Bildergalerie und Essay.
Wald, Wind, Wertschöpfung: Die Miltenberger Höhenstadtteile Schippach, Berndiel, Wenschdorf & Co.
- Pferde am frühen Augustmorgen bei Schippach.
- hochgeladen von Roland Schönmüller
Die Miltenberger Michaelismesse steht vor der Tür. Grund genug, auch die hiesigen Höhenstadtteile in Bild und Wort mit Land und Leuten sowie in aktuellen Themen vorzustellen.
Wir starten mit Schippach, Berndiel, Wenschdorf und Monbrunn.
MILTENBERG / WENSCHDORF. Die Energiewende im Landkreis Miltenberg erreicht das Odenwald-Plateau.
Das Großprojekt im Vorranggebiet „Seboldsruhe“ nimmt konkrete Formen an, sorgt in den betroffenen Höhenstadtteilen jedoch für intensive Debatten zwischen wirtschaftlichen Chancen und Naturschutzbedenken.
Wald, Wind, Wertschöpfung: Miltenbergs Aufbruch auf die Höhe
Die Stadt Miltenberg am südlichen Mainviereck vereint eine historische Kernstadt mit fünf topographisch unterschiedlich gelegenen Stadtteilen.
Während das Zentrum im Tal liegt, erstrecken sich die ländlich geprägten Ortsteile Mainbullau, Schippach mit Berndiel sowie Wenschdorf mit Monbrunn auf den windreichen Hochflächen des Odenwalds.
Insgesamt zählt Miltenberg rund 9.640 Einwohner.
Genau auf diesen Höhenzügen – einer rund 65 Hektar großen Wald- und Freifläche nahe Schippach und Wenschdorf – plant die Stadt zusammen mit dem Regionalen Energiewerk Untermain (REW) den Bau von vier modernen Windkraftanlagen.
Diese sollen rechnerisch rund 23.000 Haushalte mit grünem Strom versorgen.
Ein Investor für Realisierung und Betrieb wurde vertraglich bereits gebunden.
Finanzielle Beteiligungsmodelle im Fokus.
Um die Akzeptanz vor Ort zu sichern, setzen die Planer auf finanzielle Anreize für die Gemeinschaft:
* Kommunale Erträge: Die Stadt Miltenberg erhält nach Paragraph 6 des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) eine jährliche Zuwendung von 30.000 Euro pro Windkraftanlage. Diese Erlöse sollen laut Verwaltung direkt in die Förderung lokaler Vereine fließen.
* Bürgerbeteiligung: Das REW verhandelt über exklusive Anlagemöglichkeiten für die Einwohner, etwa über festverzinste Nachrangdarlehen oder lokale Bürgerenergiegenossenschaften.
* Pachteinnahmen: Neben der Stadt als größter Waldbesitzerin profitieren auch private Grundstückseigentümer durch langfristige Standortsicherungsverträge.
Das sachliche Pro und Contra
Die Argumentationslinien in der Bevölkerung sind klar gezogen.
Befürworter verweisen auf die lokale Wertschöpfung, bei der finanzielle Gewinne direkt in der Region verbleiben, anstatt an Großkonzerne abzufließen.
Zudem sichern die Pacht- und Steuergelder die dörfliche Infrastruktur und leisten einen aktiven Beitrag zum Klimaschutz.
Kritiker äußern vor allem ökologische Bedenken: Für die Fundamente und Zufahrtswege müssen Waldflächen gerodet und versiegelt werden.
Zudem befürchten nahe Anwohner optische Beeinträchtigungen des Landschaftsbildes, gesundheitliche Sorgen durch Infraschall sowie potenzielle Umweltrisiken durch den Mikroplastik-Abrieb der Rotorblätter.
Im Herbst stehen dazu umfassende Bürgerversammlungen an.
Glosse: Post aus Wenschdorf – Vom Winde verdreht
121 Einwohner hat das schöne Dorf – und seit Neuestem exakt 121 diplomierte Windkraft-Experten.
Beim Feierabendbier im Ort wird nicht mehr über die anstehende Ernte oder die Schlaglöcher auf der Kreisstraße debattiert, sondern mit harten Bandagen kalkuliert.
Die Dorf-Gemeinschaft hat sich über Nacht in zwei unversöhnliche Lager gespalten: Die Rendite-Romantiker und die Infraschall-Inquisitoren.
Die eine Hälfte des Dorfes hat im Geiste schon das Sparbuch geplündert, um es in „festverzinste Nachrangdarlehen“ anzulegen.
Beim Sportverein Miltenberg spitzt man im Tal wohl schon die Bleistifte, um die windkraftfinanzierten Trikotsätze zu bestellen. „Wenn der Wind weht, rollt der Rubin!“, floskelte unlängst ein optimistischer Sportfreund am Stammtisch.
Auf der anderen Straßenseite herrscht dagegen die pure Endzeitstimmung. Hier formiert sich der Widerstand, tatkräftig unterstützt von den örtlichen Jägern. Die Waidmänner sehen das heimische Wild schon in kollektiver Panik vor dem Infraschall flüchten und sorgen sich um die Flugbahnen von Waldkauz und Schwarzstorch.
Wenn dort der Rasenmäher des Nachbarn anspringt, wird sofort geprüft, ob das verdächtige Brummen bereits der gefürchtete Infraschall der noch gar nicht gebauten Rotoren ist.
Dass man die 250 Meter hohen Spargel künftig bis weit ins Tal sehen wird, gilt in diesen Kreisen als visueller Terrorismus an der fränkischen Seele.
Zudem wird über den Mikroplastik-Abrieb der Flügel diskutiert, als stünde die Vergiftung des gesamten Jagdreviers kurz bevor.
Besonders skurril wird es bei den privaten Waldbesitzern. Wer ein Stückchen Grund auf der Höhe sein Eigen nennt, geht plötzlich mit merklich aufrechterem Gang durch die Gassen.
Man munkelt von Pachtverträgen, die den nächsten Mallorca-Urlaub auf Lebenszeit sichern könnten.
Wer dagegen leer ausgeht, weil sein Grundstück fünf Meter außerhalb der Vorrangzone liegt, entdeckt plötzlich seine tiefe, altruistische Liebe zum unberührten Pfauenschmetterling.
Wenn im Herbst die Herren vom Energiewerk zur offiziellen Infoveranstaltung in die Halle laden, wird Wenschdorf jedenfalls geschlossen anrücken.
Die einen mit dem Scheckbuch in der Tasche, die anderen mit dem Protestplakat im Anschlag.
Autor:Roland Schönmüller aus Miltenberg |
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