Bildergalerie und Essay.
Badische Landesbühne präsentierte imposantes Schauspiel.

Amal, die Krankenschwester, bittet Yael, die Soldatin, um Einreise.
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  • Amal, die Krankenschwester, bittet Yael, die Soldatin, um Einreise.
  • hochgeladen von Roland Schönmüller

Warten, Wunden, Wiederkehr – Aufführung „Gott wartet an der Haltestelle“ in Wertheim.

Ein Theaterabend, der Räume öffnete und Fragen stellte.

WERTHEIM. Am Dienstag, dem 14. April 2026 wurde im Saal der Alten Steige ein Theaterabend zelebriert, der nicht in klassischen Szenen, sondern in atmosphärischen Spannungen erzählte: „Gott wartet an der Haltestelle“ – inszeniert von der Badischen Landesbühne nach dem Stück von Maya Arad Yasur und Matthias Naumann.

Bereits der Titel versprach Trost und verwies zugleich auf eine Leerstelle, denn an dieser Haltestelle wurde nicht angekommen, sondern ausgeharrt, Gott blieb abwesend, das Warten wurde zum Zustand der Geschichte. Die Bühne verwandelte sich in ein abstrahiertes Diagramm des Nahostkonflikts, in dem Biografien, Gegenwart und Vergangenheit ineinanderflossen wie Sedimentschichten mutmaßlicher Hoffnung.

Im Zentrum: die Begegnung von Yael, einer israelischen Soldatin, und Amal, einer palästinensischen Krankenschwester. Mit der erteilten Passage entstand ein Fluchtpunkt der Menschlichkeit, der später in einem Selbstmordanschlag tragisch kulminierte. Die Inszenierung verweigerte eine moralische Eindeutigkeit, zeigte statt Schuld die Überforderung und statt einer klaren Entscheidung die Zwangslage – ein Brennpunkt, der die Kräfte eines Jahrhunderts bündelte, ohne sie zu lösen.

Die Verwendung von Pausen als ästhetisches Prinzip prägte den Abend: Zeit wurde gedehnt, bis sie ihre Funktion verlor. In diesen eingefrorenen Momenten entstand eine paradoxe Spannung – nichts geschieht und doch geschieht alles. Die Figuren verharrten, die Geschichte bewegte sich weiter, die Stille kommentierte lauter als jede Explosion.

Unvergessen blieb die Szene, in der alle Schauspieler auf einem Bein stehen – ein Bild, das die Fragilität des Gleichgewichts im Konflikt augenscheinlich machte. Die Körper schwankten, die Hände suchten Halt, die Gesichter erstarrten. Die bekannte Baumhaltung aus dem Yoga setzte einen stillen Akzent: Balance wurde zur sichtbaren Herausforderung, ein meditativer Moment inmitten des Chaos, der nach innerem Halt fragte, wo außen kaum einer zu finden schien.

Die Rück- und Vorblenden führten tiefer in die Biografien von Amal und Yael.

Amal wächst im Flüchtlingslager auf, ihr Bruder radikalisiert sich, die Familie verliert jede Freiheit.

Yael lebt in einer Gesellschaft, die von Angst geprägt ist. Die Inszenierung zeigte diese Lebenslinien als Verstrickungen, die sich kreuzen, ohne sich je zu berühren.

Zum Inhalt:

Ein Selbstmordattentat in Israel. Kurz davor hat die Soldatin Yael die Krankenschwester Amal ohne Passierschein ins Land gelassen. In Rück- und Vorblenden erzählt Maya Arad Yasur von einer Welt, die gefangen ist im Kreislauf.

Ein Kontrollposten zwischen Israel zwischen Israel und dem Westjordanland. Da ist Yael, eine israelische Soldatin, die ihr Land an der Grenze beschützen will. Ihr gegenüber steht Amal, eine palästinensische Krankenschwester. Yael hat in der Vergangenheit Amal und ihrem schwerkranken Vater bereits die Einreise wegen fehlender Dokumente verwehrt.

Auch diesmal hat Amal keinen Passierschein. Doch Yael empfindet Mitleid mit ihr und lässt die schwangere Amal ins Land – ein Akt der Menschlichkeit?

Kurze Zeit später explodiert eine Bombe in einem israelischen Restaurant. Ein Selbstmordanschlag, der 30 Menschen in den Tod reißt, eine Verzweiflungstat, ausgeführt von Anal.

Nach einem Leben im Flüchtlingslager in ihrer eigenen Heimat Palästina, nach der Tötung ihres Bruders durch das israelische Militär und den Tod ihres Vaters an der Grenze hatte sie der Manipulation durch radikale Kräfte nichts mehr entgegenzusetzen.

Die israelische Autorin Maya Arad Yasur untersuchte persönliche Schicksale zwischen Selbst- und Fremdbestimmung. Es ging ihr dabei nicht um Zuweisung oder Zurückweisung von Schuld, sondern um den Versuch, sich den Menschen in zwei Gesellschaften zu nähern, die in einem so asymmetrischen wie fatalen Kreislauf von Gewalt feststecken.

Das Regieteam und die Schauspielenden erhielten fachliche Begleitung von Experten mit israelischem und palästinensischem Hintergrund. Sie unterstützten die Inszenierung hinsichtlich kultureller und gesellschaftlicher Fragen, um ungewollte rassistische und antisemitistische Reproduktionen zu vermeiden.

In enger Zusammenarbeit vermittelten die Fachleute persönliche Einblicke in Alltag- und Familienleben, klärte die Aussprache von israelischen und palästinensischen (Eigen-) Namen und ordnete Narrative sowie textliche Ebenen sensibel ein.

Die Stimme des Wertheimer Publikums verlieh dem Abend zusätzliche Resonanz.

Eine Jugendliche aus Nassig beschrieb ihre Betroffenheit angesichts der erlebten politischen Konflikte und Schicksale auf der Bühne.

Ein Senior aus Tauberbischofsheim sprach von einer geglückten Balance von Schuld und Mitgefühl.

Ein weiblicher Gast, Ende 50, aus Bestenheid würdigte den Mut, schwierige Themen in Wertheim auf die Bühne zu bringen.

Dramaturgin Rica Hohmann eröffnete den Theaterabend zuvor mit Einblicken in die Inszenierung, die das Leitmotiv „Warten, Wunden, Wiederkehr“ unterstrichen und die Zuschauerinnen und Zuschauer auf einen vielschichtigen Diskurs vorbereiteten.

Im Foyer wurde während der Pause und am Schluss der Inszenierung intensiv diskutiert: Die Szene, in der Yael Amal trotz fehlender Papiere ins Land lässt, berührte ebenso wie der dramatische Anschlag. Die Stimmen aus dem Publikum spiegelten die Vielschichtigkeit wider und zeigten, wie Theater zu gesellschaftlichem Nachhall führt.

Am Ende stand ein langer Applaus der 115 Gäste, der weniger Erleichterung als das Eingeständnis einer bleibenden Erfahrung war.

„Gott wartet an der Haltestelle“ war kein politisches Statement, sondern ein Versuch, die Mechanik eines Konflikts offenzulegen, der sich jeder Lösung entzog.

Ein Abend, der nicht erklärte, sondern aussetzte – nicht beruhigte, sondern beunruhigte und öffnete.
Wertheim wurde Zeuge einer Theaternacht, die Kopf und Herz bewegte und Weltpolitik ins lokale Leben holte.
Ein Abend, der vielen Besucherinnen und Besucher nachhaltig in Erinnerung bleiben dürfte.

Roland Schönmüller (Text und Fotos)

BU 1: Dramaturgin Rica Hohmann erläuterte vor Beginn die Intention der Inszenierung. Foto Roland Schönmüller

BU 2: Unvergessen blieb die Szene, in der alle Schauspieler auf einem Bein stehen – ein Bild, das die Fragilität des Gleichgewichts im Konflikt augenscheinlich machte. Die Körper schwankten, die Hände suchten Halt, die Gesichter erstarrten. Die bekannte Baumhaltung aus dem Yoga setzte einen stillen Akzent: Balance wurde zur sichtbaren Herausforderung, ein meditativer Moment inmitten des Chaos, der nach innerem Halt fragte, wo außen kaum einer zu finden schien. Foto Roland Schönmüller

Autor:

Roland Schönmüller aus Miltenberg

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