Bildergalerie und Essay.
Wandlung, Wurzeln, Wiederkehr.
- In jedem Menschen bleiben Freude, Neugier und der Wille zum Glück lebendig – bisweilen gut versteckt, aber keineswegs abgemeldet.
- hochgeladen von Roland Schönmüller
Überlegungen zum Weinmonat Oktober.
„Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr“, schreibt Rainer Maria Rilke in seinem Gedicht Herbsttag. Ein strenger Satz – und für Immobilienmakler vermutlich der denkbar schlechteste Werbespruch des Jahres.
Rilke meint natürlich weit mehr als vier Wände, Dachrinne und einen Keller, in dem seit 1987 ein Glas eingeweckte Zwetschgen auf seinen großen Auftritt wartet. Sein Haus steht für Schutz, Bindung, Heimat und jene innere Ordnung, die uns auch dann zusammenhält, wenn draußen der Wind die Mülltonnen neu sortiert.
Der Oktober allerdings denkt gar nicht daran, sich schon zur Ruhe zu setzen. Der Weinmonat ist kein Endpunkt, sondern eine schwungvolle Schwelle. Die Tage tragen noch einen Rest Wärme im Jackett, während die Nächte bereits mit kalten Fingern anklopfen. Morgens liegt der Nebel über den Feldern, als habe die Landschaft ihre Brille verlegt. Später hebt er sich, die Sonne schaut nach dem Rechten, und das Laub legt los: Gelb, Kupfer, Rot – ein Abschied in Festgarderobe.
Gerade ältere Menschen verstehen diese Sprache ausgezeichnet. Sie haben oft genug erlebt, dass Werden und Vergehen, Festhalten und Loslassen, Aufbau und Umweg keine Gegensätze sind, sondern ein ziemlich eigenwilliges Doppel. Das Leben marschiert selten schnurgerade; es nimmt lieber die landschaftlich reizvolle Strecke mit Baustelle. Der Oktober führt das draußen vor, ohne Kommentar und ohne PowerPoint: Die Natur verliert ihre Blätter, aber keineswegs den Plan.
Natürlich lädt dieser Monat zum Bilanzieren ein. Was ist gewachsen? Was durfte reifen? Was musste weg – und warum ausgerechnet die Gartenbank, die doch „noch völlig in Ordnung“ war? Der sichtbare Ertrag ist eingebracht, nun beginnt der unsichtbare: Erfahrungen werden sortiert, Erinnerungen eingelagert, Hoffnungen winterfest gemacht. Nicht jedes Scheitern wird dadurch sinnvoll und nicht jeder Verlust leicht. Aber manches, was oben zerfällt, arbeitet unten längst an einem neuen Anfang.
Damit kommt das Haus wieder ins Spiel. Es kann eine innere Behausung sein, gebaut aus Erinnerungen, Beziehungen, Haltung und Vertrauen. Ein solches Haus schützt nicht vor jedem Sturm; dafür bräuchte es vermutlich eine sehr gute Versicherung. Aber es gibt dem Sturm einen Ort, an dem er ausgehalten werden kann. Wer ein langes Leben überblickt, weiß: Keine Tür steht ewig offen, keine Ernte ist selbstverständlich und selbst der stabilste Regenschirm klappt irgendwann auf links.
Gerade deshalb werden die kleinen Sicherheiten groß: ein gedeckter Tisch, eine vertraute Stimme, ein Weg, den man noch gehen kann, und vielleicht jemand, der unterwegs sagt: „Nimm eine Jacke mit.“ Das klingt wenig poetisch, ist aber womöglich eine der zuverlässigsten Formen von Zuneigung. Heimat zeigt sich schließlich nicht nur in großen Worten. Manchmal steht sie in Hausschuhen in der Küche und fragt, ob noch Kaffee da ist.
Am Anfang des Tages liegt der Nebel wie ein Fragezeichen über der Landschaft. Doch Nebel hat eine erfreuliche Eigenschaft: Er hält sich selten an seinen eigenen Auftrittsplan. Irgendwann hebt er sich. Dann zeigt sich, was die Wurzeln längst wussten: Nur weil die Krone leerer wird, ist der Baum noch lange nicht am Ende. In jedem Menschen bleiben Freude, Neugier und der Wille zum Glück lebendig – bisweilen gut versteckt, aber keineswegs abgemeldet.
So erzählt der Oktober von Wandlung, Wurzeln und Wiederkehr. Erneuerung beginnt nicht erst mit der ersten Knospe. Sie beginnt beim Loslassen, beim Kräftesammeln und beim Vertrauen darauf, dass unter dem gefallenen Laub bereits weitergearbeitet wird. Die Welt ruht noch nicht; sie verwandelt sich.
Und vielleicht ist das die heitere Antwort auf Rilkes strengen Vers: Ein äußeres Haus lässt sich nicht immer noch bauen. An der inneren Heimat aber können wir jederzeit weiterwerkeln – mit jeder Erinnerung, die wir bewahren, mit jeder Hand, die wir reichen, und mit jedem Morgen, an dem der Nebel endlich den Weg freigibt.
Roland Schönmüller
Autor:Roland Schönmüller aus Miltenberg |
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