich nennet", ist daraus nicht zu schließen, dass er seine Narren aus den Karnevalsbräuchen gewonnen haben könnte, die bis auf den heutigen Tag solide Bürger für einige Tage im Jahr in überschwänglich feiernde Narren verwandeln.

Eher ist es so, dass im ausgehenden Mittelalter der Narr bereits längst vor Brant als eine gottverneinende, sündige Figur bekannt war, die mit dem eigentlichen Fastnachtsfest noch gar nichts zu tun hatte.

Für die Moralsatire bot sich die Figur des Narren geradezu an. Sie ist daher keine Zufälligkeit.

Stattdessen übernahm der Autor hier eine in allen Bevölkerungsschichten verstandene Symbolfigur.

Somit ist es nicht verwunderlich, wenn Sebastian Brants Narrenbeispiele in den Illustrationen allesamt mit den typischen Narrenattributen – Narrenkappen, Eselsohren und Schellen u. a. – dargestellt werden.

Sicher ist allerdings auch, dass Sebastian Brant und sein Narrenschiff die Allegorie des Narren schlagartig europaweit zur beliebtesten Figur des ausgehenden Mittelalters machten. 

* Informationen zum Referenten: 
Joachim Hamm, Prof. Dr.

Geb. 1967, Professur seit 2010, Habilitation 2007, Würzburg, Deutschland

Ältere deutsche Literaturwissenschaft (Fachgebiet) - Ältere dt. Literaturwissenschaft (Lehrgebiet)

Anschrift: JMU Würzburg - Institut für deutsche Philologie - Am Hubland - 97074 Würzburg

Andere dienstliche Anschrift: Professur für deutsche Philologie, insb. Literaturgeschichte des späten Mittelalters und der frühen Neuzeit

Homepage: http://www. mediaevistik. germanistik. uni-wuerzburg. de/ mitarbeiter/ hamm_joachim/

Schriftenverzeichnis im Internet: http://www. mediaevistik. germanistik. uni-wuerzburg. de/ mitarbeiter/ hamm_joachim/

Forschungsgebiete:

Text und Bild, Multimedia
Historische Kulturwissenschaft
Hochmittelalter
Spätmittelalter
Frühe Neuzeit (Humanismus, Renaissance, Barock, Aufklärung)
Editionen und Editionsphilologie
Erzähltheorie
Produktions-, Rezeptions-, Wirkungsforschung

Dissertation (Titel): Servilia bella. Bilder vom deutschen Bauernkrieg in neulateinischen Dichtungen des 16. Jahrhunderts. Wiesbaden 2001 (Imagines medii aevi 7).

Dissertation - Jahr der Publikation: 2001

Habilitation (Titel): Âne missewende. Erzählpoetik und Vorlagenbearbeitung im `Eneasroman´ Heinrichs von Veldeke. Masch. Habil. Kiel 2007.

Herausgebertätigkeit in Auswahl:

Unterwelten. Modelle und Transformationen. Hg. v. Joachim Hamm und Jörg Robert. Würzburg 2014
Parzival. Nach Wolfram von Eschenbach neu erzählt von Wolf Wiechert. Mit Auszügen aus dem mittelhochdeutschen Roman. In Zusammenarbeit mit Joachim Hamm und Bertram Söller. Unter Mitwirkung von Hartmut Beck, Catrinel Berindei, Christian Buhr, Christiane Klein, Christopher Köhler. Würzburg 2013

Forschergruppen, Forschungsprojekte :

"Narragonien digital" (BMBF; http://www. narragonien. eu)
"Opera Camerarii". Eine semantische Datenbank zu den gedruckten Werken von Joachim Camerarius d. Ä. (1500-1574) (DFG; http://www. camerarius. de)

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