Bildergalerie und Essay.
Aus für die Hölle ? Von wegen !
- Der Frankenwein war nie ein bloßes Getränk; er war destillierte Heimat und flüssiger Geist der Region.
- hochgeladen von Roland Schönmüller
Der Rückzug des Würzburger Juliusspitals aus der Bürgstadter Mainhölle: Wie Wirtschaftlichkeit, Weinmüdigkeit und Wehmut eine Steillage verändern.
BÜRGSTADT. Der Name klingt nach ewiger Verdammnis, war aber für Genießer stets das genaue Gegenteil: Die Bürgstadter Mainhölle.
Wer von den Ufern des Mains hinaufblickt auf diese steilen Terrassen aus rotem Buntsandstein, sieht ein jahrhundertealtes Kulturdenkmal. Mit bis zu 70 Prozent Neigung strecken sich die Reben der Sonne entgegen. Doch dieses monumentale Postkartenidyll bröckelt massiv.
Das Würzburger VDP-Weingut (VDP steht für den Verband Deutscher Prädikatsweingüter, einen Zusammenschluss der besten Weinproduzenten des Landes, die sich strengen Qualitätskriterien unterwerfen) Juliusspital zieht nach fast 90 Jahren die Reißleine und beendet die Bewirtschaftung dieser traditionsreichen Steillage.
Wo über Generationen hinweg Spätburgunder von Weltrang reiften, droht nun erst einmal die Verbuschung. Dieser Schritt ist kein lokaler Betriebsunfall. Er ist das Symptom einer tiefgreifenden Strukturkrise des deutschen Weinbaus. Hier trifft knallharte Betriebswirtschaft auf den veränderten Zeitgeist einer Republik, die schlicht das Trinken verlernt – oder zumindest sehr kreativ verlagert – hat. Doch wo eine Tür ins Schloss fällt, öffnet sich bekanntlich oft das nächste Weinfass.
Wenn der Bacchus gegen den Trend-Aperitif kämpft
Hinter der Winzerromantik tobt eine Absatzkrise, die sich nüchtern in Zahlen und leicht ironisch in soziologischen Trends abbilden lässt. Die klassischen Weintrinker, die noch pflichtbewusst jeden Abend ihren Schoppen leerten, werden weniger. Der Nachwuchs schwänzt derweil den Stammtisch.
Der Geschmackswandel der Jugend: Die nachfolgenden Generationen wurden von der Getränkeindustrie früh auf süße Mixgetränke und bunt schäumende Trend-Aperitifs konditioniert. Die herbe, komplexe Poesie eines im Holzfass gereiften Spätburgunders erschließt sich einem Gaumen, der auf künstliches Mango- oder Maracuja-Aroma geeicht ist, oft erst nach einer längeren Reifephase des Konsumenten selbst.
Sober Curious (ein moderner Lifestyle-Trend aus dem Englischen, bei dem Menschen ihren Alkoholkonsum bewusst hinterfragen oder ganz weglassen, ohne trockene Alkoholiker zu sein) und Wellness-Wahn: Alkoholkonsum gilt im hippen, urbanen Raum zunehmend als optimierungsbedürftig. Wer heute etwas auf sich hält, nippt beim After-Work-Meeting lieber an alkoholfreiem Ersatz-Gin oder fermentiertem Kombucha-Tee.
Das ist zwar gut für die Leberwerte am nächsten Morgen, lässt aber die Winzer im Steilhang ratlos zurück.
Die Globalisierung des Billigen: Im Supermarkt buhlen industrialisierte Massenweine aus Übersee für kleine Beträge um die Gunst der Schnäppchenjäger. Gegen diese maschinell geerntete Konkurrenz hat die Handarbeit am Mainviereck wirtschaftlich schlicht keine Chance.
Knochenarbeit im 70-Prozent-Hang
Hier liegt der sachliche Kern des Dilemmas: In der Mainhölle ist die Mechanisierung ein Fremdwort. Wo kein Vollernter fahren kann, ohne sofort die Gravitation am eigenen Leib zu erfahren, bedeutet jede Traube pure Knochenarbeit.
Jede Flutmulde muss von Hand gepflegt, jeder Rebstock einzeln umsorgt werden. Wenn am Ende des Jahres die Litererträge sinken und die jüngere Zielgruppe lieber zum Lifestyle-Drink greift, lässt sich dieser immense personelle und finanzielle Aufwand für ein Weingut – selbst von der Größe des Juliusspitals – nicht mehr rechtfertigen.
Das Spital muss als Stiftung schließlich auch Krankenhäuser und Pflegeheime finanzieren; da verbietet es sich von selbst, das Geld im Steilhang zu vergraben.
Die Hölle wird zum gallischen Dorf: Optimismus für die Zukunft.
Das Juliusspital betont jedoch, dass man Bürgstadt keineswegs im Stich lassen will. Man sucht händringend nach intelligenten Nachfolgelösungen. Und genau hier liegt die Chance für einen echten Neuanfang. Denn die Krise weckt auch kreative Energie.
Die Idee einer Aussichtsplattform steht bereits im Raum, die Touristen anlocken soll. Statt wehmütig beim Verbuschen zuzusehen, könnte die Mainhölle zum Hotspot für Weintourismus werden.
Wenn urbane Großstädter schon keinen Wein mehr trinken, wollen sie zumindest wandern, wo er wächst, und das perfekte Foto für die sozialen Medien schießen.
Zudem bietet der Rückzug des Riesen Platz für die lokalen Helden.
Die ortsansässigen Winzer in Bürgstadt sind bekannt für ihren Kampfgeist und ihre exzellente Qualität.
Vielleicht entsteht hier eine dynamische Winzergenossenschaft oder ein innovatives Gemeinschaftsprojekt, das die Filetstücke der Lage rettet.
Wenn kleinere, flexiblere Betriebe die Vermarktung selbst in die Hand nehmen und auf exklusiven Garagenwein (ein Begriff für Spitzenweine, die nur in extrem kleinen Mengen und oft mit viel Handarbeit abseits großer Industriehallen produziert werden) statt auf Masse setzen, könnte die Mainhölle eine Renaissance erleben.
Was bleibt, ist im ersten Moment feuilletonistische Melancholie.
Der Frankenwein war nie ein bloßes Getränk; er war destillierte Heimat und flüssiger Geist der Region.
Doch der Weinbau hat schon die Reblaus und den Frost überlebt, er wird auch den aktuellen Zeitgeist überstehen.
Die Bürgstadter Mainhölle verliert vielleicht ihren größten Pächter, aber ganz sicher nicht ihre Zukunft.
Am Ende ist es wie bei einem guten Wein: Manchmal braucht es einen radikalen Rückschnitt, damit die nächste Ernte umso kräftiger ausfällt.
Autor:Roland Schönmüller aus Miltenberg |
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