Aus der Fremde in ein gastfreundliches Land

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Deutschland gilt unter Flüchtlingen als beliebtes Sehnsuchtsland – Erfolgreiche Integration durch Bildung und Sport

Wie geht’s Ihnen, liebe Leserin, lieber Leser, wenn Sie in eine Ihnen unbekannte Stadt kommen? Assoziationen sind ein belebter Bahnhof, viel Menschengewirr, die Suche nach Orientierung auf einem Stadtplan, nötige Fragen bei der Information und Ihre Bitte um Hilfe bei Ihnen noch unbekannten Menschen. Ideal ist es in dieser Situation, wenn man die gleiche Sprache in dieser für Sie neuen Stadt spricht und sich versteht!

Schwieriger wird es schon im Ausland! Englisch- oder andere Sprachkenntnisse sind vonnöten. Auf nicht-europäischem Terrain, im asiatisch-afrikanischen Raum braucht man schon weitere Hilfen. Man muss vielleicht mit Mimik und Gestik arbeiten, um zu seinem Ziel - zu einem Hotel, einer Tagungsstätte oder einem Firmen-Unternehmen
- zu kommen.

Perspektivenwechsel bei der Erfahrung mit dem Thema Fremdsein:

Menschen unbekannter Herkunft bitten in der Miltenberger Fußgängerzone oder in der Obernburger Innenstadt ohne Deutschkenntnisse um Ihre Hilfe zum Finden eines Ziels, beispielsweise einer Adresse. Gerne wird man als ortskundiger Passant Auskunft geben. Problematischer könnte vielleicht eine zeitaufwendigere Beschäftigung oder die Bereitstellung einer Geldsumme mit den oder für die fremden Neuankömmlingen sein!

Szenenwechsel

Eine Open-Air-Veranstaltung, etwa das Afrika-Karibik–Festival in Aschaffenburg oder in Würzburg, zieht Hunderte von Menschen unterschiedlicher Herkunft an. Sie selbst mögen diese exotische Musik. Ein afrikanischer Trommler bietet Ihnen einen freien Platz in seiner Gruppe an. Gerne machen sie sicherlich bei den beschwingten Rhythmen mit: Sie klatschen, trommeln, singen und sind voll dabei, mit einem Schlag sind Sie integrierter Teil der Musiker und Sänger.

Und „last but not least“: Public Viewing - Viertelfinal-Fußballspiel Deutschland gegen Italien am vergangenen Samstagabend

Dramatik beim Elfmeterschießen. Jerome Boateng tritt an, schießt und verhilft mit einem (vorletzten) Treffer der deutschen Nationalelf zum Eintritt in das Halbfinale. „Wir kommen weiter!“ ruft ein begeisterter Fan. Jubel allerorten. Ein Gemeinschafts-Gefühl greift um sich: Umarmungen, Freude und keiner denkt jetzt an die vor Wochen unnötige Ausländer-Diskussion von Spielern mit Migrations-Hintergrund hier bei uns oder anderswo.

Wir sind uns also einig: Nicht nur Sport oder Musik verbinden Menschen unterschiedlicher Herkunft miteinander

Integration startet schon in frühen Jahren: im Kindergarten, in der Schule und später im beginnenden Berufsleben – je früher, um so erfolgreicher – bestätigen die Fachleute.

Ein kleiner philosophischer Exkurs:

Vom chinesischen Schriftsteller Lu Xen stammt die Einsicht, dass (neue) Wege erst entstehen, wenn jemand sie geht. Bevor man diesen Pfaden folgen kann, müssen sie gebahnt, gespurt oder eben angelegt werden.

Beides geschieht gehend – beispielsweise im winterlichen Schnee oder über eine sommerliche Wiese. Der Gehende selbst weiß manchmal nicht, ob er das eine oder das andere tut: Neuland betreten oder auf bereits gespurten Loipen wandeln.

Neugierde, nützliche Beweggründe und alltägliche Bewährungsproben spielen bei solchen vielleicht mühsamen Fortbewegungen hin zum Ziel eine nicht unwesentliche Rolle.

Endlose Umwege
müssen aber dann gewählt werden, wenn sich nicht selten Hindernisse aufbäumen und es keine Abkürzungen gibt.

Immer wieder auf Widerstände stoßen derzeit die pädagogischen Kräfte, vor allem im Fach Deutsch als Zweitsprache (DaZ) im Umgang mit ihren neuen ausländischen Schülern – nicht nur bei uns im Miltenberger Landkreis.

Es sei manchmal wie ein Kampf gegen Windmühlen oder schwere Sisyphus-Arbeit, erzählt eine engagierte Lehrerin aus einer Grund- und Mittelschule, die Flüchtlings-Kinder im Alter zwischen sieben und neun Jahren betreut. So gebe es nicht nur bei ihr in den Deutsch-Kursen immer wieder Konzentrationsstörungen, Aggressionen und Arbeits-Verweigerungen.

Ein Mittelschullehrer sieht ähnliche Verhaltensmuster bei seinen vierzehn- bis sechzehnjährigen Flüchtlingsschülern: Unausgeschlafenheit, fehlende Aufmerksamkeit und Ausdauer, Nörgeleien und Sticheleien, seelische Probleme, Traumata-Erfahrungen, vorschnelle Antworten, oberflächliches Arbeiten, Regel- und Disziplinverstöße aller Art.

Momentan sei außerdem noch Fastenzeit (Ramadan), das schwäche die Schüler zusätzlich, weil sie tagsüber nichts essen und trinken dürfen oder wollen. Gleichzeitig sehen sie in ihrem auffälligen Verhalten eine Art Erprobung individueller oder sozialer Grenz-Erfahrungen, die sie topographisch und situativ auf der Flucht bereits mehr oder weniger meisterten.

Neuland betreten oder auf bereits gespurten Loipen wandeln:

Beides müssen die DaZ-Lehrkräfte derzeit zeitaufwendig meistern etwa mit individuell zugeschnittenen Arbeitsblättern und mit motivierenden Methoden, die in Fortbildungen ansatzweise empfohlen wurden.

Ob eine Kurs-Stunde dann einigermaßen von Erfolg gekrönt ist, hänge – so ein Deutsch-Lehrer – von vielen Faktoren ab: zum Beispiel von der Tagesverfassung, der Interessenslage, dem Konzentrationsvermögen, dem Unterrichtsklima, der Abwechslung bei Methoden, Medien und in den Sozialformen.

Ein Tätigkeitswechsel in der Partner- und Gruppenarbeit, schülerorientierte Projektarbeit sowie außerschulische Erkundungen tragen wesentlich zum Unterrichtserfolg auch bei den Flüchtlingskindern bei, bestätigt eine Förderlehrerin aus dem nördlichen Landkreis Miltenberg.

Der starre Stundenplan, der mit der Lehrkraft festgelegte Sitzplatz in Klasse und Gruppe, der Lieblingsplatz in der Pause, der Gong beim Stundenwechsel, die fixen Bus-Abfahrtszeiten - all das seien Rituale der hiesigen Sicherheit, die es im übertragenen Sinne im Heimatland nicht gab, wo Krieg, Terror, Gewalt, Angst und Ungerechtigkeit und keine geordneten Verhältnisse herrschten, berichtet eine weitere Pädagogin.

Unendlich lange Wege, Hunderte und Tausende von Kilometern, haben die Flüchtlinge in Deutschland hinter sich. Doch ihren Gesichtern sind die Entbehrungen der letzten Monate und Wochen fast nicht mehr anzumerken. Die geflüchteten Kinder und Jugendliche sitzen in Klassen- und Gruppenzimmern, verfolgen meist wunschgemäß aufmerksam den Unterricht, schreiben, rechnen, zeichnen, malen und melden sich eifrig.

Lernfortschritte gibt es also allerorten

– zum Beispiel die geglückte Alphabetisierung, die lesbaren, formschönen Schüler-Schriften, die freundlichen und höflichen Begrüßungen sowie interessierte Fragen an den Deutschlehrer: „Wie geht es Ihnen heute?“, „Haben Sie gestern Fußball geschaut?“ oder „Wann gehen wir mal wieder in den Computerraum?“ Das sind bildungspolitische „Leuchttürme“ im stürmisch anmutenden wogenden Meer der Neuankömmlinge.

In den Pausen sitzen die Neuen wie Aysha, Kalinka, Pete, Sadaf und Adelina in Grüppchen zusammen: Geschwister, Landsleute, junge, arabisch oder anders sprechende Flüchtlinge. Man unterhält sich, beobachtet die Pausen-Szenerie, fastet (noch ist Ramadan) und pflichtgemäß geht es nach dem Gongzeichen zu den Klassenzimmern zurück. Der Schulalltag in deutschen Landen hat sie wieder.

„Als Migrant lernst du schnell, dass du nur Erfolg hast, wenn du nicht störst, nicht auffällst und dich anpasst. Für die meisten Deutschen bin ich der perfekte Ausländer“, resümiert die einstige Asylantin Alexandra Rojkov in einem Essay (Süddeutsche Zeitung Magazin vom 1.7.2016).

Zurück im südlichen Miltenberger Landkreis:

Freundlich, hilfsbereit, ehrgeizig und zielbewusst sind die sechs Deutsch-Schüler einer hiesigen Mittelschule. Shahid (17) aus Afghanistan möchte eine Bäckerlehre hier in Deutschland absolvieren, Salman (16) aus Pakistan war schon in der Textilproduktion und möchte wieder an der Nähmaschine arbeiten.

Dimitry (15) und Peter (14), beide aus der Ukraine, sind schon praktikumserfahren, haben viel technisches Verständnis und werden wohl Mechatroniker werden wollen.

Madalina aus Rumänien will als Friseuse arbeiten und hat das feinmotorische Geschick dazu. Die kommunikationsfreudige Loredana wird wahrscheinlich in ihre rumänische Heimat zurückkehren, weil momentan ihr Heimweh noch dominiert (doch vielleicht denkt sie in wenigen Wochen wieder anders).

Was finden heranwachsende Flüchtlinge an Deutschland gut?

Sie nennen Sicherheit, Ordnung, Sauberkeit, Mülltrennung, gute Berufsaussichten, Schule, Lehrer, Sportmöglichkeiten, Bundeskanzlerin Angela Merkel. Sie schwärmen für ihr Sehnsuchtsland Deutschland.

Gibt es für die Flüchtlinge Widerstände und Hindernisse auf dem Weg zum Beruf?

Die Antworten geben die ausländischen Schüler selbst! Deutsch lernen, gut mitarbeiten im Unterricht, fleißig sein, keinen Alkohol trinken, keine Drogen nehmen und vieles andere mehr.

Ihre Beherrschung der deutschen Sprache ist der Schlüssel zum Erfolg und die Hauptsache, an’s Ziel zu kommen! Neuland betreten – das haben die Flüchtlinge schon hinter sich.

Fazit:

Sich auf bereits gespurten Loipen sicher zu bewegen – das klappt dank Deutschkurs, Schulbesuch mit allgemeinbildenden und praktischen Fächern sowie eifriger Mitarbeit in Vereinen bei den jungen Neuankömmlingen immer besser!

Das derzeitige Konzept „Integration durch Bildung“ ist der beste Weg, in Deutschland Fuß zu fassen und sich hier bald heimisch zu fühlen!

Für Migranten – und Flüchtlingskinder sind Schule und Bildung das optimale Einstiegstor in die deutsche Gesellschaft.

Dennoch ist die Integration am Anfang oft nicht leicht. Mangelnde Sprachkenntnisse, aggressives Verhalten und patriarchale elterliche Erziehungsstile stellen viele Pädagogen im Schulalltag immer wieder auf eine harte Probe.

Frau Megi Schmitt vom Beruflichen Fortbildungszentren der
Bayerischen Wirtschaft (bfz) in Aschaffenburg-Miltenberg:

„Endlich hat der Schulstress ein Ende! Aber was kommt danach? Welchen Beruf will ich erlernen? Welche Voraussetzungen muss ich dafür mitbringen? Was erwartet mich im Beruf? Es ist gar nicht so einfach, als Jugendliche(r) zu entscheiden, was man die nächsten Jahre arbeiten möchte. Es gilt, die eigenen Fähigkeiten und Fertigkeiten mit Blick auf eine mögliche Berufswahl zu überprüfen.
Wir vom BFZ geben Schülerinnen und Schülern in den Abschlussklassen Hilfestellung und Perspektiven, damit der Start ins Arbeitsleben gut gelingen kann.

Unsere Bildungsmaßnahmen sind ein wichtiges Instrument zur Berufsvorbereitung und unsere gezielte Unterstützung sorgt dafür, dass der Weg schließlich in eine gute Ausbildung mündet. Schulabgänger haben die Chance, ihre Fähigkeiten und Fertigkeiten mit Blick auf eine mögliche Berufswahl zu überprüfen, sich im Spektrum geeigneter Berufe umzusehen und eine gute Berufswahlentscheidung zu treffen“.

Übrigens: Zuwanderung und Integration ist eines der großen gesellschaftspolitischen Themen unserer Zeit. Asylbewerber, die nach Deutschland kommen, stehen nicht nur vor der Herausforderung, die deutsche Sprache erlernen zu müssen. Auch die Auseinandersetzung mit den Anforderungen des deutschen Arbeits- und Ausbildungsmarktes ist für eine erfolgreiche Integration von entscheidender Bedeutung.

Unser Ziel ist es auch, Asylbewerberinnen und Asylbewerber bei ihrer gesellschaftlichen und beruflichen Integration zielgerichtet zu unterstützen. Ausgangspunkt unserer Arbeit ist die individuelle Situation jedes Einzelnen, entsprechend vielfältig sind unsere Angebote!“

„Integration und Bildung: Nicht nur für die Schule, sondern für das Leben lernen wir!“

Christian Weis, Eichelsbach (26):

„Der Erlenbacher Barbarossa-Lauf 2016 war für mich sehr erfolgreich, auf zehn Kilometer erreichte ich Platz 1. Der heimische Lauf-Event hat nicht sich nicht nur für mich gelohnt.

Sport macht Spaß, ist gesund und verbindet jung und alt, Einheimische und Fremde, die im Gespräch oft zu Freunden werden.

Beruflich bin ich Fach-Informatiker und arbeite kollegial mit anderen Menschen unterschiedlicher Herkunft zusammen. Das war bei mir schon immer so.

Von der schulischen Förderung von Hilfsbereitschaft und Rücksichtsnahme, von der in der Kindheit angebahnten emotionalen und sozialen Stabilität, profitiert man ein Leben lang. “

Interview mit Yashendu Goswani:

„Ich bin Inder und besuche Deutschland regelmäßig. Hier leite ich Yoga-und Ayurvada –Kurse, auch im Miltenberger Landkreis. Die Deutschen sind mir sehr sympathisch und warmherzig. Hier habe ich auch meine Frau kennen gelernt , ebenso viele Freunde. Deutschland ist für mich zur „zweiten Heimat“ geworden! Mit meinen Lehrgängen möchte ich Menschen positiv verändern: die Vermittlung von Gesundheit, Wohlbefinden und Satbilität sind mir besonders wichtig. "

Integration in Schule und Sport stärkt Selbstwertgefühl

Interview mit Yücel Sahin (41), Erlenbach.

Ich erlebe gelungene Integration tagtäglich: In der Familie, im Beruf und in Vereinen.

Ich bin in Deutschland geboren und türkischer Herkunft. Ich habe eine deutsche Frau geheiratet und habe zwei Kinder. Beide sind sportlich und schulisch sehr aktiv.

Ich bin also hier in Erlenbach glücklich und zufrieden, aber nicht übertrieben ehrgeizig.

Schulischer und sportlicher Erfolg stärken bekanntlich das Selbstwertgefühl und das Selbstbewusstsein.

Das weiß ich aus eigener Erfahrung und gebe dieses Wissen meinem 14-jährigen Sohn und meiner elfjährigen Tochter weiter.

Sprachförderung und Mehrsprachigkeit sollte meiner Meinung nach schon sehr früh gefördert werden.

Das ist der beste Einstieg in die Gemeinschaft und in das spätere Berufsleben hier in Deutschland!“

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