Bildergalerie und Essay.
So zieht Sankt Martin symbolisch weiter – nicht nur durch die Straßen, sondern durch die Herzen.
- Der Martinstag in Dörlesberg war wieder ein Fest der kleinen Gesten, der leuchtenden Laternen und der großen Gemeinschaft. Foto Roland Schönmüller
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„Teile, was du hast und du wirst leuchten!“
Dörlesberg strahlt – Sankt Martin mit Ponypferdchen und Punsch
Dörlesberg, 11. November 2025. Um 17.20 Uhr ist Schluss mit Durchfahrt. Die Freiwillige Feuerwehr stutzt den Feierabendverkehr auf Schrittgeschwindigkeit oder Stillstand, als wäre der Laternenumzug eine diplomatische Großveranstaltung. „Wer jetzt noch hupt, bekommt keinen Punsch – so viel steht fest“, betont schmunzelnd eine junge Feuerwehrfrau am Ortseingang.
In der katholischen Kirche St. Dorothea der Seelsorgeeinheit Bronnbach versammeln sich die ersten Laternenkinder mit ihren Eltern, während draußen die letzten Autos davonrollen. Drinnen beginnt eine Andacht, mit bekannten Martinsliedern, musikalisch begleitet von drei Kindern auf Xylophonen, die klingen wie rhythmische Gebete auf Holz.
Dann wird es szenisch: ein Junge verkörpert Sankt Martin. Er ist vom hiesigen Kindergarten, erscheint im roten Mantel und pelzigen Umhang – nicht hoch zu Ross, sondern trägt im Arm ein drolliges Stofftier-Pony-Pferdchen. Der „Kinderstar“ erscheint sehr lebhaft, wirkt aber überzeugend, ist vermutlich voller Termine und anderer Aufgaben, sucht sich zwischen Altar und vorderen Kirchenbänken seinen eigenen Weg.
Dann bremst der „Heilige“ abrupt, als er den frierenden „Kindergarten-Bettler“ entdeckt. Der zittert wie ein Laubbaum im Novemberwind. Ohne Zögern teilt Martin seinen oberen Mantel – es ist ein Umhang, der wärmt und wirkt. Die Kinder staunen, die Erwachsenen nicken. Symbolik in Stoffqualität.
Stimmen aus dem Chorraum.
Im Chorraum formt sich ein Kreis aus Kindern, Erzieherinnen, der Kindergartenleitung und einem engagierten, kirchlichem Helfer. Man sucht und findet die Hände der Nachbarin oder des Nachbarn. Es wird begrüßt, gesungen, gebetet, gedankt – und dann gibt’s „grünes Licht“ für den traditionellen Umzug. Draußen wartet das Dorf: neblig, nächtlich, bereit für das Leuchten mit allen Akteuren.
„Sankt Martin und sein Stoffpferd sind heute besonders temperamentvoll – fast wie unser Schlagzeuger“, kommentiert eine junge Klarinettistin vom Musikverein mit einem Lächeln.
Ein Vater eines Grundschülers meint: „Mein Sohn war so angetan von der Geschichte und wollte danach auch seinen Schal verschenken.“
Eine Mutter einer siebenjährigen Tochter mit Laternen-Erfahrung, ergänzt: „Die Mischung aus Andacht und Abenteuer, Umzug und Einkehr am Bürgerhaus ist perfekt. Und dass die Feuerwehr den Verkehr regelt, zeigt: Dörlesberg nimmt Sankt Martin ernst – mit Humor.“
Der Umzug: Musik, Dunkelheit, Licht - magisch, mystisch, märchenhaft.
Es ist 18 Uhr. Die Kirchenglocken läuten. Der Musikverein Dörlesberg zieht voraus, spielt sich durch die Straßen, mal beleuchtet, meist durch dunkle Winkel. Die Route führt auf und ab, quer durch den Odenwald-Ort, vorbei an Fachwerk, Flur und Flüstern.
Unweit des kühlen Taubertals, nicht weit von Wertheim und Kloster Bronnbach, wird hier im Dorf Geschichte und Gegenwart lebendig, umrahmt von altehrwürdigen Kreuzen, lieblich-lächelnden Hausmadonnen und neuzeitlichen Satellitenschüsseln. Vertraute Lieder hallen über das Odenwalddorf: „Hoch über uns die Sterne“, Ich habe‘eine Laterne“, „Ich geh’ mit meiner Laterne“, „Ein armer Mann“ sowie „Laterne, Laterne, Sonne, Mond und Sterne“.
„Früher hatten wir echte Kerzen“, erinnert sich ein 71-jähriger Laternen-Veteran. „Heute sind’s LEDs – aber das Leuchten bleibt.“
Seine zwei Jahre jüngere Nachbarin nickt: „Und die Kinder singen wieder! Das ist das schönste Geräusch im November.“
Bürgerhaus-Finale mit Gebäck und Glühgefühl.
Im Bürgerhaus wartet die Feuerwehr – diesmal nicht mit Warnwesten, sondern mit Tabletts. Martinswecken werden ausgeteilt, Kindertassen gereicht. Für die Kleinen gibt’s Punsch, für die Großen Glühwein – und für alle ein warmes Gefühl im Bauch. Einige Grundschulkinder verteilen gütig die Gratis-Gaben an die freudigen Kids, sie helfen fleißig mit, die Stimmung ist herzlich, die Gespräche sind lebendig.
„Ein tolles Gemeinschaftsgefühl“, resümiert Pfarrgemeinderat und Wortgottesdienstleiter Heiko Busse.
Und man glaubt es ihm und der rührigen Kindergartenleiterin Inge Rückert: „Denn in Dörlesberg leuchtet nicht nur die Laterne, sondern auch das Miteinander.“
Stimmen vom Wegesrand:
• L. (8), Grundschülerin: „Meine Laterne ist ein Einhorn. Ich hab‘ sie fast allein gebastelt. Nur das Kleben hat Mama gemacht. Ich hab‘ gesungen, aber nur die erste Strophe – die zweite ist zu schwer.“
• N. (16), Jugendfeuerwehr: „Wir haben die Strecke abgesichert und ein paar Laternen gerettet, die sich in Sträuchern verfangen haben. Alles ruhig – kein Einsatz, aber viel Applaus.“
• M. (38), Vater: „Zwei Kinder, drei Laternen, ein Thermobecher. Ich bin froh, dass ich morgen ausschlafen darf. Aber schön war’s – besonders der Laternenumzug.“
• E. (68), Seniorin: „Früher hatten wir Rübenlichter und echte Kerzen. Heute blinkt alles. Aber die Kinderaugen leuchten trotzdem – das zählt.“
• T. (75), Bürger: „Die Mantelteilung war kurz, aber eindrucksvoll. Die Lieder weckten Erinnerungen an die eigene Kindheit.“
• G. (58), Bürgerin: „Die Kinder mit ihren Laternen in der Hand haben gesungen wie die Engel. Na ja, fast.“
Finale Poesie.
Während die letzten roten, schwarzen und blauen Punschtassen klirren und das St. Martins-Stoffpferd anscheinend zur Ruhe gekommen ist, bleibt ein Bild als Erinnerung zurück:
Ein geteilter Mantel, ein leuchtender Kreis, ein Dorf, das sich erinnert.
So zieht Sankt Martin symbolisch weiter – nicht nur durch die Straßen, sondern durch die Herzen.
Und irgendwo zwischen Odenwald und Taubertal, Dörlesberg und Reicholzheim flüstert der November, passend zur St. Martinslegende:
„Teile, was du hast – und du wirst leuchten.“
Roland Schönmüller
BU 1 : Martinstag in Dörlesberg: Am 11. November zog der traditionelle Laternenumzug durch Dörlesberg – begleitet von Kinderliedern, warmem Punsch am Schluss und einer Mantelteilung mit Stoff- Ponybegleitung. Rund 100 kleine und große Teilnehmer trotzten Wind und Dunkelheit, um gemeinsam Licht und Gemeinschaft zu feiern. Foto Roland Schönmüller
BU 2:
Der Martinstag in Dörlesberg war wieder ein Fest der kleinen Gesten, der leuchtenden Laternen und der großen Gemeinschaft. Foto Roland Schönmüller
BU 3: Marco und Karina Goldschmidt mit ihren Kindern v.l. Thea (7) und Paula (4) freuen sich, bei der kirchlicher Feier, beim Laternenumzug und beim gemütlichen Ausklang im Bürgerhaus dabei gewesen zu sein. Foto Roland Schönmüller
Autor:Roland Schönmüller aus Miltenberg |
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