Einfach verschwunden
Wenn ein Angehöriger vermisst wird

Die Ungewissheit ist das Schlimmste, wenn eine Person plötzlich verschwindet.
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  • Die Ungewissheit ist das Schlimmste, wenn eine Person plötzlich verschwindet.
  • hochgeladen von Sylvia Kester

Über einer Landkreisgemeinde kreiste vor kurzem längere Zeit ein Hubschrauber, Polizei, zahlreiche Feuerwehren waren im Einsatz. Auch Privatpersonen unterstützen die Suche per Boot. Aufgrund der Umstände bestand der Verdacht, dass ein Kind in den Main gefallen sei. Da der einzige konkrete Anhaltspunkt ein abgelegtes Kinderfahrrad am Bachufer war, wusste man nicht wo sich das Kind befinden könnte und die Aktion glich einer Suche nach der Stecknadel im Heuhaufen. Alle beteiligten Einsatzkräfte taten ihr Möglichstes. Doch nachdem man kein Kind im näheren Umfeld fand, wurde die Suche ergebnislos abgebrochen. Wahrscheinlich war es ein gestohlenes Kinderfahrrad und wurde dort an der Böschung einfach abgelegt.

Noch längere Zeit wurde in der Bevölkerung über den Fall diskutiert. Ist solch ein Aufgebot zwingend erforderlich und wer trägt die Kosten? Die einen sagen nein, nicht unbedingt in dieser Größenordnung. Die anderen sagen definitiv ja. Denn wenn es dein Kind wäre, wäre kein Einsatz zu groß. Ein Leserbrief in der Tageszeitung sorgte zusätzlich für Diskussionsstoff. Auch ein aktueller Fall aus dem Raum Aschaffenburg, wo eine verzweifelte Mutter auf Facebook ihre vermisste Tochter suchte und um Hinweise bat, hat deutschlandweit für Aufsehen gesorgt. Zum Glück ist die 14jährige kurze Zeit später wieder aufgetaucht.

Manchmal aber gibt es eben gar keine Spur mehr oder aber es tritt das Schlimmste ein was passieren kann und der/die Gesuchte wird nur noch tot gefunden.  Schwierig wird es vor allem auch dann, wenn Kinder von einem Elternteil entführt werden.

Soziale Netzwerke können Fluch und Segen sein

Zunächst stellt sich aber erst einmal die Frage nach dem Warum des Verschwindens. Selbstmordabsichten? Häusliche Gewalt, psychische Erkrankungen, oder einfach um Aufmerksamkeit zu bekommen und unangenehmen Situationen auszuweichen. Auf Nachfrage bei der Polizei, wurde mitgeteilt, dass es vorrangig desorientierte SeniorInnen, psychisch belastete Personen oder Schulweg-Spätheimkehrer als vermisst gemeldet werden.

Eine Suche über die sozialen Netzwerke kann hilfreich sein – muss es aber nicht.
Die Suche in den sozialen Netzwerken sollte dosiert und gut überlegt sein. Man erreicht dadurch zwar einen viel größeren Radius, aber den Aufruf auch wieder zu löschen, ist meist unmöglich. Wenn das Verschwinden mit einer psychischen Erkrankung zusammenhängt und jemand nur eine kurze Auszeit nehmen wollte, könnte es im Nachhinein zu Problemen kommen. Denn, eine öffentliche Suche wird man nur schwer wieder los. Oder aber der Gesuchte beschwert sich hinterher, dass Polizei in seine Privatsphäre eingedrungen sei und sogar beim Arbeitgeber nachgefragt hat.

Wo und ab wann kann man jemanden als vermisst melden
Unter der Hotline für vermisste Kinder Tel. 116000, können sich sowohl Eltern bzw. Bezugspersonen melden, die ein Kind oder einen Jugendlichen vermissen, die eine Kindesentziehung bzw. -entführung vermuten, aber auch Kinder und Jugendliche selbst, die z.B. von zu Hause ausgerissen sind und nicht mehr weiterwissen. Auch Hinweise zum Verbleib von vermissten Kindern werden unter dieser Hotline entgegengenommen.

Laut Info auf der Homepage des Bundeskriminalamtes (BKA) haben Erwachsene, die im Vollbesitz ihrer geistigen und körperlichen Kräfte sind das Recht, ihren Aufenthaltsort frei zu wählen, auch ohne diesen Angehörigen oder Freunden mitzuteilen. Es ist daher nicht Aufgabe der Polizei, Aufenthaltsermittlungen durchführen, wenn die oben beschriebene Gefahr für Leib oder Leben nicht vorliegt. Sofern jedoch eine derartige Gefahrenlage gegeben ist, erfolgt die Fahndung nach vermissten Erwachsenen in der Regel zunächst mit dem Ziel der "Aufenthaltsermittlung".

Minderjährige dürfen ihren Aufenthaltsort nicht selbst bestimmen. Bei ihnen wird grundsätzlich von Gefahr für Leib oder Leben ausgegangen. Sie gelten für die Polizei bereits als vermisst, wenn sie ihren gewohnten Lebenskreis verlassen haben und ihr Aufenthalt nicht bekannt ist. Wird ein Kind vermisst, sollte so schnell wie möglich die Polizei eingeschaltet werden“, betont EPHK Richard Salzer, Polizeiinspektion Obernburg. "Es gibt hier keine zeitlichen Fristen, die abzuwarten sind". Eines ist besonders wichtig bei jugendlichen Ausreißern: Auch wenn es zuhause Streitigkeiten gibt, geben Sie Ihrem Kind immer das Gefühl, dass es zuhause wieder willkommen ist und geliebt wird – egal was vorgefallen ist.

Ist ein Erwachsener verschwunden, sollte man zuerst nachschauen, ob derjenige seine Papiere, eine größere Summe Geld oder Kleidung mitgenommen hat – in dem Fall, liegt die Vermutung nahe, dass er freiwillig verschwunden ist.

Selbst in TV-Formaten wird nach Vermissten gesucht
Es gibt viele Gründe, Menschen aus den Augen zu verlieren. oft ist es auch sehr emotional. Seit 2007 zum Beispiel fiebern Zuschauer der Sendungen „Vermisst oder Bitte melde dich“, mit Freunden oder Angehörigen verschollener Menschen. Angehörige werden in diesen TV-Serie unterstützt, verschollene Familienmitglieder oder Freunde wiederzufinden. Und die Geschichten gehen ans Herz.
Es gibt auch Vereine die helfen, länger vermisste Personen zu finden oder versuchen über deren Verbleib aufzuklären. Der DRK-Suchdienst etwa unterstützt Menschen, die durch Krieg, bewaffnete Konflikte, Katastrophen, Migration, Flucht oder Vertreibung getrennt wurden. Er hilft Kontakte herzustellen und Familien zu vereinen.

Gewissheit ist für Betroffene wichtig
Angehörige geben die Hoffnung bis zum Schluss nicht auf, den Vermissten gesund wiederzusehen. Es werden alle Anlaufstellen und Hebel in Bewegung gesetzt um die Person wiederzufinden oder im schlimmeren Fall - zu wissen, was passiert ist. Denn eines ist sicher: Angehörige können besser mit einer traurigen Gewissheit umgehen, als mit einer immerwährenden Ungewissheit.

www.initiative-vermisste-kinder.de/hotlineinfo
www.drk.de/hilfe-in-deutschland/suchdienst

IM INTERVIEW
Matthias Zengel, Kommandant der Freiwilligen Feuerwehr Elsenfeld:
Großeinsätze sind für uns ganz wichtig – auch wenn sie grundlos sind. Man kommt selten dazu solche Einsätze mit dem BRK, der Polizei, dem THW etc. in der Praxis zu Trainingszwecken zu üben. Da erkennen wir sofort, wo eventuelle Schwachstellen in der Zusammenarbeit sind. Also sinnlos sind solche Einsätze auf keinen Fall!
Bei der Suche nach Vermissten muss man sagen, dass es einen Unterschied macht, ob ein Erwachsener gesucht wird oder ein Kind. Vor allem, wenn unter den Einsatzkräften selbst Väter und Mütter sind. Man darf sich bei einer Suche nicht emotional leiten lassen. Erst einmal stur den Dienst an der Einsatzstelle weiter machen, bis man zurück im Gerätehaus ist. Das direkte Zusammentreffen und die Nachbesprechung nach einer Suche, ist für uns Pflichtveranstaltung. Der Austausch nach einem Einsatz ist sehr wichtig. Als Kommandant kennt man auch seine Leute und beobachtet diese genau, ob etwa eine Belastung doch zu groß war. Wie auch gerade beim aktuellen Thema Hochwasserkatastrophe, wo wir vor Ort auf einem Campingplatz im Einsatz waren. Dort mussten wir aufgrund des Verwesungsgeruchs die Stellen markieren, an denen Tote vermutet wurden. Die Bundespolizei und -wehr haben sie dann gesucht.
Bei eigenem Betreuungs- bzw. Redebedarf wenden wir uns entweder an das PSNV Team (psychosoziale Notfallversorgung) oder das KIT Team des BRK. Weil die im Regelfall auch gleich direkt an die Einsatzstelle kommen, als Ersthelfer tätig sind und auch die Betreuung der Betroffenen oder Angehörigen übernehmen.

PolizeiStatistik:
Einsätze mit dem Schlagwort "Vermisst" im Beriche Bayer. Untermain
                                  in 2019 /    in 2021 /     bis 1.8.21

PI Alzenau                     45              40                31
PI Aschaffenburg          316             224            133
PI Miltenberg                 26              32              12
PI Obernburg                 80              58              44
Gesamter Bereich Bayer.Untermain
                                      468            354             221 
  

Die Ungewissheit ist das Schlimmste, wenn eine Person plötzlich verschwindet.
Matthias Zengel aus Elsenfeld, Feuerwehrkommandant und auch bei der Suche nach Vermissten schon oft im Einsatz gewesen.
Autor:

Sylvia Kester aus Miltenberg

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