Bildergalerie und Essay.
Miltenberger Michaelismesse: Erinnerungen an die Zeit um 1970.
- Am historischen Marktpatz in Miltenberg
- hochgeladen von Roland Schönmüller
Michelsmess wie ein Sommertraum: Schlaghosen, Salzhering und das Schnatterloch um 1970.
Miltenberg. Ein warmer Spätsommer liegt über dem Maintal, weich wie ein langer Atemzug. In der Altstadt drängen sich Menschen, Stimmen und Düfte. Unten am Mainufer locken die Autoscooter mit bunten Lichtern, das Festzelt schwappt über vor Gelächter und Bier. Doch oben am Schnatterloch, eingerahmt von Fachwerk und Kopfsteinpflaster, schlägt das eigentliche Herz der Michelsmess: eng, lebhaft, voller Geschichten.
Der Duft ist unverwechselbar. Gebrannte Mandeln, Zuckerwatte, Bohnerwachs, Leder und heißes Fett mischen sich zu einer Wolke, die wie ein Versprechen über dem Platz hängt.
Die Menschen tragen Festkleidung: Herren mit breiten Krawatten, Damen mit mutigen Kleidern, Kinder mit glänzenden Augen. Man trifft sich am Brunnen, tauscht Neuigkeiten, lacht und schiebt sich weiter. In den Häusern duftet es nach Rinderbraten und kräftigem Kren, der als Grundlage für den langen Messetag gilt.
Ein Markt voller Stimmen und Handwerk.
Wer den Blick über das Gedränge schweifen ließ, sah eine kleine Welt aus Arbeit, Geschick und lauter Stimmen. Der Billige Jakob stand wie immer auf seinem Laster, schmetterte Sprüche über den Platz und verkaufte Socken, Hosenträger und allerlei Haushaltshelfer. Sein Lachen war so laut wie sein Geschäftssinn.
Daneben glänzten die Stände der Modehändler mit buntem Schmuck, gemusterten Tüchern und Handtaschen aus Kunstleder. Ein paar Schritte weiter schärfte der fliegende Messerschleifer die Küchenmesser der Hausfrauen.
Doch der eigentliche Schatz lag im alten Handwerkermarkt. Hier zeigte sich, was die Region seit Jahrhunderten trägt.
Der Bürstenbinder band Reisigbesen, Rosshaar‑Schrubber und feine Handbürsten. Der Duft von Borsten, Holz und Leim lag schwer in der Luft.
Der Borstenhändler bot Schweineborsten, Rosshaar und Pflanzenfasern an, sortiert nach Länge und Stärke, für Bürstenbinder und Drechsler.
Der Korbmacher stellte Weidenkörbe in langen Reihen aus, jeder ein Stück Handarbeit.
Der Holzdrechsler ließ Späne fliegen und formte Schalen, Knäufe und kleine Spielzeuge.
Der Seiler drehte Seile aus Hanf und Flachs, kräftig und rau.
Der Schindelmacher spaltete Holzschindeln, die im Sonnenlicht glänzten.
Der Töpfer verkaufte Kannen und Krüge, braun glasiert und zuverlässig.
Der Fellhändler bot Schaffelle, Kaninchen- und Ziegenfelle an, weich und warm.
Der Schuster zeigte Lederschuhe, Einlegesohlen und frisch genähte Riemen.
Der Zinngießer verkaufte Becher, Teller und kleine Figuren, die matt im Licht schimmerten.
Diese Stände waren das Rückgrat der Mess. Die Menschen kauften hier für das ganze Jahr, denn gegen diese Arbeit hatte die neue Plastikware keine Chance.
Zuckerwatte, Herzklopfen und kleine Wunder.
Zwischen all dem Handwerk lag die süße Welt der Jugend. Der Zuckerbäcker verkaufte Liebesäpfel und schokolierte Bananen. Die Lebkuchenherz‑Verkäuferin lockte mit Sprüchen, die mal zart, mal frech waren. Wer ein Herz verschenkte und ein Lächeln zurückbekam, ging später gemeinsam den Weg hinunter zum Mainufer, dem heimlichen Ort für Händchenhalten und erste Träume.
Für die Kinder war der italienische Eisverkäufer der Held. Mit seiner knatternden Piaggio Ape stand er am Rand des Platzes und drückte Vanille und Schokolade für zwanzig Pfennig in die Waffel.
Das Blaufieber – ein Miltenberger Geheimnis.
Der Mess‑Montag war ein Wunder für sich. Offiziell ein Arbeitstag, in Wahrheit aber der Tag, an dem Handwerker, Beamte und Angestellte blau machten. Schon am Vormittag traf man sich am Schnatterloch. Und wenn der Chef vorbeikam, war die Gefahr gering, denn meist saß er selbst schon mit einem Mess‑Hering und einem Schoppen Frankenwein da.
Der Hering aus dem großen Holzfass war Pflicht: salzig, kräftig und angeblich der beste Schutz für den langen Festzeltabend.
Wer eine Pause brauchte, kaufte ein Los für die Tombola und hoffte auf ein Kofferradio oder ein buntes Kaffeeservice. Andere ließen sich beim Hau den Lukas herausfordern, bis die Glocke oben aufleuchtete. Und wer eine Erinnerung wollte, setzte sich zu den Schnellzeichnern, die das Messe‑Gesicht in wenigen Minuten auf Papier brachten.
Fazit:
Die Michelsmess um 1970 war ein Sommerzauber aus Handwerk, süßen Düften, lauten Stimmen und stillen Momenten. Zwischen Schlaghosen und Fachwerk, zwischen Herzklopfen und Salzhering, zeigte sich eine Stadt, die Tradition und Aufbruch zugleich lebte. Dieser Zauber wirkt bis heute nach und bringt den Miltenbergern jedes Jahr ein Lächeln ins Gesicht.
Autor:Roland Schönmüller aus Miltenberg |
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