Bildergalerie und Essay.
Zeugen aus rotem Stein.
- So entstand der Buntsandstein: Dieses Gestein bildete sich vor rund 250 Millionen Jahren im frühen Mesozoikum (Erdmittelalter).
Damals lagerten gigantische Flüsse in einem wüstenartigen Becken feine Quarzsandmassen ab, die über Jahrmillionen hinweg zu Stein gepresst wurden. - hochgeladen von Roland Schönmüller
Zur Geschichte und Geologie der historischen Steinbrüche bei Berndiel.
Miltenberg-Berndiel. Sie prägen das Gesicht unserer Heimat und erzählen von einer Jahrmillionen alten Erdgeschichte: Die roten Sandsteinbrüche rund um Miltenberg und seine Höhenstadtteile wie Berndiel.
Was einst als knochenharte Keimzelle der regionalen Wirtschaft begann und das Baumaterial für fast jedes historische Haus lieferte, hat sich heute in ein faszinierendes Mosaik aus Erdgeschichte, Industriekultur und unberührter Natur verwandelt.
Ein Blick zurück in die Zeit, als auf den Höhen des Odenwald-Spessart-Übergangs noch das dumpfe Schlagen der Hämmer den Takt angab.
Das Fundament aus Jahrmillionen.
Die Geschichte der Brüche beginnt lange vor den ersten menschlichen Spuren. Geologisch liegen Berndiel und die umliegenden Höhenorte Schippach und Wenschdorf auf den mächtigen Schichten des Unteren und Mittleren Buntsandsteins.
Dieses Gestein bildete sich vor rund 250 Millionen Jahren im frühen Mesozoikum (Erdmittelalter).
Damals lagerten gigantische Flüsse in einem wüstenartigen Becken feine Quarzsandmassen ab, die über Jahrmillionen hinweg zu Stein gepresst wurden.
Während im Maintal der gut zu bearbeitende Werkstein dominiert, tritt in den Höhenlagen um Berndiel vor allem der sogenannte Felssandstein zu Tage.
Er zeichnet sich durch einen extrem hohen Quarzanteil aus, der ihn zäh, feinkörnig und außergewöhnlich witterungs- sowie frostbeständig macht – ideale Voraussetzungen für ein langlebiges Baumaterial.
Jahrhunderte im Rhythmus des Steins.
Die Gewinnung des „Miltenberger Sandsteins“ reicht nachweislich bis in die Römerzeit zurück, erlebte jedoch im 19. und frühen 20. Jahrhundert ihren absoluten Höhepunkt.
In dieser Blütezeit galt die Devise: „Jedem Dorf sein Bruch“. Auch der Weiler Berndiel besaß eigene Abbaugebiete, um den lokalen Eigenbedarf zu decken.
Gewonnen wurde vor allem robuster Bruch- und Haustein. Er fand direkte Verwendung vor Ort: Für solide Fundamente, Viehtränken, landwirtschaftliche Tröge, Torpfosten und die dicken Stützmauern, die noch heute die terrassierten Hänge der Region sichern.
Auch die charakteristischen roten Sandsteinhäuser in Berndiel und Schippach zeugen direkt von diesem Abbau.
Der Transport ins Tal war ein logistischer Kraftakt. Mit schweren, von Ochsen oder Pferden gezogenen Holzfuhrwerken wurden die tonnenschweren Blöcke über steile Wald- und Hohlwege hinab nach Miltenberg geschafft.
Erst dort wurden die Steine auf die Maintalschifffahrt oder die Bahnstrecken verladen, von wo aus sie ihren Weg in die Prachtbauten von Frankfurt, Mainz oder Berlin fanden.
Knochenjob im Sandstein: Das entbehrungsreiche Leben der Steinhauer.
Hinter dem roten Stein verbirgt sich das Schicksal unzähliger Arbeiter.
Die Lebensrealität der „Steinbrecher“ war von extremer körperlicher Härte geprägt.
Maschinen gab es nicht; gearbeitet wurde mit purer Muskelkraft, schweren Vorschlaghämmern, Keilen und Brechstangen unter freiem Himmel – schutzlos ausgeliefert bei sengender Sommerhitze oder klirrender Winterkälte.
Da viele Männer in Berndiel im Haupterwerb Kleinbauern waren, ruhte das Handwerk im Sommer; der gefährliche Abbau fand überwiegend in den Wintermonaten statt.
Bezahlt wurde im Akkordlohn: Fror der Stein oder machte Blitzeis die Arbeit unmöglich, blieb die Kasse leer.
Der größte Feind der Arbeiter war jedoch unsichtbar: der feine Quarzstaub. Ohne Atemschutz oder Absauganlagen atmeten die Steinhauer den Staub jahrelang ungefiltert ein. Die unheilbare Staublunge (Silikose) war eine Volkskrankheit in den Höhenorten.
Die durchschnittliche Lebenserwartung eines aktiven Steinhauers lag im 19. Jahrhundert selten bei mehr als 35 bis 40 Jahren.
Historische Kirchenbücher der Region zeugen durch eine auffallend hohe Zahl von „Steinhauerwitwen“ von diesem tödlichen Erbe.
Das neue Leben der alten Wunden: Flora und Fauna heute.
Mit dem Aufkommen von Beton als billigem Massenbaustoff in der Mitte des 20. Jahrhunderts wurden die kleinen Höhenbrüche unrentabel und schließlich aufgelassen.
Doch wo die Wirtschaft ging, kam die Natur zurück. Heute sind die stillgelegten Brüche wertvolle ökologische Schatzkammern des Naturparks Spessart.
Die steilen, für Fressfeinde unerreichbaren Felswände dienen als streng geschützte Brutplätze für bedrohte Greifvögel und Eulen wie den Uhu und den Wanderfalken.
Auf den sonnenexponierten, trockenen Felsbändern und alten Abraumhalden haben wärmeliebende Reptilien wie die Zauneidechse und die Schlingnatter eine Heimat gefunden.
Die kargen, nährstoffarmen Böden bieten zudem seltenen Pionierpflanzen, Moosen und Flechten einen geschützten Raum, während an den Rändern langsam Birken und Zitterpappeln den natürlichen Waldumbau einleiten.
So sind die historischen Wunden im Hang heute zu lebendigen Denkmälern der Erd- und Menschheitsgeschichte geworden.
Autor:Roland Schönmüller aus Miltenberg |
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